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Bruzzone, der Sohn Verschwundener

Von Alexander U. Mathé

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Geprägt vom Jahr 76: Félix Bruzzone. Foto: youtube

Der argentinische Autor Félix Bruzzone ist einer der Stars der Buchmesse in Frankfurt. In seinen Büchern schreibt er über Menschen, die während der Militärdiktatur ihre Eltern verloren haben.


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Félix Bruzzones Eltern sind sogenannte "Desaparecidos". So nennt man in Argentinien die Menschen, die während der Militärdiktatur bis Anfang der 80er Jahre "verschwunden" sind. Nach ihrem Putsch 1976 gingen die Militärs gnadenlos gegen linke Gruppierungen vor. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Ermordeten auf 30.000. Die meisten Opfer sind bis heute spurlos verschwunden. Sie wurden verhaftet, anonym verbrannt, verscharrt oder aus Flugzeugen ins offene Meer gestoßen. Niemals sollte bekannt werden, was aus ihnen geworden war.

In jenem schicksalshaften Jahr 1976 erblickte Félix Bruzzone das Licht der Welt. Drei Monate vor seiner Geburt verschwand sein Vater, drei Monate danach seine Mutter, ohne dass man je wieder etwas von den beiden gehört hätte. So wuchs Félix bei seinen Großeltern auf.

Was es bedeutet, Desaparecidos als Eltern zu haben, beschreibt der Grundschullehrer mit abgeschlossenem literaturwissenschaftlichen Studium heute in seinen Büchern. Der Name seines letzten Werks ist bezeichnenderweise "76", die Zahl, die das bestimmende Element in seinem Leben sein sollte. Diese Jahr verfolgt ihn bis zum heutigen Tag. Ganz plötzlich, bei völlig harmlosen Situationen, kann es passieren, dass ihn unvermittelt seine Vergangenheit einholt. Etwa wenn ihn eines seiner Kinder fragt, wo denn die Oma, also Félix Mutter, sei. Was für andere eine völlig normale Frage ist, wird für Bruzzone zu einer tristen Konfrontation mit der Realität, denn die Antwort auf diese Frage wird er wohl nie wissen.

Eine Frage, die er selber als Kind seinen Großeltern gestellt hat, die ihn auf eine Zeit vertrösteten, in der er alt genug sei, alles zu verstehen. Erst als Jugendlichem erzählten sie ihm vom Leben der beiden Angehörigen der Guerillaorganisation "Revolutionäre Volksarmee". Lange Zeit verübelte Bruzzone seinen Eltern, dass sie diesen gefährlichen Pfad beschritten hatten, wo doch gleichzeitig eine Verantwortung ihm gegenüber gegeben war.

Vielleicht hatte Bruzzone in gewisser Hinsicht aber mehr Glück als andere. Immerhin wusste er, wer seine wahren Eltern waren. Während der Militärdiktatur wurden nämlich Babys von Revolutionären gerne regimetreuen Familien zur "Adoption" übergeben.

Die Problematik der Desaparecidos war in Europa bisher unterschwellig bekannt. Doch nun könnte sie größere Aufmerksamkeit erhalten. Denn auf der Frankfurter Buchmesse steht heuer Argentinien im Mittelpunkt und mit dem Land der aufstrebende junge Autor Bruzzone und sein Schicksal.

Dabei kommt das Interesse an seinen Texten für Bruzzone überraschend. Er verstehe nicht, warum man sich für diese Problematik hierzulande interessiere, erklärte er. Vielleicht liegt das Interesse des Lesers ja genau darin, ihn und sein Schicksal zu verstehen.