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Bücher, die im Herzen brennen

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Eine Art "literarischer Wiedergutmachung" findet am Samstag und Sonntag am ehemaligen Kaiser-Franz-Joseph-Platz neben der Staatsoper statt: Das Berliner Bücherfest. | Am 10. Mai 1933 um acht Uhr abends begann in Berlin ein seltsames Volksfest: Trotz strömenden Regens rotteten sich riesige Zuschauerscharen zusammen. Unter dem Kommando des SA-Führers "Stillgestanden. Im Gleichschritt marsch!" und dem Vorantritt einer Musikkapelle setzte sich ein Fackelzug Ornat tragender Professoren und Corpsstudenten im Wichs auf den Weg zu einer gespenstischen Richtstätte. Auf dem Kaiser-Franz-Joseph-Platz, zwischen der Staatsoper Unter den Linden und dem Aulagelände, hatten Möbeltransporter wertvollste Schätze wie Müll auf einen riesigen Holzstoß gekippt.


Eine gaffende Menschenkette bildete Spalier und stieß zu den seit Stunden auf dem Platz Versammelten. Um 9 Uhr war der für den Verbrennungsakt bestimmte Raum von dichten Menschenmassen umstellt. Sieben Scheinwerfer standen bereit, um bei dem nun folgenden Akt Tageshelle zu verbreiten. Zunächst hielt der Reichspropagandaminister einen Vortrag wider den undeutschen Geist. Dann, unter dem Gejohle der Studenten und des Pöbels, wurden 25.000 Bücher den Flammen übergeben.

Einer, dessen Bücher "von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt wurden", war mitten in der Menge: Erich Kästner erinnerte sich später, er sei der einzige der Geächteten gewesen, "der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt . . . "

"Bis zum Brandenburger Tor sah man Menschenmassen in Bewegung, so dass der Eindruck eines Volksfestes hervorgerufen wurde", schrieb damals die "Deutsche Allgemeine Zeitung".

Ein Volksfest ganz anderer Art findet an dieser geschichtsträchtigen Stelle am heutigen Samstag und am Sonntag statt: Zehntausende Bücherwürmer werden in einer Art literarischer Wiedergutmachung den bösen Genius loci zu bannen versuchen. Die Veranstalter des Berliner Bücherfests versprechen "friedliche Turbulenzen" - und bei insgesamt 87 teilnehmenden Buchhandlun gen, Verlagen und Institutio nen kann es am Wochenende schon zu einigem Wirbel kommen. Immerhin lesen und signieren in den drei aufgestellten Zelten so prominente Autoren wie der Büchner-Preisträger Volker Braun oder der "Spiegel"-Re porter Alexander Osang. Maxim Biller will in seinen Short Stories erklären, was es mit der "Liebe heute" auf sich hat, und der indische Erzähler Kiran Nagarkar stellt noch einmal seinen viel gerühmten Roman "Gottes kleine Krieger" vor.

Seit DDR-Zeiten heißt der Platz August-Bebel-Platz, nach dem Mitbegründer und langjährigen Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie. Hier erinnert das im Straßenboden eingelassene Denkmal "Versunkene Bibliothek" an die Kulturbarbarei der Nazis.

Am Wochenende werden rund hundert Bücherstände von drei Lesezelten umrahmt, in denen den ganzen Tag literarische Events stattfinden. So liest zum Beispiel die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin des Jahres 1986, Katja Lange-Müller, heute aus ihrem Band "Die Enten, die Frauen und die Wahrheit" im kleinen Lesezelt.

Ein Kinderzelt mit Sommergarten soll die Leser von morgen verführen, denn wie schon Marcel Proust bemerkte: "Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glauben, wir hätten sie nutzlos vertan: Die nämlich, die wir in der Lektüre eines Lieblingsbuches verbrachten."

Bücher sollen künftig im Herzen brennen - nie wieder auf Scheiterhaufen.