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Bücher mit leeren Seiten

Von Gerald Schmickl

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Schon nach der ersten Sendung von Elke Heidenreichs neuem ZDF-Büchermagazin "Lesen" wanderten alle von ihr empfohlenen Bücher auf die deutschen Bestsellerlisten. Das wird nach der dieswöchigen zweiten Sendung nicht anders sein, hatte sie doch mit Marcel Reich-Ranicki den bewährtesten aller literarischen Trommler zu Gast. Daher darf man jede Wette eingehen, dass die von ihm mit üblichem Temperament gepriesenen Bücher von Daniel Kehlmann und Undine Gruenter bald in großer Zahl verkauft werden (und vielleicht sogar gelesen). Obwohl die halbstündige Sendung von Heidenreich mit ihrer Häppchenkultur nicht viel hermacht, ist es doch erstaunlich, welch enormen Einfluss ein paar Tipps auf das Leseverhalten breiter Schichten haben. Und wie sehr das Fernsehen als Werbemaschine für Bücher taugt (viel besser als Zeitungen!).

Umso erstaunlicher ist es, dass der ORF seit vielen Jahren keine eigene Büchersendung zusammenbringt. Sie würde seinem Auftrag in fast exemplarischer Form entsprechen - und dem Buchhandel in diesem Land mächtig auf die Sprünge helfen. Nun gibt es zwar neuerdings die ehrenwerte "Buch-Bestenliste" des ORF, die monatlich von Kritikern erstellt wird und zehn Bücher empfiehlt, allerdings fehlt die entsprechende TV-Sendung dazu (die Liste und der jeweilige Spitzenreiter werden lediglich in "Treffpunkt Kultur" kurz präsentiert). Das ist so, wie wenn man Motoren baute, dafür aber keine geeigneten Autos hätte. Oder - ein vielleicht treffenderer Vergleich - Bücher mit leeren Seiten druckte.