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Buchhaltung im Tauschhandel

Von Eva Stanzl

Wissen
Zählsteine: Aufzeichnungssysteme sind Meilensteine der Entwicklung.
© Ziyaret Tepe Archaeological Project

Prähistorische Buchführung: Die Assyrer verwendeten Zählsteine und Keilschrift zugleich.


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Cambridge/Wien. Obwohl Menschen heute jeden Satz in den Computer tippen können, schreiben sie auch mit Bleistift, Kugelschreiber oder Füllfeder. Moderne und tradierte Methoden sind parallel im Einsatz. Britische Archäologen haben nun entdeckt, dass auch die Buchhaltung solche Entwicklungen durchlief. Der prähistorische Tauschhandel wurde mit Zählsteinen dokumentiert. Bisher nahmen die Forscher an, dass diese unterschiedlich geformten Tonsteine nach der Erfindung der Keilschrift verschwanden. Nun aber zeigt sich, dass beide Systeme gleichzeitig in Gebrauch waren.

Vor 6000 Jahren ließen sich Menschen in Mesopotamien, das durch die Flüsse Euphrat und Tigris geprägt war, dauerhaft nieder. In Uruk, der wichtigsten frühsumerischen Stadt mit mehreren 10.000 Einwohnern, mussten Arbeiten koordiniert, Waren bestellt und abgerechnet werden. Ein Auszug aus dem Kodex Hammurabi zeigt, wie der Handel ablief: "Wenn eine Schankwirtin 60 Liter Bier auf Borg gegeben hat, wird sie zur Erntezeit dafür 50 Liter Gerste erhalten." Den Verwaltungsaufwand bewältigten die Beamten mit kleinen Tonsteinen, auch "Tokens" genannt. Obwohl die Entwicklung der Keilschrift durch die Assyrer vor 3000 Jahren erstmals nachhaltige Aufzeichnungen ermöglichte, benutzten die Beamten die Zählsteine weiterhin. Hunderte von Tokens aus dem ersten Jahrtausend vor Christus belegen, dass sie an diesem Anachronismus weitere 2000 Jahre festhielten.

John Mc Ginnis und sein Team von der Universität Cambridge untersuchen die Funde aus der neuassyrischen Provinzhauptstadt Tuschen, die vom 9. bis zum 6. Jahrhundert vor Christus unter dem Ruinenhügel von Ziyaret Tepe in der südöstlichen Türkei lag. In einem Verwaltungsgebäude fanden sie Tontafeln, Siegel, Gewichte und mehr als 300 Tokens in Form von Kegeln, Pyramiden und Scheiben, aber auch Stierköpfen. All dies belege die parallele Verwendung der unterschiedlichen Verwaltungshilfen, schreiben die Forscher im "Archeological Journal".

Da kein schriftliches Dokument vorliegt, das ihre Verwendung entschlüsselt, geben die Zählsteine Rätsel auf. Einer Theorie zufolge hatten sie anders als Geld keinen Wert, sondern fungierten als eine Art Mittelding zwischen Wechsel und Vertrag. Verschiedene Zählstein-Formen symbolisierten verschiedene Mengen und Güter, etwa Weizen oder Tiere. Käufer und Verkäufer tauschten Güter wie Tokens. War der Handel abschlossen, wurden die Tokens zur Dokumentation setzkastenartig in Tontafeln verplombt.

Einer anderen Theorie zufolge waren die Steine Vorläufer der Keilschrift. "Es gibt Steine, die Schriftzeichen wiedergeben und Symbole, aus denen sich später Keilschriftzeichen entwickelt haben. Was sie symbolisierten, hing auch davon ab, wie sie mit den späteren Schriftzeichen übereinstimmten. Zudem gibt es Tonsteine, die Zahlen betreffen", erklärt die Wiener Archäologin und Keilschriftforscherin Erika Bleibtreu.

Bewegliche Zahlen

Warum aber behielten die Assyrer die Tokens? "Wie eine schriftkundige Gesellschaft vielfältige Aufzeichnungen macht, haben sich hier Systeme der Buchhaltung ergänzt", sagt Studienleiter John McGinnis. In Tushan fanden die Forscher Tontafeln mit Keilschrift und solche mit verplombten Tokens. Die Forscher sehen zwei Vorgänge: den Handel selbst und den Informationsfluss über das Geschäft. Bauern, Hirten und Händler hatten Tonsteine für ihre Waren dabei. Die Informationen darüber wurde weitergereicht so lange, bis der Deal besiegelt war und in die Tontafeln verewigt werden konnte.

McGinnis zufolge brachte die Keilschrift Fortschritte in der Buchhaltung, jedoch besaßen nur die Tonsteine genug Flexibilität für den Handelsverlauf. Die Kombination der Systeme ermöglichte eine ausgeklügeltere Buchführung als ein System alleine. "Tokens sind bewegliche Zahlen. Die Daten konnten aktualisiert werden, ohne dass jedes Mal eine ganze Tontafel dafür draufging", sagt er. Möglicherweise nutzte das gesamte assyrische Reich, von der Türkei über Syrien bis in den Irak ein solches Parallelsystem. McGinnis hofft auf eine Tontafel, die Güter in Zählsteinen inventarisiert und sie in Keilschrift benennt: "Den Code für das Zählstein-System zu knacken wäre ein Traum", sagt er. Wie der Stein von Rosette die Übersetzung der Hieroglyphen ermöglichte, könnte eine solche Tafel helfen, das Token-System zu entschlüsseln.