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Büffeln für erste Runde im TV-Ring

Von Alexander Mathé

Politik

Der Wahlkampf in den USA geht in die Zielgerade. Heute Nacht stehen einander die zwei Präsidentschaftskandidaten im Fernsehen gegenüber. Beim ersten von drei "Bush gegen Kerry"-TV-Duellen wurde nichts dem Zufall überlassen. Einzig der Ausgang der Wahl in fünf Wochen ist noch ungewiss.


Die Präsidentschaftskandidaten sitzen seit Tagen in ihren Kämmerchen und büffeln für den großen Tag. Wenn dann schließlich die große Stunde kommt, treten sie zu ihrer Prüfung an, wie Schüler zur Matura. Das TV-Duell ist bis ins kleinste Detail geregelt. Schummeln verboten. Nur mit Papier und Bleistift dürfen sich die Kandidaten der Prüfungskommission der Wähler präsentieren. Einsagen ausgeschlossen: Beratern ist es verboten, Informationen einzuflüstern.

Dass die beiden trotz der Hitze des Gefechts nicht ins Schwitzen kommen, dafür sorgt die fest vorgeschriebene Raumtemperatur. Wieder ein Detail des 32 Seiten fassenden Regelwerks, das auszuhandeln die Vertreter beider Parteien bereits vor einem halben Jahr begonnen haben.

Diese erste von drei Prüfungen wird die Themenbereiche Außenpolitik und Heimatschutz umfassen. Ein Großteil der Debatte wird sich also um den Irak drehen. Ein heißes Pflaster für beide Kandidaten. Bush hat in seiner Kampagne ein allzu rosiges Bild der derzeitigen Situation gezeichnet. Jetzt muss er sich vorwerfen lassen, sich in einer Phantasiewelt verloren zu haben.

Kerry hingegen tritt an, um sein Image als Wendehals loszuwerden. Seinerzeit hatte er im Senat für die Autorisierung des Präsidenten zur Invasion gestimmt, inzwischen spricht er aber von einem "falschen Krieg".

Aktuellen Umfragen zufolge führt Bush um sechs Prozentpunkte vor Kerry. Sollte der Präsident nicht gerade einen Riesenschnitzer machen, könnte ihm nach Einschätzung von Analytikern allenfalls die Rückkehr zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen drohen, wie es sich bis zum republikanischen Wahlparteitag Ende August abgezeichnet hatte. Für Kerry geht es dagegen wahrscheinlich um Sein oder Nichtsein.

Grund genug für Bushs Gegner zum Angriff zu blasen: Der amerikanische Finanzmagnat George Soros hat am Dienstag eine Kampagne gegen die Wiederwahl von US-Präsident Bush begonnen. Zwischen 2 und 3 Mio. Dollar (1,6 bis 2,4 Mio. Euro) will sich der Milliardär in den nächsten Wochen seinen Anti-Bush-Feldzug kosten lassen. Er will persönlich mehrere Städte bereisen sowie Anzeigen in zahlreichen Zeitungen schalten und über zwei Millionen Broschüren drucken lassen. Der gebürtige Ungar hat bereits rund 18 Mio. Dollar an eine Reihe parteiunabhängiger Organisationen wie MoveOn.org und America Coming Together gespendet, die gegen eine Wiederwahl des Republikaners Bush kämpfen.

Der "Lone Star Iconoclast", eine kleine Zeitung in Crawford, der Heimatstadt von US-Präsident George W. Bush, hat auch zur Wahl Kerrys aufgerufen: Die Texaner sollten nicht im kleinen lokalen Rahmen denken, sondern im großen Horizont, daher sollten sie Kerry wählen, weil er die Würde Amerikas wieder herstellen könne. Das Blatt hatte im Jahr 2000, seinem Gründungsjahr, noch Bush bei der Präsidentenwahl unterstützt.

Wählergunst: Eine Frage der Ausstrahlung

Nicht nur der Inhalt der Debatte entscheidet über die Gunst der Wähler. Ausstrahlung und Charakter haben ebenfalls einen großen Einfluss auf die erhofften Sympathiewerte. Bush dürfte es hier etwas leichter haben als Kerry. Er konnte in letzter Zeit mit Selbstironie bei der Wählerschaft punkten. Kerry hingegen muss dem Image des steifen Langweilers entgegentreten, das ihm von Kritikern aufgesetzt wurde.

In Fragen Optik hat der 1,95 Meter große John Kerry die Nase vorn. Vereinbart wurde, dass keiner der beiden auf einem Podest stehen darf. Ein klarer Nachteil für den nur 1,79 Meter großen Bush. Um den Größenunterschied voll auszukosten sollen Kerrys Berater ihrem Chef empfohlen haben, den Moment des Handshakes so lange wie möglich hinauszuzögern. So hätten die Fotografen genug Zeit, Kerry als väterliche Figur neben dem kleinen Präsidenten im Bild festzuhalten. Detail am Rande: Bis auf zwei Ausnahmen hat die US-Präsidentschaftswahlen jedesmal der größere Kandidat gewonnen.

Dennoch wird sich Kerry wahrscheinlich Selbstbeherrschung antrainieren. Die Kameras dürfen nämlich nur den Kandidaten zeigen, der gerade am Wort ist. Diese Tatsache hatte Bush bereits beim Gouverneurswahlkampf 1998 auszunützen gewusst. Er schnitt damals seinem Gegner Gesichter während dieser am Wort war und brachte ihn so aus dem Konzept.

Bei einer solchen Fülle an Lernstoff ist die tagelange Klausur nur allzu verständlich. Nachdem das Regelwerk kaum mehr Platz für unerwartete äußere Einflüsse lässt, gilt es für die Kandidaten, sich auf den nicht berechenbaren Faktor zu konzentrieren: Den Gegner. George W. Bush hat sich ein Kerry-Double zum Training geholt. Die Rolle seines Kontrahenten übernimmt Senator Judd Gregg aus New Hampshire. Damit betraut Bush einen Mann der bereits Erfahrung auf dem Gebiet hat. Gregg hat schon vor vier Jahren als Double des damaligen Herausforderers Al Gore gedient.

Aber auch Kerry hat einen Sparring-Partner. Für ihn schlüpft Gregory Craig, ein Anwalt aus Washington, in die Rolle von George W. Bush.

Sorgen über eine direkte Konfrontation in der TV-Debatte, müssen sich die Kandidaten aber nicht machen: Die Kontrahenten dürfen einander keine Fragen stellen.

Während sich die Kandidaten auf ihre "Reifeprüfung" vorbereiten, hat eine Delegation der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Zweifel daran geäußert, dass die USA reif für die Wahl seien. Vor allem die Wahlmaschinen könnten Ärger machen. So seien beispielsweise viele neue Berührungsbildschirme nicht in der Lage, Papier-Wahlzettel zu erstellen, die für eine Nachzählung mit der Hand benötigt würden. Diese Art von Wahlmaschinen soll von rund 50 Millionen Wählern benutzt werden. Im Jahr 2000 hatte es im wahlentscheidenden Staat Florida einen langen Streit um die Nachzählung der meist mit Wahlmaschinen abgegebenen Stimmen gegeben.