Zum Hauptinhalt springen

Bulgarien droht der Pflegenotstand

Von Thomas Veser

Reflexionen
Die Geburtsklinik Maichin Dom in Sofia gilt als Ikone des bulgarischen Gesundheitssystems. Doch das Land hat mit akutem Personalmangel im Medizinbereich zu kämpfen.
© Veser

Kümmerliche Gehälter, widrige Arbeitsbedingungen und geringe Aufstiegschancen treiben Gesundheitsfachkräfte aus dem Land im Südosten Europas in andere EU-Staaten.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 5 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Schon während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester liebäugelte Juliana Stankova mit dem Gedanken, nach Deutschland auszuwandern. Weil sie für die Bewerbung neben ihrem EU-weit anerkannten bulgarischen Di-plom und einer mindestens dreijährigen Berufserfahrung auch gute Deutschkenntnisse vorweisen musste, eignete sie sich in einer der zahlreichen Fremdsprachenschulen in Sofia berufsbegleitend die Sprache Goethes an.

Dass Juliana Stankova gleich auf Anhieb eine Stelle fand, ist nicht überraschend. In Deutschland, aber auch in Großbritan-nien, sind Gesundheitsfachkräfte aus dem Balkanland schon seit Jahren sehr gefragt. Geschätzt wird in diesen Zielländern nicht nur das gute Niveau der bulgarischen Krankenpflegeausbildung; Bulgaren gelten allgemein als besonders fremdsprachenbegabt. Deshalb findet man sie auch in zahlreichen anderen Ländern, darunter die USA, Kanada und sogar Südafrika.

Finanziell abgespeist

"Die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften ist heutzutage eine wohlorganisierte Jagd nach Talenten, und das gilt auch zunehmend für den Pflegesektor", erklärt die auf Arbeitsmigration spezialisierte Gesundheitsberaterin Mireille Kinga. Ohne massive Zuwanderung würde in den Industrieländern das Gesundheitssystem vielfach nicht mehr funktionieren.

Meist sind es die geringen Verdienstmöglichkeiten, die bulgarische Fachkräfte veranlassen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Bekommt ein Facharzt in der Hauptstadt monatlich umgerechnet 900 Euro, müssen sich Ärzte auf dem Land häufig mit der Hälfte zufriedengeben. Noch eklatanter sind die Einkommensunterschiede bei Krankenpflegepersonen: Während die Arbeit einer OP-Schwester in Sofia mit bis zu 400 Euro vergütet wird, werden die Kolleginnen in entlegenen Gebieten nicht selten mit umgerechnet 130 Euro abgespeist.

Weil man damit wahrlich keine großen Sprünge machen kann, müssen viele Pflegepersonen zusätzliche Jobs übernehmen. Die Jüngeren wollen das nicht mehr länger akzeptieren und verlassen ihre Heimat. Wie die Vorsitzende des bulgarischen Verbandes der Pflegefachkräfte BAHPN, Stanka Markova, mitteilt, sind von den gut 55.000 Krankenschwestern, die vor der im Jahr 1989 erfolgten Wende tätig waren, nur knapp die Hälfte im Land geblieben. Derzeit liege das Durchschnittsalter der Krankenschwestern bei etwa 50 Jahren. Der Anteil jüngerer Fachkräfte unter 30 Jahren beträgt gerade einmal vier Prozent. "Inzwischen ist der Mangel an Krankenschwestern deutlich zu spüren, und zwar nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Hauptstadt", berichtet sie.

Auf die Personalanwerbung spezialisierte Agenturen sind in Sofia seit Jahren allgegenwärtig. Sie mieten für Ihre Anwerbungskampagnen Konferenzräume in Hotels und fischen dort in allen Branchen die Besten heraus. Mit verheerenden Folgen für Bulga-rien: Seit 1990 hat das Land, das derzeit sieben Millionen Einwohner zählt, durch Migration über zwanzig Prozent seiner Bevölkerung verloren, damit kann Bulgarien weltweit einen traurigen Rekord verbuchen. Ob die Abwanderung schon zuvor ein Wunsch war oder auf die Bemühungen der "Kopfjäger" zurückgeht, lässt sich schwer abklären. Bei einer dieser Veranstaltungen treten verschiedene Agenturen auf, die vor allem für die westlichen und nördlichen Länder nach Gesundheitspersonal Ausschau halten. Das sorgt für Konkurrenzdruck, der im Raum schon nach kurzer Zeit eine Atmosphäre der Spannung schafft.

Diana Csiri von der rumänischen Rekrutierungsagentur EGV zieht am Ende des Tages Bilanz. Sie bezeichnet den Andrang bulgarischer Gesundheitsfachkräfte als riesig. Auf der Suche nach einer Stelle hätten sich bei ihr rund 300 Interessenten gemeldet, fast ein Drittel habe spontan einen Bewerbungsantrag ausgefüllt. Überraschend groß sei der Anteil erfahrener und spezialisierter Bewerber, sagt sie. Aber auch bereits Studierende äußerten die Absicht, nach dem Abschluss außerhalb Bulgariens zu arbeiten.

"Geeignete Kandidaten müssen die Sprache des Ziellandes gut beherrschen. Wer für den deutschsprachigen Raum ein Sprachdiplom des bulgarischen Goethe-Instituts vorweisen kann, hat gute Chancen, den Zuschlag zu erhalten", erläutert sie. Nach Auskunft von Sprachlehrpersonen stellen heute in vielen Kursen Ärzte und Pfleger die Mehrheit. Nicht nur das Geld lockt: "Praktisch alle erfolgreichen Bewerber haben im Gastland die Möglichkeit, sich weiterzuqualifizieren und Karriere zu machen", bekräftigt Diana Csiri.

Fast alle bulgarischen Gesprächspartner hätten durchblicken lassen, dass sie Arbeiten und Leben im Ausland auf ein paar Jahre begrenzen und nach ihrer Rückkehr mit dem Ersparten ein Haus bauen wollten. "Aber das ist ein weitverbreiteter bulgarischer Traum, meistens bleiben sie im Gastland", meint sie.

"Kulturschock"

Auch die britische Agentur Victor Wolf Ltd. umwirbt Fachkräfte, die im Gesundheitssektor des Vereinigten Königreichs eine berufliche Zukunft suchen. Geschäftsführer Max Wolf hält vor allem gezielt Ausschau nach passenden Krankenpflegern. Seiner Erfahrung nach unterschätzen viele Bewerber die Erfordernisse und Schwierigkeiten in den Gastländern. "Oft finden sie sich im neuen Umfeld nicht zurecht, weil ihnen niemand hilft, und erleiden dann einen regelrechten Kulturschock", gibt er zu bedenken.

Da selbst eine hervorragende Qualifikation für sich alleine genommen nicht garantiert, dass der berufliche und private Alltag reibungslos verläuft, prüft Wolf insbesondere, wie es um die Motivation der Kandidaten bestellt ist. "Wenn sie die Unterlagen ausgefüllt haben, müssen sie mir im Gespräch persönlich überzeugend darlegen, dass das, was da steht, auch stimmt", betont er. Um sich mit den Eigenarten und Gepflogenheiten Großbritanniens vertraut zu machen, bietet die Agentur vorab landeskundliche Kurse sowie Sprachausbildung an. Zudem können sich angehende Krankenpflegerinnen als "Au-pair" in eine Familie vermitteln lassen. Kommt der Arbeitsvertrag nicht zustande, erstattet die Agentur die Kursgebühren zurück.

Wie schwierig es für ausländisches Pflegepersonal ist, auf der Nordseeinsel beruflich Fuß zu fassen, zeigt die hohe Zahl an abgelehnten Kandidaten. Von etwa 40.000 Krankenpflegern, die sich nach Angaben der Rekrutierungsagentur in den vergangenen Jahren um eine Stelle bemüht hatten, haben demnach nicht einmal 300 den staatlich vorgeschriebenen zusätzlichen Qualifizierungskurs für ausländisches Personal bestanden.

Bulgariens größte Frauen- und Geburtsklinik "Maichin Dom" (Mütterhaus) wurde 1901 gegründet und zählt zu den ältesten Spitälern des Balkanlandes. Nicht nur Patientinnen, die in der staatlichen Krankenversicherung sind, haben dort Anspruch auf Behandlung, auch Privatpersonen werden gegen Bezahlung von ihren Leiden kuriert. Viktor Borissov Zlatkov leitete bis zu seiner Berufung als Rektor der Medizinischen Hochschule Sofia die Geschicke des Spitals, in dem jährlich im Schnitt 4000 Kinder das Licht der Welt erblicken. Fraglos zählt das Maichin Dom zu den nationalen Ikonen auf dem Gesundheitssektor. Sichert das hohe Ansehen jedoch auch genügend Pflegefachkräfte?

Verlorenes Prestige

Der Professor reagiert auf diese Frage ausweichend. Er könne gut nachvollziehen, dass jüngere und mobile Fachkräfte, die finanziell gut dotierte Angebote im Ausland erhielten, abwandern, stellt er nüchtern fest. Da jedoch Sofia als größte Stadt des Landes eine renommierte medizinische Hochschule beherberge, seien dem Maichin Dom bisher personelle Engpässe erspart geblieben.

Von solchen Zuständen kann man auf dem Land nur träumen. Dort suchen die mit knappen Budgets ausgestatteten Spitäler verzweifelt nach Fachkräften. Als Gegenveranstaltung zur Anwerbungsaktion der Agenturen organisiert die Medizinische Universität hin und wieder Treffen, bei denen Ärzten und Pflegepersonal eine Art nationale Stellenbörse angeboten wird.

Da gibt es zwar gewiss auch die eine oder andere attraktive Stelle als Alternative zur Emigration; allerdings hat der einst hoch angesehene Beruf in Bulgarien stark an Prestige verloren. Die seit Jahren angekündigte Reform des Gesundheitssektors, kritisiert Professor Stanka Markova, sei bisher auf Personalkürzungen vor allem zulasten des Pflegepersonals beschränkt worden.

Derweil überlegt die Regierung, wie sich die drohende Katastrophe doch noch abwenden lässt. So wurde angeregt, pensionierten Krankenpflegern vor allem auf dem Land den Wiedereinstieg schmackhaft zu machen. "Von den Krankenschwestern im Ruhestand arbeiten etliche sogar mit 70 Jahren weiter, einerseits weil der Personalmangel akut ist, andererseits weil sie mit der bescheidenen Rente nicht überleben können", gibt Stanka Markova zu bedenken.

Nach dem Vorbild der westlichen und nördlichen EU-Länder hat die Regierung angeregt, in der Türkei oder in den Ländern des indischen Subkontinents Ausschau nach Fachkräften zu halten. Eine nachhaltige Lösung des bulgarischen Mangels verspricht aber auch dieser Weg kaum, da der Großteil nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehrt.

Rückkehrwünsche bewegen Juliana Stankova derzeit nur selten. Sie hat die Arbeitsbedingungen in Deutschland inzwischen schätzen gelernt. "Bulgarische Pfleger haben im eigenen Land mehr und kompliziertere Aufgaben und damit mehr Verantwortung als in Deutschland, das empfinde ich hier als Entlastung", gibt sie offen zu. Schmerzlich vermisst sie im selbst gewählten Exil hingegen die Landschaften Bulgariens, die Lebensart und vor allem den Freundeskreis. "Aber man kann nicht alles haben im Leben", fügt sie lakonisch hinzu.