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Bürgerkrieg ohne Ausweg

Von Urs Fitze

Politik

Seit 1996 tobt in Nepal, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, ein Bürgerkrieg. Während die aufständischen Maoisten die ländlichen Gebiete beherrschen, kontrolliert die Armee die Städte. Eine Verhandlungslösung ist auch nach der Absetzung der Regierung durch König Gyanendra nicht in Sicht.


Mit Fackeln und roten Fahnen in der Hand rennt ein Trupp vorwiegend junger Männer durch Charikot, eine erhaben auf einer Bergkuppe gelegene Bezirkshauptstadt 140 Kilometer nordöstlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Es sind Anhänger der oppositionellen Kongresspartei. Sie verlangen in Sprechchören sofortige Neuwahlen. Der nepalische König Gyanendra, der Machthaber im Land, bleibt unerwähnt. Öffentliche Kritik an ihm gilt als Majestätsbeleidigung - in Nepal alles andere als ein Kavaliersdelikt. Mit Schlagstöcken und Schrotflinten bewaffnete Sicherheitskräfte, einige in Zivilkleidung, stoppen den Zug. Nach einem kurzen Handgemenge dürfen die Demonstranten, nachdem ihnen die Fackeln abgenommen worden sind, weiter marschieren zum Hauptplatz der Ortschaft. Die meisten Passanten beachten sie kaum. "Die Menschen hier haben andere Sorgen", meint ein Mann. "Sie kämpfen ums tägliche Überleben. Den Versprechungen der Politiker glauben sie schon lange nicht mehr".

Am gleichen Abend erhalten die Bewohner eines Dorfes in der Nachbarschaft ungebetenen Besuch. Es ist eine Gruppe schlecht bewaffneter Männer und Frauen, die sich rasch wieder zurückziehen, nachdem der Anführer zum Widerstand aufgerufen und die Rekrutierung von neuen Soldaten für die Rebellenarmee angekündigt hat: eine Einheit der "Kommunistischen Partei der nepalesischen Maoisten" (CPN-M). Sie hat hier das Sagen. Während Charikot durch mehrere hundert Sicherheitskräfte von Armee und Polizei wie eine Festung bewacht wird, findet sich nur wenige Kilometer nördlich kein einziger Vertreter der nepalesischen Regierungsmacht mehr. Er wäre in permanenter Lebensgefahr, denn die Rebellen haben es in klassischer Guerilla-Manier auf alle Personen abgesehen, die in irgendeiner Weise für den Staat tätig sind.

Zwischen den beiden Ortschaften verläuft unsichtbar die Frontlinie eines Bürgerkrieges, der das Land seit 1996 spaltet. Die Leute in dem Dorf, das sich an einer wichtigen, auch für den Strassenverkehr passierbaren Brücke befindet, geben sich reserviert. Niemand will über den Bürgerkrieg reden. Ein Mann meint schliesslich im Schutz seines kleinen Ladens, es sei besser, den Mund zu halten. "Ein falsches Wort kann lebensgefährlich sein".

"Militärisch ist dieser Krieg nicht zu gewinnen.", sagt Suman Pradhan, der in Nepals Hauptstadt Kathmandu als Analytiker für die "International Crisis Group" arbeitet. "Die Bergregionen Nepals sind eine ideale Basis für eine Guerillaarmee. Dort sind die Rebellen kaum zu schlagen. Diese sind aber anderseits zu schwach, um die Städte zu erobern. Deshalb kann es nur eine Verhandlungslösung geben". Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Schon mehr als 10.000 Tote

Der Bürgerkrieg in Nepal hat, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, inzwischen schon mehr als 10.000 Tote gefordert und gerade in den vergangenen Monaten noch an Intensität zugenommen. Es ist ein meist aus dem Hinterhalt gefochtener Kleinkrieg. Die Maoisten beherrschen zwar 70 Prozent der Landesfläche, doch beschränkt sich ihr Gebiet weitestgehend auf die nur unzulänglich erschlossenen Regionen vor allem im Westen des Landes, wo es oft nicht einmal eine Strassenverbindung gibt.

Niemand weiss, auf wie viele Kämpfer die maoistische Führung zählen kann. Die Schätzungen schwanken zwischen 15.000 und 30.000. Die Armee hat ihre Stärke in den vergangenen Jahren auf rund 100.000 Mann verdoppelt. Sie hatte sich in der ersten Phase des Konfliktes herausgehalten und die Bekämpfung der Aufständischen der Polizei überlassen. Doch mit Polizeieinheiten alleine war den Maoisten nicht beizukommen.

Im Jahr 2001 griff die Armee aktiv ein. Ihre Einheiten treten in jüngster Zeit zunehmend auch offensiv in Erscheinung. Menschenrechtsverletzungen gehören zur Tagesordnung. Laut einem Bericht einer Arbeitsgruppe des UNHCR sind alleine im vergangenen Jahr in Nepal 265 Menschen spurlos verschwunden, nachdem sie festgenommen worden waren.

Maoisten verspielten Kredit

Die maoistischen Rebellen haben den Kredit, den sie zu Beginn ihres Aufstandes bei der Landbevölkerung und bei manchen Intellektuellen noch genossen hatten, weitgehend verspielt. Angetreten waren sie 1996 unter Führung von Puspa Kamal Dahal (der sich als "Kamerad Prachanda" ansprechen lässt), um für das nach einer Revolution 1990 erst zart keimende demokratische Pflänzchen in Nepal zu kämpfen. Heute erinnern ihre Methoden mehr und mehr an den peruanischen Sendero Luminoso und andere linksextremen Rebellenorganisationen. Ihre Gewalt richtet sich nicht mehr nur gegen das Regime, sondern auch gegen jene, die sich dem Herrschaftsanspruch der Rebellen nicht beugen mögen. Verdorben haben es sich die Maoisten mit der Landbevölkerung vor allem, seit sie mangels Alternativen zu Zwangs-Rekrutierungen übergegangen sind - nicht selten handelt es sich dabei um Jugendliche beiderlei Geschlechts.

Flucht in die Hauptstadt

Vielen Bauern bleibt nur die Flucht. Sunil Gole ist mit seiner Familie aus Hadauda, einem Dorf in den Bergen nördlich der Hauptstadt, nach Kathmandu gezogen. "Wir waren zwischen den Fronten. Nachts verlangten die Maoisten Quartier und Geld, am Tag verdächtigen uns Armee-Einheiten, mit den Rebellen zusammenzuarbeiten". Jetzt lebt Gole mit seiner sechsköpfigen Familie in einer schäbigen Hütte am Rande einer Ziegelbrennerei und presst von Hand rohe Ziegel. Wenn seine Frau und die beiden älteren Kinder mithelfen, verdient die Familie im Monat etwa 70 Franken. Ob Gole im Frühjahr in sein Dorf zurückkehren wird, weiss er noch nicht. "Derzeit ist es zu viel zu gefährlich".

Die Ziegeleien im Kathmandutal haben Hochkonjunktur. Zehntausende Menschen drängen in die Hauptstadt, um Bürgerkrieg und Armut zu entfliehen. Kathmandu hat seine Bevölkerungszahl binnen eines halben Jahrzehnts auf 1,5 Millionen nahezu verdoppelt. Doch längst macht der Konflikt auch vor der Hauptstadt nicht mehr Halt. Als die maoistischen Rebellen im Dezember ohne Vorankündigung die Hauptstadt tagelang blockierten, kam es zu Versorgungsengpässen und wütenden Protesten der Bevölkerung. Die Bombenanschläge auf Politiker und Gebäude der Regierung werden hingegen schon fast stoisch zur Kenntnis genommen.

Zwei Waffenstillstandsvereinbarungen sind bereits gescheitert, nachdem Friedensgespräche ergebnislos verlaufen waren. Die Trennlinie markiert die maoistische Forderung nach Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung und die Schaffung einer konstitutionellen Monarchie - eigentlich nicht besonders revolutionär. Doch in Nepal, wo nicht das Volk, sondern der König die geltende Verfassung verabschiedet hat, die ihm die entscheidenden Machtbefugnisse sichert, wird dieses urdemokratische Anliegen zum Kriegsgrund. Ob indes die Maoisten es damit tatsächlich so ernst nehmen, ist mehr als fraglich. Ihre eigene, undemokratische Praxis in den von ihnen beherrschten Gebieten mahnt zu grosser Skepsis. Ihnen scheint es um nicht mehr als ein demokratisches Mäntelchen zu gehen.

Putsch von oben

König Gyanendra hat am 1. Februar mit einem Staatsstreich von oben die amtierende Regierung unter Sher Bahadur Deuba kurzerhand abgesetzt. Damit verfügt er zusammen mit der Armee, als deren Oberbefehlshaber er amtiert, über nahezu absolute Machtbefugnisse. Schon im Jahr 2002 war das Parlament aufgelöst worden. Nachdem die maoistischen Rebellen Anfang Januar ein Verhandlungsangebot von Deuba ausgeschlagen hatten, scheinen sich auch auf der Gegenseite die Hardliner durchgesetzt zu haben, die nach wie vor auf die militärische Karte setzen.

Internationale Vermittlung ist trotz Angeboten der Vereinten Nationen nicht in Sicht. Der König weigert sich, die Stationierung einer Friedenstruppe auch nur zu erwägen. Das lässt für die nahe Zukunft eine weitere Eskalation des Konfliktes befürchten.