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Burma - ein Fall für politische Psychiatrie

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Rührend: Der britische Premier Gordon Brown ist "wütend", weil Burmas Militärjunta den 14-jährigen Hausarrest der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (64) um 18 Monate verlängert hat. Doch Wut oder zahnlose Proteste ändern nichts daran, dass die Generäle nächstes Jahr ungefährdet ein Zustimmungsritual zelebrieren werden, das sie für "Wahlen" ausgeben.


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Den seit 1962 herrschenden Generälen kann internationale Wut nichts anhaben. Und sie nützt ihren Untertanen nichts - selbst wenn diese davon erfahren. Die Junta leitet Sanktionen der zivilisierten Welt an ihre Untertanen ab. Sie ist ein völkerrechtlich geschützter Fall für politische Psychiatrie. Es handelt sich um hochgerüstete und von allgegenwärtigen Geheimdiensten geschützte Feiglinge, die am Tyrannen-Syndrom leiden - wie ihre Kollegen in Nordkorea, Simbabwe, Honduras oder im Sudan. Symptome dieses Syndroms sind Angst und Macht.

Unter Macht versteht man wertneutral die Fähigkeit von Menschen, andere Leute so zu beeinflussen, dass sie sich zu (ethisch vertretbarem) Verhalten bestimmen lassen. Die klassische Negativvariante dieser Fähigkeit definiert der "Erlkönig": "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."

Die unkontrolliert Mächtigen legitimieren sich durch glaubhafte Drohung mit oder ohne Gewaltanwendung. Sie handeln oder terrorisieren aus Angst, damit Lenins Definition von "revolutionärer Flut" ja nicht greift: "Die oben können nicht mehr, wie sie wollen, die unten tun nicht mehr, wie sie sollen." Die "unten" können auch konspirierende Rivalen um die Macht sein. Daher ist unkontrollierbarer Machterhalt eine Art Ringelspiel: Verdacht, Angst, perfektionierte Repression.

Die Burmesen taten 1988 nicht mehr, wie die Generäle wollten, und traten in Generalstreik, der im Blut tausender Toter unterging. Damals organisierte Suu Kyi die Opposition für mehr Demokratie. Die Generäle ließen sich in verblüffender Fehleinschätzung dazu herbei, ihre Macht in freien Wahlen legitimieren zu lassen - und verloren 1990 haushoch gegen Suu Kyi. Reflexartig stellte sich das Syndrom ein: Putsch. 14 der folgenden 19 Jahre verbrachte Suu Kyi in Haft oder im Hausarrest, den sie nicht einmal verlassen durfte, um den Friedensnobelpreis für ihre Tapferkeit entgegenzunehmen. Die zierliche Frau macht den Generälen Angst. Und so reichte ein lächerlicher Vorwand für weitere 18 Monate Hausarrest, damit sie die Mogelei beim nächsten Wahltheater nicht stört.

Als deus ex machina wirkte ein US-Mormonenprediger mit der unbedarften Idee, Suu Kyi im Hausarrest zu besuchen. Ihn verknackte das "Sondertribunal" zu sieben Jahren Zwangsarbeit. Er ist nun nach nordkoreanischem Vorbild ein Faustpfand, um der zivilisierten Welt irgendwelche Konzessionen abzupressen. Bleibt als fahle Hoffnung nur ein Satz Napoleons: "Mit Gewehren kann man alles machen, nur nicht darauf sitzen."