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Burundis vergessene Generation

Von WZ-Korrespondent Philipp Hedemann

Politik
Tristesse prägt das Leben dieser Straßenkinder.
© © © Christophe Calais/Corbis

Im Bürgerkrieg als Kindersoldaten missbraucht, heute als Prostituierte.


Bujumbura. "Kannst Du mich mitnehmen? Bitte!" Immer wieder fragt Ciril den Mann, der ihm so viele Fragen stellt. Er weiß nicht, wo der Reporter lebt, der 14-Jährige weiß nur: Überall ist es besser als dort, wo er wohnt. Ciril lebt wie hunderte andere Kinder auf den Straßen der burundischen Hauptstadt Bujumbura. Nirgendwo ist im drittärmsten Land der Welt das Leben unbarmherziger.

"Wenn uns die Polizei nicht mit ihren Knüppeln schlägt, dann schlagen uns die anderen Gangs. Die meisten sind älter und stärker als wir. Wir müssen ständig wegrennen", erzählt Ciril. Er ist das jüngste Mitglied seiner Bande. Seit über zwei Jahren hat er kein Dach mehr über dem Kopf, seit zwei Jahren hat er nicht in einem Bett geschlafen. Noch nie in seinem Leben war er beim Arzt, nie hat er eine Schule von innen gesehen.

"Als meine Eltern sich trennten, bin ich bei meinem Vater geblieben, aber seine neue Frau wollte mich nicht. Da bin ich zurück zu meiner Mutter gegangen. Aber der neue Mann meiner Mutter wollte mich auch nicht. Da hat mich meine Mutter davongejagt", erzählt Ciril mit tapferer Stimme. Auf der Straße wird nicht geweint, dafür haben sie hier alle schon zu viel erlebt. Hier gibt es keine Mutter, die einen in den Arm nimmt, wenn man traurig ist, keinen Vater, der einen beschützt, wenn man Angst hat, keine Familie, die hinter einem steht, wenn man in Schwierigkeiten gerät.

Krieg und Aids

Abertausende Kinder leben in Burundi auf der Straße - die genaue Zahl kennt niemand. Ein Bürgerkrieg zwischen Hutus und Tutsis, Rebellen und Regierung, erschütterte zwischen 1993 und 2005 eines der kleinsten und dichtestbesiedelten Länder Afrikas mit seinen zehn Millionen Einwohnern. Der Krieg forderte mindestens 250.000 Opfer, viele Kinder verloren ihre Eltern. Auch die verheerende Aidsepidemie - vermutlich ist jeder 15. Erwachsene mit dem HI-Virus infiziert - macht in der ehemaligen deutschen Kolonie viele Kinder zu Waisen. Die meisten von ihnen landen wegen fehlender staatlicher Fürsorge auf der Straße.

Doch bis auf den mageren Dusabe (15), der sich neben Ciril gesellt hat, haben alle Mitglieder aus Cirils Gang noch Eltern. Ciril und die übrigen jungen Burschen wären lieber Waisen, als von ihren eigenen Eltern davongejagt worden zu sein. Cirils neue Familie sind Pascal (18), Eric (17), Jean-Marie (16) und Dusabe. Auch wenn er seine Eltern vermisst, ist er froh, dass die älteren Kinder ihn in ihre Gang aufgenommen haben. Denn wer nicht selbst auf sich aufpassen kann, den will keiner in seiner Gang haben, der ist im harten Straßenleben nur ein Störfaktor.

Da hilft auch Betteln nicht. "So lange Straßenkinder noch klein und niedlich sind, können sie sich mit Betteln meist halbwegs über Wasser halten. Doch spätestens wenn sie in die Pubertät kommen, gibt ihnen kaum noch jemand etwas", sagt Théodora Nisabwe, Psychologie-Professorin an der Université du Burundi in Bujumbura. Wenn das Betteln nichts mehr abwirft, werden viele der obdachlosen Kinder in die Kriminalität gezwungen. "Die anderen Gangs klauen, schnüffeln Lösungsmittel und nehmen Drogen, aber wir nicht", sagt Ciril verschmitzt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass das stimmt - aber auf der Straße ist erlaubt, was hilft, zu überleben. Klauen, lügen, alles.

Traum vom eigenen Shop

Rund ein Viertel der Zehn- bis 14- Jährigen verrichtet Kinderarbeit, vor allem Straßenkinder werden oft zur Prostitution gezwungen. Als der Bürgerkrieg noch tobte, wurden viele von ihnen zu Mördern gemacht. "Da sie nichts zu verlieren hatten, wurden sie besonders oft von den Rebellen rekrutiert. Sie wurden meist von niemandem akzeptiert, sahen in jedem einen Feind. Straßenkinder wurden deshalb manchmal besonders grausame Kindersoldaten", erklärt die Professorin Nisabwe.

Der Krieg ist vorbei, und es fällt leichter, sich Ciril in einer Schuluniform als in einem Kampfanzug vorzustellen. "Ich möchte zur Schule gehen, in einem echten Haus wohnen und später ein eigenes Geschäft eröffnen, damit ich jeden Tag satt werde und nicht von dem leben muss, was andere Leute wegwerfen", sagt der 14-Jährige. Wahrscheinlich wird Cirils Traum immer ein Traum bleiben. Wer in Bujumbura einmal auf der Straße landet, verbringt dort meist den Rest seines kurzen Lebens.

Auch wenn der Krieg vorüber ist - an den Folgen leidet das Land immer noch. Vor zwei Jahren legte die letzte Rebellengruppe, Front der Nationalen Befreiungskräfte (FNL) im Osten des Landes die Waffen zwar offiziell nieder, doch der Konflikt ist nicht beigelegt. Die Menschenrechtslage ist schlecht, die Korruption hoch, im Land kursieren immer noch zehntausende Waffen.

Die Zahl der bewaffneten Überfälle und Anschläge nimmt seit Anfang des Jahres wieder stark zu. Staatliche Sicherheitsbehörden haben in Burundi nach Angaben von Bürgerrechtlern in den vergangenen Monaten mehr als 300 ehemalige Rebellen und Unterstützer der Opposition hingerichtet. "Eine teuflische Tötungsmaschinerie richtet sich im ganzen Land gegen Anhänger der Oppositionsparteien", sagte Onesphore Nduwayo, Präsident einer Dachorganisation für Zivilgesellschaft in Burundi.

Um das Wohlergehen der Bevölkerung kümmert sich die Regierung von Präsident Pierre Nkurunziza hingegen wenig. Die Mutter- und Säuglingssterblichkeit gehört zu den höchsten der Welt. 166 von 1000 Kindern sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben (in Österreich sind es 3,6), die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 50,4 Jahren, rund zwei Drittel der Bevölkerung müssen von weniger als einem Euro pro Tag leben und nur zwei Prozent der Bevölkerung haben zu Hause Strom.