"Cancel Culture" bedroht Wissenschaftsfreiheit

Von Philip Plickert

Gastkommentare

Ein vergifteter Kulturkampf im Namen von Political Correctness und Antirassismus schafft an westlichen Unis ein Klima der Einschüchterung.


Hat es jetzt Wolfgang Amadeus Mozart erwischt? Plant die Musikfakultät der Universität Oxford wirklich, klassische Komponisten vom Lehrplan zu streichen? Mozart als neuestes Opfer der "Cancel Culture" (Löschkultur)? Bis in heimische Boulevardblätter hinein hat es diese Meldung geschafft. Sie stimmt allerdings - zum Glück - nicht. Oxford wird Mozart nicht vom Lehrplan streichen. So weit geht der progressistische Zeitgeist doch nicht.

Wahr ist aber, dass ein zunehmend giftiger, ideologischer Kulturkampf um Lehrinhalte und die Grenzen der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an westlichen Universitäten tobt. In Oxford hatten einige sich besonders progressiv wähnende Professoren moniert, ihr Lehrplan sei von "weißer Musik aus der Sklavereizeit" dominiert. Damit werde eine "weiße Vorherrschaft verfestigt", wie der "Sunday Telegraph" aus internen Diskussionen der Fakultät zitierte. Irgendwie sei klassische europäische Musik und Notenschrift mit dem Kolonialismus verbunden - und das verursache farbigen Studenten "große Schmerzen". Musik aus Afrika und Hip-Hop sollten auf den Lehrplan. Mehr Diversität, lautet das Motto.

Allerdings fanden in Großbritannien viele die Meldung nicht gerade erbaulich; es hagelte böse Kommentare, denn die Geschichte passt ins Muster der aktuellen "Cancel Culture". Wer lehrt oder was gelehrt wird, droht in ideologischem Streit zu versinken. An einigen Unis fordern Aktivisten schon seit Jahren, in Vorlesungen weniger weiße Philosophen wie Platon oder Imanuel Kant zu besprechen. "You KANT be serious!", donnerte eine Boulevard-Schlagzeile dazu. Mindestens 50 Prozent der Leseliste müssten afrikanische oder asiatische Philosophen sein, fordert die Aktivistengruppe "Decolonize the Curriculum". In dieses Muster würde auch passen, Mozart zu streichen, weil er ein weißer Europäer war und zu einer Zeit lebte und komponierte, die den moralischen Ansprüchen links-progressiver "Woke"-Aktivisten nicht entspricht. Als Belegstück für rassistische Einstellungen könnten sie vielleicht die Figur des Monostatos aus der Zauberflöte hernehmen.

Aufklärungsphilosoph David Hume wurde "gelöscht"

An der Universität Edinburgh wurde jüngst der Aufklärungsphilosoph David Hume "gelöscht", der in einer Fußnote zu seinem Essay "Of National Characters" im Jahr 1753 über angebliche "natürliche Inferiorität" Nichtweißer geschrieben hatte. Der Hume Tower, ein Hochhaus auf dem Campus, wird umbenannt. Edinburgh "cancelt" den berühmtesten Professor seiner Geschichte, obwohl die Universitätsleitung selbst zugibt, dass seine Ansichten über Rasse - ebenso wie Kants Ansichten dazu - für den damaligen Zeitgeist nicht unüblich waren.

Während die Denkmäler der Aufklärungsgiganten Hume und Kant wackeln, tobt ebenso heftig der Kampf um heutige Dozenten. Es häufen sich Fälle abgesagter Vorträge und Ausladungen "umstrittener" Wissenschafter. Wütende Proteste von LGBT-Gruppen verhinderten eine Rede der feministischen Oxford-Historikerin Selina Todd auf einer von ihr selbst mitorganisierten Frauenrechtekonferenz, weil Todd die Gender-These abstreitet, dass das biologische Geschlecht irrelevant sei. Auch die frühere konservative Ministerin Amber Rudd trafen Proteste: Ihr Vortrag wurde eine halbe Stunde vor Beginn gestrichen. Stramm linke Studentengewerkschaften versuchen, mit einer Politik des "No Platforming" (keine Bühne bieten) missliebigen Rednern das Wort zu entziehen.

Vor kurzem kündigte Bildungsminister Gavin Williamson an, die Rede- und Meinungsfreiheit an den Hochschulen zu stärken. Ein Ombudsmann soll bei Beschwerden über "No Platforming" und "Cancel Culture" tätig werden. Williamson zeigte sich "sehr besorgt über den einschüchternden Effekt durch inakzeptables Mundtotmachen und Zensur auf dem Campus". Die Dozentengewerkschaft UCU hielt dagegen, die Diskussion um "Cancel Culture" sei eine "Phantomdebatte", und die Regierung solle sich nicht einmischen.

Selbstzensur und Stalker-Methoden

Doch gibt es tatsächlich Handlungsbedarf, wie im vergangenen Jahr eine umfangreiche Umfrage unter Professoren zur Wissenschaftsfreiheit demonstrierte. Die Studie des Londoner Politologen Eric Kaufmann zeigte, dass insbesondere konservative Professoren sich zunehmend eingeschüchtert fühlen. Aus Furcht vor stigmatisierenden Angriffen greifen manche zur Selbstzensur. 32 Prozent der Hochschullehrer, die sich politisch rechts der Mitte einordnen (und das ist die Minderheit), vermeiden demnach öffentliche politische Aussagen, da sie sonst negative Konsequenzen für ihre Karriere oder sozialen Druck an der Universität fürchten. Kaufmann sieht einen "Chilling Effect" (Einschüchterungseffekt).

Auch im deutschsprachigen Raum sind unschöne Vorfälle an manchen Unis bekannt geworden, die ein eher bedrückendes Klima belegen. In Hamburg wurde der Ökonomieprofessor Bernd Lucke, einst Mitgründer der eurokritischen Protestpartei AfD, nach seiner Rückkehr aus dem EU-Parlament an seiner Uni von Asta- und Antifa-Gruppen niedergeschrien und brauchte für Vorlesungen wochenlang Polizeischutz. An der Humboldt-Universität Berlin verfolgt eine trotzkistische Splittergruppe den Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski seit Jahren mit Stalker-Methoden, die an Psychoterror erinnern. In Wien blockierten Studentenaktivisten Anfang 2020 Vorlesungen des FPÖ-nahen Historikers Lothar Höbelt. An der Frankfurter Goethe-Universität wollten Aktivisten eine Diskussion der Ethnologin Susanne Schröter über das muslimische Kopftuch - ob es ein Symbol der Unterdrückung sei oder nicht - mit Rassismusvorwürfen verhindern.

Bedenkliche Tabuisierung von Thesen und Themen

Sind all dies nur Einzelfälle oder gibt es ein Muster einer "Cancel Culture?" Die Opfer von Übergriffen sagen, ihre Fälle seien nur die Spitze des Eisberges. In einer Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag des Deutschen Hochschullehrerverbands, der mehr als 35.000 Professoren und Dozenten vertritt, gaben fast ein Drittel der Befragten an, dass sie durch die Political Correctness eine Einschränkung ihrer Forschungs- und Lehrfreiheit wahrnehmen. Der Präsident des Hochschulverbands, der Kölner Juraprofessor Bernhard Kempen, sorgt sich, "dass wir ganz allmählich eine Verengung des Diskurskorridors erleben". Der Bereich dessen, "was gesagt werden darf und diskutiert werden kann, wird immer schmaler". Es gebe eine bedenkliche "Tabuisierung von Thesen und Themen".

In diesem Frühjahr haben 70 Professoren und Professorinnen ein "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet, inzwischen sind 360 Wissenschafter beigetreten, einige auch aus der Schweiz und Österreich. In ihrem Manifest beklagen sie, dass Konformitätsdruck erzeugt werde, der immer häufiger dazu führe, wissenschaftliche Debatten zu ersticken. Die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter nannte als "heikle Themen" Islam-Kritik und Migration. Der Jurist Reinhard Merkel beklagte, es gebe eine Atmosphäre, in der gelauert werde, ob jemand einen falschen Begriff verwende oder sich weigere, die "Gender-Form" zu verwenden. Zu spüren sei eine latente Drohung mit moralischer Stigmatisierung.

Auch in den USA hat sich eine ähnlich gelagerte "Academic Freedom Alliance" gegründet, der inzwischen hunderte Hochschullehrer beigetreten sind. Dabei sind interessanterweise neben Konservativen wie dem Historiker Niall Ferguson (Stanford) und dem liberalen Psychologen Stephen Pinker (Harvard) auch linke Gelehrte wie der afroamerikanische marxistische Philosoph Cornell West (Princeton und Harvard). Sie wollen sich vereint gegen Versuche wenden, die akademische Freiheit und die Meinungsfreiheit einzuschränken. "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch", dichtete einst Friedrich Hölderlin. Für Mozart an der Uni Oxford ist es wohl noch nicht zu spät.