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"Caravan"-Familie als neue Heimat

Von Yordanka Weiss

Politik

19 Jugendliche werden rund um die Uhr von Sozialpädagogen betreut. | Bildung ist ihre einzig mögliche Beschäftigung. | Wien. Ein ungewöhnliches soziales Konstrukt bewährt sich im Wiener Integrationshaus seit zehn Jahren. 19 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge zwischen 14 und 18 Jahren finden dort im Rahmen des Projekts "Caravan" ein Zuhause.


Homogen ist die Gruppe von Burschen: elf Afghanen, ein Syrer, ein Marrokaner und ein Chinese. Die fünf Mädchen kommen aus Eritrea, China, Gambia, Afghanistan und Guinea. "Zehn Prozent aller Kinderflüchtlinge, die unterwegs sind, sind Mädchen", berichtet Projektleiter Otto Hollerwöger.

Diversität gibt es auch bei den Mitarbeitern. Zehn Sozialpädagogen, eine Psychologin, ein Zivildiener und eine Wirtschaftshelferin sind für ununterbrochene Betreuung der Jugendlichen zuständig. Sie kommen aus Peru, Kongo, Nikaragua, Iran, Guinea, und sie nehmen Familienfunktionen wahr, leisten Beziehungsarbeit und schlüpfen in Elternrollen. Bei den jungen Bewohnern entsteht so der Eindruck: "Wir sind eine Familie." Ohne verwandt zu sein, bauen sie schnell geschwisterliche Verhältnisse auf. Auch bilden sich Koalitionen wie etwa die Fußballfans. "Die Gruppen sind nicht von Dauer. Ansonsten werden sie schwer zu steuern bei Konflikten", betont Hollerwöger.

Gründe für Meinungsverschiedenheiten bei 19 Teenagern aus sechs Ländern gäbe es genug, etwa die Liebe. "Verliebt sein ist schön, kann aber hier nicht ausgelebt werden. Das ist kein Beziehungsmarkt", lautet die Regel. Im Jahr 2004 löste die Beziehung zwischen einer Mongolin und einem Afghanen enorme Spannungen aus und führte zu einer Schlägerei. Das "Caravan"-Paar Romeo und Julia löste das Problem elegant. Sie kauften sich ein Zelt, in dem sie während der warmen Jahreszeiten auf der Donauinsel verweilten. Verhütung sei ein zentrales Thema. Im zehnjährigen Bestehen des Projekts haben zehn junge Frauen Kinder zur Welt gebracht.

Ein anderer Grund für Meinungsverschiedenheiten seien ethnische Konflikte in Afghani stan, etwa zwischen den Hazara und den Paschtunen. Im Projekt "Caravan", wo zwölf Jugendliche aus diesem Land geflüchtet sind, treten auch sie auf. "Oft werden diese Konflikte nicht sichtbar; wir beobachten die Tendenzen aufmerksam um eine frühe Lösung zu finden", so Hollerwöger.

Die Hälfte der Jugendlichen befindet sich in psychiatrischer Behandlung, ist selbstmordgefährdet und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Die wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten für erwachsene Asylwerber kommen für die Jugendlichen nicht in Frage. "Bildung ist ihre einzige Beschäftigung", meint der Projektleiter. Ziel ist der Einstieg ins Schulsystem. Die Instrumente dafür: Deutsch- und Hauptschulabschlusskurse. Etabliert hat sich ein Lernhilfe-System. Rund 20 Personen - Studenten und pensionierte Lehrer - geben ehrenamtlich Nachhilfe.

Turbulenter Fluchtweg, große psychische Belastung

Wie ist der Weg der unbegleiteten Minderjährigen nach Österreich verlaufen? Meist seien es Schlepper und Kinderhändler, die gegen Geld "mit unterschiedlicher Qualität" die Flucht organisieren. Für die Afghanen führt der Weg durch den Irak, die Türkei, Griechenland und dann per Lkw nach Zentraleuropa oder mit einer Fähre nach Italien. Endziel sei Zentraleuropa. In Österreich gibt es jedes Jahr an die 800 unbegleitete Jugendliche, die Zuflucht vor Krieg, Terror, Folter und Armut suchen. "Arrangiert wird die Flucht meistens vom Familienrat. Die Kinder wissen nicht, was auf sie zukommt", erzählt Hollerwöger.

Eine Eritreerin berichtet, dass sie von den Eltern in eine Hafenstadt gebracht wurde. Um das Unternehmen nicht zu gefährden, hat man ihr nichts mitgeteilt. Erst als die Familie verschwand und sie im Flugzeug saß, wurde ihr klar, dass es ein Abschied war.

Die Beweggründe, das eigene Kind ins Ausland zu schicken, können unterschiedlicher nicht sein: um es vor einem Märtyrertod zu bewahren, oder aber um eine Gegenleistung zu bekommen. Oft sparen Jugendliche Geld und schicken es ins Heimatland, selbst wenn sie dann nur fünf Euro am Tag zur Verfügung haben.

Ein Afghane leidet an Schlaflosigkeit, weil er keine finanzielle Lösung für seine verschuldete Familie und den kranken Vater findet. Um ihren Auftrag zu erfüllen, überlegen manche sogar, Organe zu spenden, ist die Erfahrung in "Caravan". Anders ist das Schicksal einer 17-jährigen Nigerianerin: Sie wurde in einem Geheimbordell aufgefunden, in dem sie von Schleppern gehalten wurde.

Die strenge Geheimhaltung und die Erwartungshaltungen der Familien sind für die Jugendlichen belastend, betonen die Sozialpädagogen. Auf vielen der jugendlichen Flüchtlinge lastet eine schwere Verantwortung. Manche haben die Aufgabe, sich in Europa zu etablieren und eine Art Vorposten aufzubauen um später Familienangehörige nachzuholen.

Ähnliche Wohngemeinschaften für Kinderflüchtlinge gibt es in Salzburg und Tirol. Insgesamt stehen 450 Plätze mit Unterbringung und Betreuung zur Verfügung, 60 davon sind Intensivbetreuungsplätze. Die Nachfrage geht seit Anfang 2010 stets zurück, unter anderem wegen Änderungen im Asyl- und Fremdenrecht.