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Carsharing - vom Hype zur Realität

Von Monika Jonasch

Wirtschaft

Gerade noch war die Idee, Autos zu nutzen, aber nicht zu besitzen, ein Wachstumsmarkt mit ökologischen Hintergedanken. Dann kam die Corona-Krise. Sie brachte jedoch ein vielversprechendes, verändertes Nutzungsverhalten mit sich.


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Braucht jeder ein eigenes Auto? Zumindest in Ballungsräumen lässt sich diese Frage abschlägig beantworten. Carsharing, also ein Auto benutzen zu können, ohne es besitzen zu müssen, präsentierte sich gerne als zukunftsträchtige Alternative zum eigenen Pkw, und das quasi mit dem Klimaschutzgedanken als moralischem Zusatz.

"Carsharing stellt für Wenigfahrer bis etwa 10.000 Kilometer pro Jahr, die das Auto nur gelegentlich benötigen, eine kostengünstige Alternative zum Pkw-Besitz dar", fasst es der deutsche Automobilclub ADAC zusammen. Die verkehrlichen und ökologischen Wirkungen seien allerdings gering. Allenfalls zur Parkraumentlastung könnte Carsharing beitragen, den Verkehr reduziere es hingegen nicht, so der ADAC.

Anbieter in Österreich

Als sinnvolle Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr preisen es daher auch die heimischen Carsharing-Anbieter an. Sie lassen sich in drei Hauptkategorien einteilen: Im Rahmen des "stationsbasierten Carsharings" werden Autos an fixen Standorten abgeholt und zurückgebracht. Beim Free-Floating-Modell werden die Fahrzeuge via Smartphone-App dort abgeholt, wo der letzte Kunde sie abgestellt hat. Privatleute bieten ihre Autos wiederum über Online-Plattformen an.

Für ganz Österreich bietet hauptsächlich ÖBB Rail & Drive stationsbasiertes Carsharing an. Abholstationen sind naheliegenderweise die Bahnhöfe, womit sich Bahnfahrt und Carsharing gut verbinden lassen. Ebenfalls österreichweit gibt es Privatautos über die Plattform Getaround.

Ein umfangreiches Angebot an verschiedenen Carsharing-Typen gibt es vor allem in Wien. Dort dominiert Share Now, ein Free-Floating-Anbieter, der 2019 aus einer Fusion von Drive Now und car2go hervorgegangen ist.

215.000 registrierte Kunden verzeichnet der Platzhirsch, der im Besitz der Autokonzerne BMW und Daimler steht, laut eigenen Angaben und verfügt über 1.100 Fahrzeuge der Marken BMW, Mercedes-Benz, Mini und Smart.

Wien ist der einzige Share-now-Standort, da Carsharing im urbanen Raum "besonders nachgefragt ist", heißt es auf Anfrage der "Wiener Zeitung" vom Unternehmen. Die Größe einer Stadt, die Anzahl ihrer Einwohner und ihre Bevölkerungsdichte wären für den Erfolg des Mietauto-Dienstes ebenso ausschlaggebend wie die Aufgeschlossenheit ihrer Bewohner. Wichtig sei aber auch, wird betont, dass die Städte selbst Carsharing durch Parkplatzregelungen unterstützten.

Ein weiterer Player am Wiener Carsharing-Markt ist "WienMobil Auto", ehemals Stadtauto, ein Angebot, das über die Wiener Linien läuft. Der stationsbasierte Service verfügt über 28 Standorte. Die Wiener Linien bieten es über ihre Plattform "WienMobil" an, betrieben wird der Carsharing-Dienst von der Firma Green Move. Aber auch andere Anbieter sind auf der Öffi-Plattform verlinkt - darunter wiederum Share Now.

Plattformen, Abos, E-Autos

Seit 2019 mischt auch der Free-Floating-Anbieter Eloop am Wiener Carsharing-Markt mit. Er bietet ausschließlich Elektrofahrzeuge an, ob für Privatnutzung oder Business. Eloop hat kürzlich eine Kooperation mit dem Mobilfunker Drei bekanntgegeben.

Der ehemals klassische Autovermieter Sixt betätigt sich ebenfalls mittlerweile in Sachen Carsharing und bietet alle Formen der Kfz-Miete an: Fahrdienste, kurzfristige Angebote für Urlaubsreisen aber auch ein Auto-Abo namens Sixt+. Es ist derzeit an zehn Standorten in Österreich verfügbar, darunter Wien, Salzburg, Graz, Linz, Innsbruck, Klagenfurt, Villach, Dornbirn, Weiz und Kitzbühel.

"Es ist unsere konsequente Antwort auf die veränderten Mobilitätswünsche der Gesellschaft", meint dazu Konstantin Sixt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Carsharing sei ein zukunftsträchtiger Wachstumsmarkt, den "die zentralen Triebkräfte unserer Zeit wie Urbanisierung, Digitalisierung und technologischer Fortschritt" antreiben, führt er weiter aus. Fortbewegung müsse flexibler, nachhaltiger und effizienter werden, sind dabei die Prämissen.

Man richte sich nach den Kundenwünschen, betont Sixt, so gibt es auch Hybrid und Elektro-Modelle im Fuhrpark.

Daher könnten selbstverständlich auch alle Fahrzeuge mittlerweile über die unternehmenseigene App komplett kontaktlos gemietet werden.

Gerade noch ein vielversprechendes Geschäftsmodell, dann kamen die Pandemie und der Zusammenbruch der Mobilität sowie in Folge ein schwer gebeutelter Tourismus-Sektor, der sich bis heute negativ aufs Mietauto-Geschäft auswirkt. Eben noch kämpften die Autovermieter mit Carsharing-Aufbausorgen, da brach ihnen ihr gesamtes Geschäft von heute auf morgen weg.

"Die Geschäftsentwicklung von Sixt war in diesem Jahr erheblich von den Auswirkungen der globalen Corona-Krise geprägt", muss auch Konstantin Sixt zugeben. "Doch so sehr uns diese beispiellose Krise getroffen hat, so sehr sind wir fest entschlossen, gestärkt aus ihr hervorzugehen."

Man werde die digitale Transformation weiter vorantreiben, profitabler als andere Autovermieter werden und die Marktposition im In- und Ausland weiter ausbauen, so seine Strategie.

Sicherheit statt Öffis

Wie aber hat sich das Nutzungsverhalten bei Carsharing in der Pandemie verändert? "Seit Beginn der Krise sehen wir sehr deutlich, dass die Menschen die Nutzung eines Mietwagens als sinnvolle und vergleichsweise sichere Mobilitätsalternative zu öffentlichen Massenverkehrsmitteln schätzen", heißt es von Sixt. Es gebe eine verstärkte Nachfrage, besonders in den Stadtbüros.

Auch Share Now kann ein positives Resümee ziehen. Nach dem ersten Lockdown im Frühling sei es wieder steil bergauf gegangen. Die Anzahl der Mieten ist in Wien seither um 50 Prozent gestiegen.

"Die Wiener nutzen unsere Fahrzeuge im Schnitt 41 Minuten pro Miete und legen damit 10 Kilometer zurück. Im Oktober 2020 haben wir eine Steigerung von 29 Prozent im Vergleich zum Oktober 2019 bei der durchschnittlichen Mietdauer zu verzeichnen."