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Casino entzweit Böhmischen Prater

Von Bernd Vasari

Politik
Wie ein verwunschener Märchenwald ist der Böhmische Prater, gäbe es da nicht ein Casino . . .
© Luiza Puiu

Novomatic bewirbt sich mit dem Casino Monte Laa um eine Casinolizenz - ein Lokalaugenschein.


Wien. Die Märchenbahn und den Mondflieger gibt es hier immer noch. Zwei Objekte aus einer längst vergangenen Zeit, die bereitstehen, um ihre Dienste anzubieten. Es knirscht und knarrt, wenn sich die alte Dampflok, an die drei mit Blümchen verzierte Waggons angehängt sind, in Bewegung setzt. Auf der Fahrt taucht man ein in eine Welt von handbemalten Zwergen und Kobolden, die neben den Gleisen aufgestellt sind.

Der Mondflieger, ein Karussell mit roten und blauen Propellermaschinen, scheint hingegen schon länger keine Runden mehr gedreht zu haben. Auch die Minigolfanlage oder das Trampolin sind an diesem Wochentag bei strahlendem Sonnenschein verwaist. Viele Attraktionen haben geschlossen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass der Böhmische Prater im 10. Bezirk seine besten Zeiten hinter sich gelassen hat und in Vergessenheit geraten ist.

Das große Geld, wird man nun denken, könne man an diesem surreal wirkenden Ort nicht mehr machen. Doch das stimmt nicht ganz. Vor ein paar Jahren hat sich am Ende der Straße in Richtung des Erholungsgebiets Löwygrube der Glückspielkonzern Novomatic niedergelassen und eine Automatenhalle mit dem Namen Casino Monte Laa eröffnet. Das Grundstück hebt sich deutlich von den anderen ab. Ein gleichmäßig, exakt gestutzter Rasen, ein Baum, der grüner und saftiger als seine Umgebung wirkt, und goldene Aschenbecher, die den Eingang an beiden Seiten flankieren, zeugen davon, dass man von Tristesse und Kundenschwund weit entfernt ist. Die Automatenhalle ist auch nicht irgendein beliebiger Spielsalon des Milliardenkonzerns. Vielmehr bewirbt sich Novomatic mit diesem Standort für eine der beiden Casinolizenzen, die in den kommenden Tagen für Wien vergeben werden. Ein Zuschlag für Monte Laa hätte weitreichende Folgen für den Böhmischen Prater. Schließlich wird es nach jetzigem Stand ab 2015 keine rechtliche Basis mehr für Automaten außerhalb - der dann drei - Casinos in Wien geben. Wer also zocken möchte, wird an diesen drei Standorten nicht vorbeikommen.

Das Kundenaufkommen würde sich höchstwahrscheinlich vervielfachen. Sollte Novomatic für den Standort keine Lizenz erhalten, dann müsste die Automatenhalle allerdings schließen.

"Der Verfall ist immer gleich"

Vonseiten des Böhmischen Praters habe man kein Problem mit einem Casino, sagt Reinhardt Franz, Obmann des Clubs der Unternehmer des Böhmischen Praters. Schließlich würde Novomatic Veranstaltungen sponsern und habe auch den Parkplatz renoviert. Schausteller Elnaby Ramsi würde es ebenso wenig stören, wenn das Monte Laa die Lizenz bekommen würde. Durch einen eventuellen Ausbau der Spielbank erhofft auch er sich ein besseres Geschäft.

Doch nicht alle sind mit dem Casino Monte Laa glücklich. Ein Schausteller, der anonym bleiben möchte, hat viele Spieler in den vergangenen Jahren beobachtet. "Der Verfall ist immer gleich", sagt er. "Am Anfang sind sie noch mit großen Autos gekommen, jetzt sind es nur noch kleine Blechkisten. Die verlieren nicht nur ihr Geld, sondern zerstören auch ihre Familien." Einige würden auch mit ihren Kindern kommen. Während die Erwachsenen zocken, vergnügen sich die Jungen im Prater.

Henriette Geißler - grau meliertes Haar mit einem Haarreifen zurückgesteckt, schwarzer Pullover - hat ihr ganzes Leben im Böhmischen Prater verbracht. Ihre Familie ist hier schon seit 1874 ansässig, erzählt die 82-jährige Schaustellerin. Auch ihr Mann war Schausteller. Der Otto-Geißler-Platz, gegenüber der Automatenhalle, wurde nach ihm benannt. Neben dem Platz befindet sich ihr Schaustellerbetrieb. Von dort hat sie freie Sicht auf die Spielbank.

"Die nehmen uns die Parkplätze weg", sagt Geißler und zieht die Augenbrauen zusammen. "Mit der Begründung, dass sie ein paar Parkplätze ausgebaut haben. Für unsere Gäste gibt es dann aber keinen Platz mehr." Da keine Öffis den Böhmischen Prater anfahren, sind freie Parkplätze aber eine Art Lebensversicherung. Auch weil der Prater auf einer Anhöhe liegt, die mit Kleinkindern nur mühsam zu erreichen ist. Geißler ist überzeugt, dass Familien mit Kindern, die keine freie Fläche für ihr Auto finden, schnell verärgert seien und das nächste Mal nicht mehr kommen würden.

Casinos habe es im Böhmischen Prater immer schon gegeben, sagt Geißler. Aber nicht in der Dimension von Monte Laa. Drei, vier Stunden sei ein Spieler durchschnittlich in der Halle. "Danach kommen sie mit einem roten Kopf heraus. Viele lehnen dann an meinem Zaun und starren ins Leere." Mehrmals musste dieser bereits repariert werden. Die Blumen, die ursprünglich an dem Zaun festgemacht wurden, hat Geißler schon vor längerer Zeit entfernt, da sie mit Zigarettenstummeln übersät waren oder ausgerissen und auf dem Boden verstreut wurden. "Uns haben sie schon angeboten, bei ihnen vorbeizuschauen. Wir haben dankend abgelehnt", antwortet die Schaustellerin auf die Frage, ob sie mit den Spielbank-Betreibern in Kontakt sei.

Für die Politik ist Casino kein Störfaktor

Besser gestern als heute wegkommen sollte die Automatenhalle, wenn es nach Bezirksvorsteher-Stellvertreter Michael Mrvicka (FPÖ) geht. Das sei schließlich keine Aufwertung für den Prater. Vielmehr müsse man in den Aufbau einer Infrastruktur investieren. Stichwort: Bus, Tante-Emma-Laden, öffentliche WCs. Der alte Charme des Vergnügungsparks soll dabei aber unangetastet bleiben, sagt Mrvicka.

Vonseiten der roten Bezirksvorstehung verweist man hingegen auf ein seit vielen Jahren bestehendes Konzept, das den Böhmischen Prater als den kleinen Familienprater definiert. Aus Mitteln der Kulturförderung werden dabei gezielt Projekte gefördert, so Gerhard Blöschl (SPÖ), Vorsitzender der zuständigen Bezirksentwicklungskommission. "Ringelspiele und Ähnliches können wir aber nicht fördern. Da müssen sich die Schausteller schon selber darum kümmern", fügt er hinzu. Auch Öffis sind aufgrund der geringen Frequenz nicht vorgesehen.

Das Casino Monte Laa ist für Blöschl aber kein Störfaktor. Schließlich habe die Spielbank keine "wirkliche" Verbindung zum Prater. "Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Die einen wollen spielen, die anderen Ringelspiel fahren. Es gibt keine Probleme im Böhmischen Prater im Bezug auf das Casino", betont der SPÖ-Bezirksrat.

Auch in der ÖVP Favoriten gibt es so gut wie keinen Widerstand gegen die Spielbank, wenn man von der Jungen ÖVP (JVP) absieht, die sich - wie berichtet - gegen einen möglichen Ausbau stemmt. Alfred Hoch, Bezirksparteiobmann der ÖVP Favoriten und Landesgeschäftsführer der ÖVP Wien, hält die Position der JVP nach eigenen Angaben für legitim. "Ich sehe es aber gesamtheitlicher. Mit der Vergabe der Lizenzen kann der Spielsucht besser entgegenwirkt werden, der Spielerschutz wird dadurch erhöht." Sollte das Casino Monte Laa die Lizenz bekommen, dann müsse die Politik und Novomatic aufeinander zugehen. "Ich kann aber weder dafür noch dagegen sein, weil ich es nicht entscheiden kann."

Ein Konzept für den Böhmischen Prater sieht er nicht. "Es gehört Geld in die Hand genommen, um den Prater auf Vordermann zu bringen." Dazu gehöre auch eine Busverbindung zum Reumannplatz.

Wie lange es die Märchenbahn und den Mondflieger in dieser Form noch geben wird, ist fraglich. Dass der Böhmische Prater aber sein Schattendasein aufgeben wird, ist eher unwahrscheinlich. Ob eine Casinolizenz und ein damit verbundener Ausbau des Casino Monte Laa dies ändern könnte?