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Casting-Kids mutieren vom Subjekt zum Objekt

Von Franz Witzeling

Gastkommentare
Franz Witzeling ist Psychotherapeut und Soziologe.

In diversen Casting-Shows, vom Supertalent bis zum Top-Model-Format, werden junge Menschen zum objektgleichen Content.


Wenn man weiß, dass Identitätsentwicklung mit Wertwahrnehmung und Wertentwicklung, aber vor allem mit bewusster Wertbildung einhergeht, kommt man angesichts der beliebten TV-Formate nicht aus dem Staunen heraus, wenn junge Menschen ihre aufblühende Identität hohlen Klischees, vorgefertigten Modetrends und nachgesungenen, kurzlebigen Kommerz-Hits opfern.

Ist es schon so weit, dass die Attraktivität erlebbarer Vorbilder und realer Anregungen aus dem unmittelbaren Umfeld so wenig wirksam ist, dass man den eigenen individuellen Ausdruck, sich selbst natürlich und selbstbestimmt darzustellen, verweigert? Wie weit geht Manipulation, wenn junge Menschen ihren natürlichen Narzissmus über Bord werfen und für die mediale Bühne, die die Welt bedeutet, opfern?

In der Psychologie wird dieser neurotische Entwicklungsprozess aus der Perspektive der Casting-Kandidaten als Masochismus und das Agieren der Jury als sadistische Aktion gesehen. Die prägende Wirkung einer totalitaristischen Konsumgesellschaft hat es geschafft, die biophilen Triebe junger Menschen soweit zu unterdrücken, dass die Nekrophilie einer selbstleugnenden bis selbstzerstörerischen Objekthaltung voll zur Wirkung kommt.

Neben dem Markenwahn macht die manische Fixierung auf Accessoires, sei es Schmuck oder Handy, die als Kommunikationskrücke in einer sprachlosen Beziehungswelt fungieren, das Leben für viele junge Menschen zur Einbahnstraße. Sein eigenes Ich über die "Klamotten" und über das Klischee, das gerade in ist, zu definieren, ist der wahre seelische Ausverkauf und das Vergeben der Chance der Entwicklung eines authentischen Egos. Man könnte von einer Kollektivierung der Individualität sprechen in Anbetracht der Gleichschaltung des Geschmacks, aber vor allem der Emotion in diversen Casting-Shows.

In "Dantons Tod" von Georg Büchner lässt dieser Danton sagen: "Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder." Und: "Das Volk ist wie ein Kind, es muss alles zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt." Ist das moderne Leben ein Überraschungsei? Das kann’s wohl nicht sein. Oder sind die Auswüchse medial inszenierter Depersonalisierung gar die Nachwehen der viel diskutierten anti-autoritären Erziehung?

Das Prinzip Hoffnung gilt auch für die "Kids", die sich einem Casting ausgesetzt haben, um sich aus der Objektphase wieder als Subjekt mit allen Stärken und Schwächen im eigenen Körper wohlzufühlen und so ihren eigenen Weg in die stinknormale Welt zu machen.

Folgt man dem Standard der Weltgesundheitsorganisation WHO, was ganzheitliche Gesundheit bedeutet, so ist Identität nur über gleichzeitiges seelisches und körperliches Wohlbefinden zu erreichen. Auch Sigmund Freud, der die Subjekt-Objekt-Beziehung zum Konstrukt seiner Libido-Theorie gemacht hat, stellt fest, dass Leben, Lieben und Leiden nur vom bewussten Ego bestimmbar ist. Dieses starke Ego wünschen wir unserer Zukunftsgeneration, die sich dadurch von einer "No Future"- wieder zu einer "Future"-Generation entwickelt.