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Castro: Ein Totgesagter trotzt allen Widrigkeiten

Von Michael Schmölzer

Politik

Raúl Castro wagt Auflehnung gegen Bruder nicht. | Konflikt in Partei- und Staatsführung vorprogrammiert. | Fidel Castro seit einem Jahr nicht mehr in der Öffentlichkeit. | Havanna/Wien. Lange wurde gerätselt, ob Fidel Castro diesen Tag überhaupt erleben würde: Der Maximo Lider hat am Montag allen Prognosen zum Trotz seinen 81. Geburtstag gefeiert. Vor etwas über einem Jahr musste sich der Revolutionsführer einer schweren Darmoperation unterziehen - ab diesem Zeitpunkt übernahm Bruder Raúl offiziell die Amtsgeschäfte. Der Gesundheitszustand Castros wurde nach dem 31. Juli 2006, dem Datum der Operation, zum Staatsgeheimnis erklärt. In Washington hoffte man indes unverholen auf ein Ableben jenes Rebellen im Vorhof der USA, der alle Präsidenten seit Eisenhower überdauert hat.


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Doch Castro hat sich nicht zum ersten Mal in seinem Leben als zäh erwiesen. Allein der Umstand, dass er immer noch lebt, stellt für die Hardliner in der US-Politik eine Provokation dar. Dabei ist der Staatschef, wie er jetzt selber zugegeben hat, dem Tod nur knapp entkommen. Sein Leben sei nur noch an einem seidenen Faden gehangen, schrieb er in der Parteizeitung "Granma". Die Ärzte bestätigten, dass nach einem ersten Eingriff mehrere Notoperationen notwendig gewesen waren, um das Leben des Erkrankten zu retten.

Seitdem ist Castro nach offizieller Leseart auf dem Weg der Genesung. Es existieren Fernsehbilder des sichtlich Abgemagerten, in der Öffentlichkeit hat er sich nicht mehr gezeigt. Auch nicht bei den Revolutionsfeierlichkeiten am 26. Juli 2007, als sich die alte revolutionäre Garde, bestehend aus Guillermo Garcia Frias, Ramiro Valdés, Juan Almeida Bosque und natürlich Raúl Castro noch einmal aufraffte um Fähnchen schwingend revolutionären Elan zu verbreiten.

Unterdessen mehren sich die Hinweise darauf, dass Fidel Castro nicht mehr genesen wird. Die Tochter Raúl Castros, Mariela, deutete jüngst in einem Interview mit der spanischen Nachrichtenagentur EFE das zu erwartende baldige Ende ihres Onkels an. "Die Sorge, unseren Führer zu verlieren, ist nun stärker." Der "Máximo Líder" habe zwar nach wie vor großen Einfluss, doch Kuba entwickele sich "mit oder ohne Fidel" weiter, so Raúl Castros Tochter.

Grübler statt Haudegen

Aus dem einstigen Mann der Tat ist ein Grübler geworden. Er habe ein "riesiges Bedürfnis zum Studieren und Meditieren", sagte Castro zuletzt. Das Verlangen nach Reflexion manifestiert sich in einer Reihe von Zeitungsartikeln, mit denen er sich an die Öffentlichkeit wendet. Er denke in "aller Tiefe" über die Bedrohungen der Menschheit nach, ließ Castro seine Leser wissen.

Tatsächlich kommentiert der 1926 Geborene die Vorgänge in der Welt, von Kosovo bis Korea. Der Großteil seiner Aufmerksamkeit richtet sich nach wie vor gegen den Erzfeind USA, von Castro "das Imperium" genannt. Die amerikanische Politik betitelte er mit dem Begriff "Welttyrannei". Er sei "nicht der erste und auch nicht der letzte", dessen Tod Bush angeordnet habe, schreibt der 81-Jährige. Die US-Regierung unternehme oftmals nichts, meint Castro weiters, um terroristische Angriffe auf US-Bürger zu stoppen, weil ihr diese Anschläge nützlich erschienen. "Washington braucht mitunter einen großen Schlag, damit es den brutalen Krieg rechtfertigen und fortsetzen kann, den es der Kultur, der Religion, der Wirtschaft und der Unabhängigkeit anderer Völker erklärt hat." Den US-Präsidenten nennt Castro "eine apokalyptische Person". Man müsse sich nur sein Gesicht und seine Augen anschauen, um das zu sehen.

Nach eigener Darstellung hält Castro auf Kuba weiterhin in allen Grundsatzfragen die Zügel fest in Händen. Das erscheint glaubhaft, denn Beobachter gehen davon aus, dass sich der wenig charismatische Raúl Castro nie gegen seinen älteren Bruder stellen würde. Der nominelle Staatschef profilierte sich schon in den Tagen der Revolution gegen das korrupte Batista-Regime als getreuer Helfer seines Bruders, in den folgenen Jahrzehnten änderte sich daran nichts.

Trotzdem haben Medien und Diplomaten nach der Amtsübergabe vor einem Jahr intensiv über mögliche Reformen spekuliert. Jetzt zeigt sich ganz deutlich, dass Raúl die politische wie auch die wirtschaftliche Linie seines Bruders nicht verlassen hat. Dass er zuletzt eine Anhebung der Löhne und Verbesserungen bei der Nahrungsmittelversorgung forderte, ist nicht als Kritik an Fidel Castro zu werten sondern soll vielmehr die Lebendigkeit und Reformfähigkeit des alten Systems unterstreichen. Schritte in Richtung Marktwirtschaft waren in den letzten zwölf Monaten nicht auszunehmen, von einer Demokratisierung der Gesellschaft ist ebenfalls nichts zu spüren.

Tatsache ist: Die Abwesenheit Fidel Castros hat sich bis jetzt nicht bemerkbar gemacht. Das, was sich tatsächlich verändert hat, hat eher anekdotischen Charakter So haben die kubanischen Parlamentsabgeordneten in den raren Sitzungen jetzt mehr Zeit für ihre Reden - früher nahmen Castros gefürchtete Endlosansprachen einen Großteil der Zeit in Anspruch. Auch sind die Delegierten jetzt einem erhöhten Maß an Unsicherheit ausgesetzt: Zwar bemühen sie sich redlich, das zu sagen, was auch Castro sagen würde - wäre er anwesend. Doch können sie jetzt nicht mehr sehen, ob Castro zum Zeichen seines Einverständnisses den Mund zu einem Lächeln verzieht oder missbilligend die Augenbraue nach oben zieht.

Keine Opposition

Trotzdem halten internationale Beobachter einen Richtungsstreit zwischen orthodoxen Kräften und Reformern in Kubas Partei- und Staatsführung über kurz oder lang für unausweichlich. Der Druck auf die, die am alten System festhalten, ist allerdings nicht besonders groß. Denn anders als in den europäischen KP-Diktaturen vor der Wende 1989 gibt es auf Kuba keine nennenswerte Oppositionsbewegung.

Deshalb gehen viele Experten davon aus, dass es nach Fidel Castros Ableben nicht zu einem Umsturz auf Kuba kommen wird. Vielmehr sei damit zu rechnen, dass eine jüngere KP-Funktionärselite die Macht übernimmt und eine vorsichtige Politik der wirtschaftlichen und politischen Öffnung betreibt, heißt es.