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CDU wendet sich von Hauptschule ab

Von Georg Friesenbichler

Europaarchiv

Papier sieht neue Oberschule vor.
| Keine Einigkeit in den Bundesländern und der Koalition.


Berlin. Ähnlich wie Österreich streitet auch Deutschland seit Jahrzehnten um die pädagogisch richtigen Schulformen. Nun kommt wieder Bewegung in die Debatte. Denn die CDU will in einem Kehrtschwenk die Hauptschulen abschaffen.

Noch im Jahr 2000 verankerte die CDU in ihren bildungspolitischen Leitsätzen: "Die Hauptschule muss in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aufgewertet werden." Nun soll am Montag der CDU-Vorstand einen Leitantrag für den Bildungsparteitag im November beschließen, der das Gegenteil verkündet: "Neben dem Gymnasium ist die Oberschule ein weiterer und gleichwertiger Bildungsweg, der Hauptschule und Realschule in sich vereint."

Das deutsche Bildungssystem ist Ländersache, in den Grundzügen aber bundesweit gleich. Während in den SPD-geführten Bundesländern im Sekundarbereich I, also von der 5. bis zur 10. Klasse, die umstrittene Gesamtschule bevorzugt wird, hielt die CDU bisher an dem dreigliedrigen System fest, das Hauptschule, Realschule und Gymnasium umfasst.

Die Realschule, in Anlehnung an die preußische Mittelschule konzipiert, wird mit der mittleren Reife abgeschlossen, die sowohl den Einstieg ins Berufsleben, aber auch weiterführende Ausbildung in berufsbildenden Schulen ermöglicht. An diesen kann auch die Hochschulberechtigung erworben werden.

Unbeliebte "Restschule"
Die Hauptschulen waren ursprünglich noch stärker berufsorientiert. Mittlerweile wird aber von der Wirtschaft der Hauptschulabschluss nicht mehr goutiert, die Unternehmen fordern immer stärker die mittlere Reife – und die Hauptschulen gelten vielen nur noch als "Restschulen", in denen sich die Leistungsschwächsten versammeln.

Aufstiegsorientierte Familien schicken daher ihre Kinder gar nicht mehr hin. In vielen Bundesländern werden Hauptschulen bereits mit der Realschule fusioniert, im Osten wurden sie nach der Wiedervereinigung erst gar nicht eingeführt. Aus dem Osten, nämlich aus Sachsen, kommt auch Kultusminister Roland Wöller, der die CDU-Kommission zur Schulpolitik geleitet hat. Er verweist auf die guten Erfolge der Oberschule in seiner Heimat. In dem von der Kommission erarbeiteten 30-seitigen Grundsatzpapier geht es auch um die Vergleichbarkeit zwischen den Ländern.

In diesen rumort es aber ob der grundsätzlichen Abkehr der CDU von den differenzierten Schulformen. Nicht nur manche Lehrerverbände sind gegen das neue Zwei-Wege-Modell. Die CDU-Landesverbände von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben bereits schwere Bedenken angemeldet. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, dessen CSU in der Berliner Koalition sitzt, hat betont, sein Land werde an dem dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Und der andere Koalitionspartner der CDU, die FDP, sprach von einem "Irrweg".