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Chancen und Tücken des www: Was tun in der Dritten Welt?

Von Gisela Ostwald

Wirtschaft

Ein neuer Begriff definiert die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den aufstrebenden Ländern des Südens und dem industrialisierten Norden: Die "digitale Trennung". Das Internet berge ein enormes Potenzial für die Dritte Welt, stellte eine hochrangige UNO-Konferenz vergangene Woche in New York fest.


Es könnte den Ländern der Dritten Welt endlich die Weltmärkte erschließen, neue Jobs und einen gewissen Wohlstand verschaffen - oder sie noch weiter in die Tiefe reißen. Was machen, wenn ein armes Land keinen Strom für den Anschluss ans weltweite Netz hat, fragte der Regierungsvertreter Ruandas auf der Sondersitzung des Wirtschafts- und Sozialausschusses (ECOSOC) zur Informations- und Kommunikationstechnologie im Jahr 2000.

Ganz Afrika schwächer als die Stadt New York

Weltbank-Präsident James Wolfensohn gab ihm recht: Für die 6,5 Millionen Einwohner Ruandas gebe es tatsächlich weniger Telefon- oder Modemanschlüsse als für die Mitarbeiter seiner Organisation. In Äthiopien sind 60% der Einwohner Analphabeten. Nur eine winzige Elite surfe durch das Internet: 98% der Netzbenutzer haben einen Universitätsabschluss.

Das gesamte Afrika ist schwächer im Internet vertreten als die Stadt New York. Alle Länder Südamerikas und der Karibik zusammen verfügen über weniger Websites als das vergleichsweise kleine Finnland, heißt es in einem UNO-Bericht, der im Juni vor Beginn der ECOSOC-Tagung erschienen ist.

Selbst innerhalb der industrialisierten Welt gibt es überraschende Unterschiede, stellte der Bericht fest. So liegen die "Pro-Kopf-Ausgaben für Computer in den führenden Ländern der Europäischen Union erheblich unter denen der USA". Andere Industrieländer halten bei der Software und den Dienstleistungen im Rahmen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) nicht mit den USA mit. Grund dafür seien die hohen Investitionen Amerikas in die ICT-Forschung und Entwicklung.

Irlands Ministerin für Entwicklungshilfe und Menschenrechte, Liz O'Donnell, verlangte während der dreitägigen Ministerrunde zu Beginn der vierwöchigen ECOSOC-Tagung, die neuen Informationstechnologien noch viel intensiver als bisher auf Möglichkeiten abzuklopfen, die ärmsten Länder der Welt zu fördern. Schließlich seien die Vereinten Nationen ihrem 1995 in Kopenhagen erklärten Ziel, Armut global bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren, bisher nur unwesentlich näher gekommen.

Analphabetismus, Armut, Hunger kontra IT

Computer und Telefonnetze also als Entwicklungshilfe der Zukunft statt Nahrungs- und Lehrmittel sowie Medikamente? Der Leiter für den Bereich Infrastruktur und Industrie bei der Afrikanischen Entwicklungsbank, Cordje Bedoumra, lehnt diesen Gedanken strikt ab: Afrika brauche die humanitäre Hilfe weiter zum Überleben, habe aber durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erstmals die Chance, "einen Sprung vorwärts zu schaffen".

"Man kann nicht über Informationswirtschaft zu jenem Sechstel der Menschheit sprechen, das nicht lesen und schreiben kann", mahnte auch der kubanische Informations- und Kommunikationsminister Ignacio Gonzalez Planas: "Es ist Unsinn, mit jener Milliarde Menschen über den Wert von Software zu debattieren, die Hunger leidet, in absoluter Armut lebt und keine medizinische Versorgung hat".