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Chancengleichheit als Utopie

Von Katharina Schmidt

Politik

Migrantenkinder weiter benachteiligt, neue Schulform als Ausweg?


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Gmunden. Der ideale Schüler ist Österreicher, eloquent in seiner Muttersprache - nämlich Deutsch - und wird von seinen Eltern - ebenfalls österreichischer Herkunft und beide in der Managementebene voll berufstätige Akademiker - bei seinen Hausübungen alltäglich in expertenhafter Manier angeleitet. Was klingt wie eine dystopische Vision einer makabren Einheitsgesellschaft, ist im österreichischen Schulsystem oft noch Realität. Denn - Neue Mittelschule hin oder her: Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten sind in der Schule nach wie vor benachteiligt. Schätzungen zufolge treten 30 bis 50 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund nicht in die Sekundarstufe II über, auch in den Lehrberufen sind sie weit unterrepräsentiert. So ist der Anteil von Kindern nicht-deutscher Umgangssprache in der AHS mit 14,2 Prozent zwar niedrig, aber immer noch höher als der Anteil in den Berufsschulen (9,4 Prozent). Den höchsten Anteil an Schülern mit anderen Umgangssprachen als Deutsch haben die Berufsbildenden Mittleren Schulen mit 18,3 Prozent.

Thomas Pfeffer, Soziologe an der Donau Universität Krems, erklärte am Montag beim Auftakt des Dialogforums Integration und Migration, das die Uni alljährlich in Gmunden durchführt, die Hintergründe: Das Schulsystem sei nach wie vor nicht darauf eingerichtet, dafür zu sorgen, dass Kinder mit Migrationshintergrund dieselben Chancen haben wie ihre autochthonen Kollegen, "das Schulsystem geht vom braven deutschsprachigen Normschüler, nach Möglichkeit aus gutbürgerlichem Elternhaus aus". Dass auch die Lehrer persönlich lieber in Klassen mit niedrigem Migrantenanteil arbeiteten, sei nur eine Randerscheinung eines strukturellen Problems. "Das Bildungssystem sieht es einfach nicht als seine Aufgabe an", sagte Pfeffer. Nachsatz: Manchmal habe er das Gefühl, das sei gewollt. Denn nicht nur manche Lehrer, sondern auch manche Eltern sähen es lieber, wenn ihre Kinder nicht gemeinsam mit Migranten die Schulbank drückten. Auch in den kleinen Lehrbetrieben habe man oft Angst davor, einen Lehrling mit Migrationshintergrund einzustellen, in großen Firmen sei das einfacher.

Ideal: Einheitsbrei

Realität: Patchwork

Pfeffer sieht in erster Linie ein organisatorisches Problem, auf das die Organisation Schule und damit vor allem die Politik reagieren müsse: Nötig sei die Finanzierung zusätzlicher Maßnahmen wie etwa einer Personalaufstockung je nach den Bedürfnissen des jeweiligen Schulstandorts. Allerdings müsste dann auch der "Output stimmen", sagt Pfeffer, der sich für klare Zielvorgaben für die Schulen ausspricht.

Eine mögliche Lösung für das Dilemma im Bildungsbereich sieht Gudrun Biffl, Dekanin der Fakultät für Wirtschaft und Globalisierung an der Donau Uni, im Konzept der sogenannten "Schulen des 21. Jahrhunderts". Denn statt des eingangs beschriebenen Normjugendlichen dominiere heute die "Patchworkidentität": Statt nach von Familie, Schule und Beruf vorgegebenen Mustern definierten sich die Jugendlichen mittlerweile über viele andere, wechselnde Kanäle - soziale Gruppierungen, sozialen Medien. Oder auch, philosophischer ausgedrückt: "Die Identitätsfindung in der Postmoderne ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist, sondern von den sich ändernden Rahmenbedingungen abhängt." Es sei heute viel einfacher, aus den traditionellen Mustern der Eltern auszubrechen, gleichzeitig "ist dadurch auch die Unsicherheit und die Wahrscheinlichkeit, zu versagen, für alle größer geworden", so die Migrationsforscherin.

Auf die "Patchworkidentitäten" der Kinder kann das Schulsystem mit "Patchworkschulen" reagieren, erklärte Biffl weiter: Schulformen, in denen Kinder unterschiedlichen Alters, Eltern, Lehrer und die Gemeinde zusammenwirken.

Ein ganzheitlicher Ansatz für die moderne Schule

Das Konzept für diese "Schulen des 21. Jahrhunderts" wurde in den USA entwickelt, neben weitestgehender Unterstützung der Eltern (zum Beispiel auch für Migranten im Umgang mit den Behörden), gehören auch frühkindliche Bildung, die Betreuung vor der Schule, nachher und in den Ferien sowie Gesundheitsdienste dazu. Der Fokus liegt auf einer möglichst guten Entwicklung der Kinder in allen Belangen. Während es in den USA und Italien bereits Schulen nach diesem ganzheitlichen Muster gibt, existiert in Österreich erst ein ähnliches Projekt.

Biffl betonte zwar, dass Schulen "nicht im Alleingang die gesellschaftlichen Herausforderungen" lösen könnten, allerdings "sollte sich Österreich schon langsam in diese Richtung bewegen". Und immerhin: Auch aus dem Unterrichtsministerium gab es am Montag bereits vorsichtige positive Signale.

Wissen

Das Dialogforum Migration und Integration findet heuer bereits zum fünften Mal vor der malerischen Kulisse des Traunsees auf Schloss Ort in Gmunden statt. Das von der Donau Universität Krems initiierte und veranstaltete Forum dient dem Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, heuer geht es um das Generalthema "Identitäten". Nach dem Schwerpunkt Bildung am Montag wird heute, Dienstag, über die Herausforderungen für den Arbeitsmarkt diskutiert, am Mittwoch geht es um das Thema Religion, am Donnerstag um Geldrücksendungen von Migranten und am Freitag steht schließlich die Verbindung zwischen Kunst und Migration am Programm.

www.donau-uni.ac.at