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Chancenreich und trefferarm

Von Simon Rosner

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Sieg gegen Montenegro - zwischen deutlicher Weiterentwicklung und besorgniserregender Schwachstelle.


Man kann schlechte Partien gewinnen und gute verlieren. Unter Teamchef Marcel Koller war schon alles dabei, den Sieg gegen Moldawien etwa adelte Zlatko Junuzovic mit dem wunderbar treffenden Begriff "Schweinsspiel". Überzeugende Erfolge, in denen Leistung und Ergebnis passen, gab’s auch, jedoch bisher nicht gegen Mannschaften, die über ein ähnliches Leistungsvermögen wie Österreich verfügen.

Montenegro war so ein Kontrahent. Oder wäre so einer gewesen, wie aus der noch jungen Geschichte dieser Mannschaft und ihrem Kader herauszulesen ist. Dass sich dann im Spiel aber ein echter Klassenunterschied offenbarte, war bemerkenswert und so nicht wirklich zu erwarten. Man kann es auch als nicht unerhebliche Weiterentwicklung werten. Allerdings mit einer durchaus besorgniserregenden Fußnote: Die Chancenverwertung war zum wiederholten Mal schwach, bisweilen sogar kurios schlecht, womit sich eine Schwachstelle des Teams weiter manifestierte.

Treffsicherheit ist eine spezifische Qualität, die aus durchschnittlichen Teams erfolgreiche und aus guten Welt- und Europameister machen kann. Wenn es also noch eines Nachweises bedurfte, dass Österreich nicht über diese Qualität verfügt, kann man das 1:0 als diesen verstehen. Und die Probleme bei der Chancenverwertung sind auch nicht nur Nationalmannschafts-inhärente.

Martin Harnik kam in der Vorsaison in Stuttgart auf zehn Treffer, der wiederentdeckte Rubin Okotie in Dänemark auf elf, immerhin, alle übrigen Spieler der Startelf jedoch nur auf 19. Und zwar gemeinsam. Kollers Möglichkeiten, dies im Team zu ändern, sind sehr begrenzt, Treffsicherheit hat man oder eben nicht. Koller kann Konzentration und Ruhe vor dem Tor einfordern, wenn er aber ständig darauf hinweist, besteht die Gefahr, dass die Spieler noch mehr verkrampfen, und das Chancenversieben zur "selbsterfüllenden Prophezeiung" wird.

Ein bisschen was ist aber drin, wenn es gelingt, das eigene Selbstverständnis weiter zu stärken. In dieser Hinsicht war das Spiel gegen Montenegro ein wichtiger Schritt. Das Team war über weite Strecken so selbstbewusst wie lange nicht, es agierte wie eine Mannschaft, die großer Favorit ist und über deutlich mehr Qualität verfügt, obwohl das die Papierform eigentlich nicht hergab. Die Konsequenz daraus: Österreichs Spiel bekam Qualität, Dominanz und Ruhe. Das Spiel ist aber insgesamt variabler geworden, auch wenn es nach wie vor am besten ist, wenn mit hohem Tempo weit vorne attackiert und Forechecking gespielt wird. Doch es hat an Qualität gewonnen, wenn der Ball in den eigenen Reihen läuft, um ein bisschen Luft zu holen. So kann Österreich Spiele wie dieses diktieren, den Rhythmus bestimmen, was wiederum Sicherheit und Selbstvertrauen gibt. Nur ganz vorne fehlt die Ruhe, und es ist doch fraglich, ob sie bei Spielern wie Arnautovic, Junuzovic, Leitgeb und Co. je kommen wird. Und solange keine neuen, treffsicheren Spieler (Okotie? Sabitzer?) gefunden sind, sollte die Fantasie auch angesichts toller Leistungen wie gegen Montenegro nicht davongaloppieren. Für Erfolge sind eben Tore nötig, und schießt man sie nicht, wird man eher gute Partien verlieren als "Schweinsspiele" gewinnen.