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"Charlie Hebdo" und das "Gift der Millionen"

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Politik

Beim französischen Satireblatt rumort es. Einige Mitarbeiter fordern nicht nur mehr Mitbestimmung, sondern auch eine gerechtere Aufteilung des seit dem Attentat sprunghaft angestiegenen Kapitals.


Paris. Eine Ausgabe von "Charlie Hebdo" zu ergattern? Nach dem blutigen Attentat auf das französische Satiremagazin Anfang Jänner, bei dem Islamisten insgesamt zwölf Menschen getötet hatten, gestaltete sich das über Wochen als schwieriges Unterfangen. Trotz der Auflage von sieben Millionen Stück war das "Heft der Überlebenden" an den Zeitungskiosken ständig vergriffen - nicht nur in Frankreich drückten viele Kunden mit dem Kauf der Zeitschrift ihre Solidarität aus. Jede Woche veröffentlicht die dezimierte Redaktion inzwischen wieder eine neue Ausgabe, doch der Absatz sank wieder stark. Gerade aufgrund der oft derben Provokationen gilt "Charlie Hebdo" als Symbol der Presse- und Meinungsfreiheit schlechthin. Zum Lachen bringt das Blatt aber nicht viele.

Zwar ist der drohende Bankrott längst abgewendet. Französischen Medienberichten zufolge erbrachten die Rekordverkäufe und Spenden seit Jänner Einnahmen in der Höhe von fast 30 Millionen Euro. Das Geld erweist sich aber nicht nur als Segen, sondern wird zunehmend zum Zankapfel: Rund ein Dutzend Redaktionsmitglieder verlangen nun eine gerechtere Aufteilung des sprunghaft angestiegenen Kapitals. Momentan halten die Eltern des ermordeten früheren Chefredakteurs Stéphane Charbonnier, Charb genannt, 40 Prozent der Anteile an "Charlie Hebdo". Weitere 40 Prozent gehören Charbs Nachfolger, dem 48-jährigen Karikaturisten Riss, und 20 Prozent dem Geschäftsführer Eric Portheault. Schon in der Vergangenheit hatte mangelnde Transparenz wiederholt für massiven Unmut unter den Redaktionsmitgliedern gesorgt.

Bei der Forderung um mehr kollektive Mitbestimmung und die Gründung einer Mitarbeiter-Genossenschaft gehe es nicht ums Geld, versichern die Initiatoren des Aufrufs. "Es gibt keinen Konflikt mit der aktuellen Geschäftsführung, aber nach allem, was passiert ist, wollen wir stärker miteinbezogen werden", erklärt Mitarbeiter Patrick Pelloux. In einem Beitrag für die Zeitung "Le Monde" warnen er und seine Mitstreiter vor dem "Gift der Millionen" und der Kontrolle von "Charlie Hebdo" nur durch ein paar wenige. Ein "von der gesamten Redaktion reiflich überlegtes Projekt" für die Neuausrichtung müsse her.

Zwar hatte sich das Team unmittelbar nach der tödlichen Schießerei entschlossen, das Magazin weiterleben zu lassen, das die Attentäter "töten" wollten, um sich für Karikaturen des Propheten Mohammed zu rächen, wie sie erklärten. Doch die Redaktion muss nicht nur das schwere Trauma verarbeiten und die Angst vor weiteren Angriffen überwinden. Auch verlor sie einige ihrer wichtigsten Köpfe und Karikaturisten. Und neue Mitarbeiter zu finden, gestaltet sich gerade auch aufgrund des persönlichen Risikos als schwierig.

"Sie schotten sich ab"

Nachdem "Charlie Hebdo" schon in der Vergangenheit Ziel von Anschlägen und Drohungen war, standen die Redaktion und ihre Spitze seit langem unter Polizeischutz - so befand sich unter den Todesopfern auch Charbs Leibwächter, der Polizist Franck Brinsolaro. Jetzt wurde die Bewachung noch einmal verstärkt. Noch immer ist die Redaktion provisorisch in den Räumen der linken Tageszeitung "Libération" untergebracht. Doch die Kollegen von "Charlie Hebdo" schotten sich stark ab, erzählt eine Journalistin von "Libération". "Auch uns gegenüber sind sie sehr diskret, nachdem man sie so bestürmt und so tief getroffen hat."

Galten die Mitarbeiter des Satireblatts früher als äußerst offen, die auch Kritiker zu Diskussionsrunden empfingen, so reagieren sie heute nicht auf Interview-Anfragen: Sie lassen sich von der Krisenkommunikation-Spezialistin Anne Hommel betreuen, einer engen Mitarbeiterin des früheren IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn, der im Zuge einer Sex-Affäre sein Amt abgeben musste.