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Chavez spendet, weil er fürchtet, dass sich die USA in Haiti breitmachen

Von Alexander U. Mathé

Analysen

"Mein Gott, was haben wir Geld für die anderen." So mancher Venezolaner war konsterniert, nachdem er erfahren hatte, dass sein Präsident soeben mehr als zwei Milliarden Dollar Hilfe für das zerstörte Haiti aus dem Ärmel geschüttelt hat.


Solche Großzügigkeit kann schon einmal verwundern, wenn sie aus einem Land stammt, das selbst genug Probleme hat. In das dort eigens geschaffene Ernährungsministerium mussten erst vor kurzem - vergleichsweise schlappe - 325 Millionen Dollar gepumpt werden. Dadurch sollte die Nahrungsversorgung der Bevölkerung verbessert werden. Gleichzeitig hat Hugo Chavez drei zusätzliche Osterfeiertage geschaffen. Nicht etwa, weil der ehemalige Oberstleutnant so besonders religiös wäre, sondern um Energie zu sparen. Denn auf diesem Sektor wird Venezuela von einer argen Krise gebeutelt. Die Opposition beklagt, dass mangelnde Investitionen zu der Malaise geführt hätten. Warum also in dieser Situation Haiti mehr Geld spenden als die EU oder die USA?

Hugo Chavez hat Angst. Angst, dass sich der Westen, zumal die USA, in Haiti festsetzen. 15.000 US-Soldaten seien in Haiti einmarschiert, tönte der venezolanische Präsident, nachdem die Hilfstruppen eingetroffen waren. Diese Soldaten sieht Chavez als gegen sich und seine kubanischen Freunde gerichtet. Und er will durch vermehrte eigene Präsenz ein Ungleichgewicht verhindern. Auf diesem Gebiet ist Chavez ohnedies sensibel. Sind ihm doch bereits die in Kolumbien zum Drogenkampf stationierten US-Truppen ein Dorn im Auge.

Ob diese Befürchtungen zu Recht oder zu Unrecht bestehen, lässt sich schwer sagen. Vielleicht blutet sich Chavez in seinem Verteidigungsrausch ebenso aus wie seinerzeit die Sowjetunion im Wettrüsten mit dem amerikanischen Verteidigungssystem SDI, das sich später ohnedies als gescheitert herausstellte.

Jedenfalls paart sich Chavez’ Furcht mit seiner Vision, ganz Lateinamerika unter seiner sozialistischen Führung zu einen. Schon von frühester Jugend an war Chavez’ großes Vorbild Simon Bolivar, der in Caracas geborene Freiheitsheld, der die meisten südamerikanischen Staaten in die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten geführt hat. Dasselbe schwebt auch Chavez vor, nur dass er die Befreiung von den "imperialistischen USA" sucht.

In dieses Bild fügt sich die Rhetorik des venezolanischen Präsidenten, der erklärt, dass Haiti nicht zu danken habe, sondern im Gegenteil Haiti dafür zu danken sei, dass es im 19. Jahrhundert Simon Bolivar mit Waffen beliefert habe.

Ganz nebenbei bedeutet Hilfe natürlich auch Macht für den Spender und Abhängigkeit des Unterstützten. Diese Macht baut Venezuela mit seinen Petrodollar ständig aus. Passend also, dass die Hilfsgelder von Petrocaribe stammen, einem Erdölbündnis, das schon jetzt armen Ländern Mittelamerikas und der Karibik günstiges Erdöl aus Venezuela sichert.

Siehe auch:Ausweg aus der Dauerkrise