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Chickenshit nicht ohne Ratenstopp

Von Werner Stanzl

Gastkommentare
Werner Stanzl ist Publizist und Dokumentarfilmer.

Zehn Jahre Zahlungsaufschub für Spaniens überforderte Häuslbauer wäre ein Minimum als Gegenleistung für die 100 Euromilliarden an Spaniens Banken.


Die Zeiten, in denen ein deutscher Chefbanker hunderte verpfuschte Kreditmillionen verächtlich als "Chickenshit" (Hühnerkacke) beiseite schob, sind vorbei. Die Gegenwart sieht anders aus, verfolgt uns als Bericht aus Spanien auf allen TV-Kanälen, und beunruhigt fragt man sich: "Inwiefern bedroht das Los des arbeitslos gewordenen Vaters, der die Raten für den Wohnkredit nicht mehr leisten kann, auch mich?" Wir sehen, wie sein Blick angsterfüllt dem Räumungsexekutor folgt. Der fuchtelt mit einem gerichtlichen Bescheid herum und kämpft sich durch die aufgebrachte Menge. Im Vordergrund plärren Kinder in gezoomte Kameralinsen, Männer drohen mit den Fäusten. Allmählich beginnt die Volksseele zu kochen. Ein Polizist steckt sein Handy ein und entschärft mit "Aufschub" die brenzlig gewordene Lage. Der herbeizitierte Möbelwagen verschwindet unbeladen hinter einer dicken Dieselwolke, begleitet von den Flüchen der gesamten Nachbarschaft. So weit schon geht die Nachbarnsolidarität gegen die gerichtlichen Räumungsbefehle. Man könnte auch sagen: Weiter geht sie nicht. Denn bei der betroffenen Familie mischt sich in das Aufatmen über den Räumungsaufschub die Gewissheit, dass nur eine Frist gegeben ist, Wohnung und bereits geleistete Ratenzahlungen über zigtausende Euro verfallen sind.

Das Schwert der Obdachlosigkeit ist nicht herabgesaust, hängt aber noch über ihren Köpfen.

Unerträglich ist, dass das Vorgehen der Geldeintreiber Europas Politiker noch nicht veranlasst hat, zuerst an das Volk und danach an die Banken zu denken. Akzeptierte man diese Prioritätenreihung, wären sie und unsere liebe Zentralbank in Frankfurt wohl so vorgegangen: 100 Milliarden Euro für die spanischen Pleitebanken nur im Gegenzug für einen zehnjährigen Ratenstillstand für die Wohnkreditnehmer. Das wäre das Mindeste als Gegenforderung für 100 Milliarden Euro unseres Steuergeldes als Kredit - noch dazu so gut wie unbesichert.

Dabei wären nicht nur die eigentlichen Opfer der Kreditblase, die Häuslbauer, die Gewinner, die nun in ihren Wohnungen bleiben könnten, sondern auch die Banken selbst. Jeder Vermieter kann ein Lied davon singen, wie schnell ein Haus an Wert verliert, das nicht bewohnt ist, nicht gepflegt wird und unbewacht den Vandalen im Grätzel ausgeliefert ist. In englischen Städten verfallen ganze Straßenzüge zwangsgeräumter Häuser. Niemand will in einer solchen Straße wohnen, die "Sale"-Schilder der Immobilienmakler verrotten, Unkraut wuchert im Dauerregen und steht für die Tristesse der Krise. Die Banker nennen ihren Zugriff "repossessed", wörtlich in etwa "zurückbesitzend". Niemals würden sie das Wort "disowned" also "enteignet", dieses hässliche Synonym für sozialistische Umtriebe, in den Mund nehmen. Diese Sprachregelung der Kreditpfuscher kaschiert aber nur schlecht, dass wir es beim Repossessen mit nichts anderem als kaltschnäuziger Enteignung zu tun haben. Mit den sozialistischen Enteignungen hat der Vorgang übrigens vor allem ein Übel gemein: dass das betroffene Gut hie wie da halbiert - wenn nicht gar zur Gänze vernichtet - wird.