Zum Hauptinhalt springen

Chimären als gruselige Hoffnungsträger

Von Eva Stanzl

Wissen

Muss die Maus Hasenohren haben, damit wir Mensch-Tier-Mischwesen ablehnen? Stammzellforscher Jürgen Knoblich über Kernfragen der Ethik in Bezug auf Organzüchtung in Tieren.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Japanische Forscher wollen menschliche Organe in Tieren heranzüchten. Vor wenigen Wochen startete ein Forschungsprojekt der Universität Tokio mit menschlichen Stammzellen, die in Tierembryonen eingepflanzt und von den Muttertieren bis zur Geburt ausgetragen werden sollen. Japan ist das erste Land, das solche Forschung mit Steuergeldern fördert. Der Stammzellforscher Jürgen Knoblich, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) in Wien, sieht darin nur dann ein ethisches Problem, wenn Tiere allzu menschliche Züge annehmen.

"Wiener Zeitung": Japanische Forscher schaffen Ratten und Mäuse mit menschlichen Genen mit dem Ziel, in ihnen Organe zu Transplantationszwecken heranwachsen zu lassen. Das Land gestattet es auch, dass diese Chimären zur Welt kommen. Sind Staatsgelder für Mensch-Tier-Mischwesen und deren Austragung ein ethischer Dammbruch? Oder sind sie oder nur eine Konsequenz dessen, was bereits im Kleineren gemacht wird - bisher im Labor und mit einer Lebensdauer von wenigen Tagen, jetzt bis zur Geburt?

Jürgen Knoblich: In diesem konkreten Fall geht es um Arbeiten, die in Fachkreisen bekannt sind, denen durchaus Potenzial zugeschrieben wird und die auch in vielen europäischen Ländern nicht illegal wären. Die Terminologie ist ein bisschen irreführend. Unter einem Mischwesen würde ich mir ein Lebewesen vorstellen, dessen äußeres Erscheinungsbild zwischen zwei Spezies läge. Davon sind wir weit entfernt.

Muss die Maus Hasenohren haben, damit wir sie Mischwesen nennen?

Ja, rein emotional würden die meisten Menschen auf Mäuse mit Hasenohren negativ reagieren. Aber um einen derartigen Blödsinn geht es hier nicht. Sondern es geht darum, einzelne Zellen in Mäusen zu züchten. Einerseits muss man sich der ethischen Problematik bewusst sein. Andererseits muss man sich in die Situation von Menschen hineinversetzen, die über Jahr hinweg keine Spenderniere bekommen oder Angehörige verlieren, weil keine zur Verjüngung steht. Welcher wissenschaftliche Ansatz letztlich zum Erfolg führt, muss sich weisen, aber dieser aus Japan ist nicht von vornherein abzulehnen.

Anders gefragt: Muss eine Maus gezwungenermaßen eine menschliche Bauchspeicheldrüse in sich heranwachsen lassen, weil ein Genießer Diabetes Typ 2 bekommt?

Eine Maus, in der eine menschliche Bauchspeicheldrüse wächst, wird es nicht geben, weil die Größenverhältnisse nicht stimmen. Das größte Problem, das das Team um Hiromitsu Nakauchi zu lösen hat, ist, dass sich Zellen verschiedener Spezies nicht miteinander vertragen. Es gelangen ihm Mäuse, die einen Ratten-Pankreas hatten. Aber wie weit sich menschliche Zellen in Nagern entwickeln, muss sich noch weisen. Die wahre ethische Barriere liegt aus meiner Sicht darin, dass fremde Zellen nicht das Gehirn eines Organismus besiedeln dürfen. Solange diese Voraussetzung gegeben ist, wäre so etwas selbst in Deutschland nicht illegal, weil der Gesetzgeber es zum Zeitpunkt der Verabschiedung nicht vorhersah.

Dürfte in Österreich ein Tier mit Menschenzellen zur Welt kommen?

In Österreich wäre ein solcher Versuch dann illegal, wenn der Tier-Embryo einen derart hohen menschlichen Anteil hätte, dass man ihn nicht mehr zweifelsohne als Tier bezeichnen könnte. In jedem Fall müsste die Kommission zur Prüfung von Tierversuchs-Anträgen die Arbeit genehmigen. Tierleiden ist dann nicht verboten, wenn der erwartete Nutzen so groß ist, dass man es in Kauf nimmt. Wenn die Kommission aber davon ausgeht, dass ein Tier unnötig große Schmerzen erleidet, die Zahl der Versuchstiere zu groß ist oder die Wissenschaft zu wenig durchdacht, wird sie nicht zustimmen.

Das klingt wie eine komplexe Entscheidungsgrundlage. Um welche zentrale ethische Frage geht es bei Mensch-Tier-Mischwesen?

Die ethische Schlüsselfrage lautet: Soll man daran forschen, menschliche Organe an Tieren zu züchten? Wir dürfen es nicht tun, wenn wir beschließen, dass es zu grausam für die Tiere oder zu unmoralisch für uns ist und wir einen Patienten lieber sterben lassen, als ihm einen Pankreas einzusetzen, der im Schwein gezüchtet wurde. Wer unter dem Mangel an Spenderorganen leidet, wird hier vielleicht anders entscheiden als Nichtbetroffene oder Menschen, die durch Begriffe wie Mensch-Tier-Mischwesen verängstigt sind.

An welchen anderen Ansätzen wird zu Ersatzorganen gearbeitet?

Unser Team am Imba arbeitet an Gehirn-Organoiden, die zwar für die Transplantation nicht in Frage kommen. (Organoide sind wenige Millimeter große, organähnliche Mikrostrukturen. Sie bilden sich im Labor aus pluripotenten Stammzellen zu funktionsfähigen Körperzellen, Anm.). Aber ich kann Kollegen zitieren, die dopaminerge Neuronen, welche bei der neuro-degenerativen Parkinson-Krankheit zugrunde gehen, züchten und diese in die Gehirne von Patienten injizieren.

Das klingt wie himmlische Hoffnung und Gruselkabinett zugleich.

Um die Ethik in Perspektive zu setzen: In den 1990er Jahren machte ein Team um Anders Ericsson von der schwedischen Universität Lund ein Experiment, das heute durch keine Ethikkommission durchkäme. Man isolierte Gehirnzellen aus menschlichen Embryonen und injizierte sie in de Gehirne von Parkinson-Patienten. Die Versuche waren umstritten, da man 14 menschliche Embryonen benötigte, um eine Person zu behandeln. Allerdings stellte man fest, dass die Spenderzellen bis nach dem Tod der Patienten weiterlebten und immer noch funktionierten. Die Erkenntnis hat dazu geführt, dass derzeit drei klinische Studien anlaufen - eine in Lund um Marin Parmar, weitere in den USA und in Japan -, bei denen man derartige Zellen in erkrankte Gehirne einbringt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das funktioniert, ist weit weg von null, und dann haben wir eine Therapie gegen Parkinson.

Forschen Sie auch an Parkinson?

Wir haben Organoide, die das Mittelhirn ausbilden, ein Modellsystem für Gehirntumore, an dem wir Medikamente testen, erfolgversprechende Arbeiten über Epilepsie und ein Projekt zur Virus-Forschung, etwa bei Zika, das an Gehirnen von Föten großen Schaden anrichtet. Weiters können wir mehrere Gene gleichzeitig ausschalten, um herauszufinden, welche Erbkrankheiten diese weitergeben. Was wir noch nicht können, ist, in den Organoiden Blutgefäßsysteme wachen zu lassen.

Sehen Sie sich immer noch als Grundlagenwissenschafter oder geht Ihre Arbeit bereits in Richtung angewandte Forschung?

Organoide und Stammzellenforschung überwinden diese Trennung bis zu einem gewissen Grad. Ich will herausfinden, wie die Dinge funktionieren. Das konnte man bisher nur im Tiermodell. Jetzt aber können wir die Probleme individueller Patienten studieren. Ein Organoid ist ein Schlüsselbeitrag zur personalisierten Medizin.

Könnte ich sagen: Nehmen Sie bitte eine Leber-, eine Lungen-, eine Nieren- und eine Darmzelle und züchten Sie daraus Organoide, die ich auf eine Organbank lege, damit ich das passende Frischgewebe habe, wenn ich es brauche?

Die regenerative Medizin wird nicht abverlangen, dass jeder seine Zellen irgend wo deponiert. Erstens können wir aus induzierten pluripotenten Stammzellen alles machen - Leber, Niere, Herz, Gehirn. Zweitens wäre es für jeden einzelnen Patienten zu teuer. Was passieren wird, ist eine Bank von Stammzell-Linien, die alle Haplotypen abdeckt. Manche Menschen haben nämlich so viel Ähnlichkeit, dass sie kompatibel sind, was der Transplantationsmedizin schon heute nützt.

Zurück zur Ethik: Der chinesische Forscher He Jiankui hat ein Tabu gebrochen, indem er in die Keimbahn von Embryonen eingegriffen und diese so verändert hat, dass sowohl sie als auch ihre Nachkommen kein HIV bekommen können. Es kamen Zwillinge zur Welt. Kritiker sind der Ansicht, der Zweck heilige die Mittel nicht. Macht die Forschung alles, was geht? Wie gut halten Verbote?

Dieser Fall hat die meisten Wissenschafter extrem bestürzt. Ich weiß nicht, wie es hat passieren können, dass jemand diese Art von Forschung betreibt, ohne dass es jemand merkt. Auch in China hat man erkannt, dass es Aufholbedarf in der Regulierung gibt. Ich persönlich halte ein enges Netz, das Wissenschafter dazu bringt, ihre Arbeiten ethisch überprüfen zu lassen, für sehr gut und sehr wichtig. Natürlich gibt es überall Leute mit absurden moralischen Vorstellungen, doch es gibt auch Selbstreinigungskräfte in der Wissenschaft, wir kritisieren uns selbst. Wissenschafter machen bestimmt nicht alles, was sie nur können. Ich würde nie in die Keimbahn mit der Gen-Schere mit Crispr/Cas 9 eingreifen, und zwar nicht nur deswegen, weil ich in Österreich dafür ins Gefängnis käme.