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"Chimerica" war eine Chimäre

Von Thomas Seifert

Politik

Für Europa ist China ein Wirtschaftskonkurrent, die USA sehen Peking aber als militärische Bedrohung.


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Es war ein cleveres Wortspiel: Im Jahr 2006 prägte der Historiker Niall Ferguson und der deutsche Ökonom Moritz Schularick den Begriff "Chimerica". In einem Essay beschrieben sie die Symbiose zwischen China und America (engl.). China liefert Billigprodukte für den US-Markt, das aus den Lieferungen erlöste Kapital fließt dann wieder in Form billiger Kredite an die USA zurück. Der US-Konsument darf sich über billige Konsumgüter und niedrige Zinsen freuen, die chinesischen Arbeitskräfte über Industriearbeitsplätze.

Doch die Fusion beider Ländernamen klingt gleichzeitig ein wenig wie "Chimäre" - also Trugbild -, und das war von den Autoren durchaus beabsichtigt. Nach der Finanzkrise veröffentlichten die beiden im Jahr 2009 einen zweiten Essay - "The End of Chimerica". Und heute sieht es angesichts des Handelskrieges zwischen den USA und China und der immer schärfer werdenden Rhetorik von US-Präsident Donald Trump gegenüber Peking ganz so aus, als wäre "Chimerica" eine Chimäre gewesen.

Aber: Seit der Veröffentlichung dieses Textes vor zehn Jahren hat Chinas Einfluss in der Welt weiter dramatisch zugenommen.

Bei einer Podiumsdiskussion an der Landesverteidigungsakademie, die den Aufstieg Chinas und die geopolitischen Folgen zum Thema hatte, sagte der Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktforschung, Walter Feichtinger, es sei "unglaublich wie selbstbewusst und fordernd China heute auftritt. Es ist nichts mehr von der chinesischen Zurückhaltung sichtbar, die über Jahre und Jahrzehnte das Verhalten Pekings charakterisiert hat."

Nicht zuletzt die Seidenstraßeninitiative diene Peking als Instrument der Diplomatie und Wirtschaftspolitik. Doris Vogl, Lektorin an den Universitäten Wien Wien und Salzburg und Co-Autorin des Buches "Chinas Grand Strategy im Wandel" (das in der militärwissenschaftlichen Publikationsreihe der Landesverteidigungsakademie erschienen ist), sagt: "Dieses Projekt ist auch ganz im Sinne Russlands, denn durch die neue Seidenstraße bildet sich ein neues eurasisches Machtzentrum."

Warum sollte Europa denUSA gegen China beistehen?

Vogl spricht zwar auch das Konkurrenz-Verhältnis zwischen beiden Mächten im postsowjetischen Raum an, die Sinologin an der Universität Wien Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist aber der Meinung, dass dieses Konkurrenzverhältnis und auch historische Konflikte zwischen beiden Mächten derzeit zweitrangig seien: "Es ist ganz klar, dass beide Mächte, wenn es hart auf hart geht, geeint gegen Amerika vorgehen werden." Und vor genau diesem Hintergrund ist die Erklärung von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu sehen, der beim Nato-Treffen in London gesagt hat: "Der Aufstieg Chinas hat Konsequenzen für die Sicherheit aller Nato-Partner."

Kommt es zu einer Block-Konfrontation zwischen China und Russland einerseits und den Amerikanern andererseits, dann brauchen die USA die westlichen Verbündeten dringend. Das ist offenbar auch US-Präsident Donald Trump klar geworden, der sich bei diesem Gipfel auffallend mit seiner sonst üblichen Kritik am westlichen Militärbündnis zurückgehalten hat.

Doch in puncto China divergieren die geostrategischen Interessen der Europäer und der Amerikaner. Amerika ist eine pazifische Macht - Europa nicht. Zwar gibt es wirtschaftliche Konkurrenz zwischen dem Reich der Mitte und der EU in Afrika, Nahost, Südost- und Osteuropa - eine militärische Bedrohung ist China für Europa nicht.

Die USA sehen sich als Hegemonialmacht Nummer Eins des Planeten - eine Machtstellung, die nun von China herausgefordert wird. Um aber China an einem weiteren Aufstieg zu hindern, müssen die USA die Nähe zu Russland suchen, um die Achse Peking-Moskau auszubalancieren. Denn Russland wird in den USA zwar als Rivale gesehen, spielt aber in einer völlig anderen Liga als China (die Wirtschaftsleistung Russlands entspricht in etwa jener Italiens, die Bevölkerung Chinas ist rund 10 Mal größer als jene Russlands).

Für die Europäer ist aber Russland, wie sich bei der Invasion der Krim und bei den Militäraktionen Moskaus in Syrien gezeigt hat, auch eine militärische Bedrohung. Die Interessen zwischen Europa und den USA divergieren in dieser Frage also.

Letztlich geht es um die Frage: Warum sollte Europa dabei mitspielen, wenn die USA die Nato als Instrument gegen China einsetzen will?

Sinologin Weigelin-Schwiedrzik sagt bei der Podiumsdiskussion: "Die Hauptaufgabe Europas besteht darin, zu verhindern, dass es zu einem nächsten Weltkrieg kommt. Denn das wäre ein Konflikt von einem Ausmaß, den wir uns im Moment gar nicht vorstellen können."

Weigelin-Schwiedrziks Statement klingt alarmistisch - aber sie ist mit ihrer Warnung nicht allein.

Der legendäre frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat zuletzt vor so einem Konflikt gewarnt. "So ein Krieg wäre schlimmer als die Weltkriege, die Zivilisationen Europas zerstört haben." Es bestehe kein Zweifel, dass die Entwicklung Chinas eine Herausforderung für die USA sei, sagt der mittlerweile 96-Jährige. Aber beide Seiten müssten ihre Differenzen lösen.