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China gewinnt im Verhältnis zu Russland die Oberhand

Von Ines Scholz

Politik
Die chinesische Industrie ist längst nicht mehr vom russischen Öl abhängig.
© Peter Morgan - Creative Commons

Wachsende Unabhängigkeit von Moskaus Energie und Waffentechnologie.


Peking. Wenn Russlands Regierungschef und künftiger Präsident Wladimir Putin am kommenden Dienstag nach Peking reist, werden er und Gastgeber Hu Jintao die guten bilateralen Beziehungen preisen und freundliche Worte austauschen. Doch hinter den Kulissen herrscht zwischen den beiden aufstrebenden Mächten ein unerbittlicher Wettkampf um regionale Vormachtstellung und internationalen Einfluss - und hier gewinnt der strategische Partner China deutlich die Oberhand. Russland hat das Nachsehen, das schürt Moskaus Misstrauen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des renommierten Stockholmer Friedensinstituts SIPRI, die nun veröffentlicht wurde.

Als deutliches Indiz für die gestärkte Position Chinas nennen die Autoren die sinkende Abhängigkeit von russischen Öl- und Gasimporten sowie von russischer Waffentechnologie. "Die Zusammenarbeit auf dem Militär- und Energiesektor" waren bislang "die zwei Meilensteine der strategischen Partnerschaft". Da diese "in den kommenden Jahren weiter sinken, wird Russland für China weiter an Bedeutung verlieren", stellt die Studie trocken fest.

Das Verhältnis ist geprägt von Misstrauen - und purem Pragmatismus. Nur wenn Interessensüberschneidungen bestehen, werde kooperiert (Beispiel Syrien), sonst nicht, erläuterte die Ko-Autorin Linda Jacobson bei der Präsentation. Die Zusammenarbeit sei keinesfalls "so geschmeidig" wie nach außen dargestellt.

Russland, seit 2009 größter Öl- und zweitgrößter Gasproduzent der Welt, hat den Wettlauf verschlafen. Nun machen sich Putins Versäumnisse der vergangenen Dekaden bemerkbar. Peking hatte zehn Jahre lang auf den Bau einer Öl-Pipeline aus Sibirien gedrängt. Doch erst im Jänner 2011 floss durch sie erstmals Öl über die 4000 Kilometer lange Grenze ins Riesenreich. Putin schob - erst als Präsident, später als Premier - das Co-Projekt jahrelang hinaus, exportierte lieber nach Westeuropa. Mittlerweile hat sich das energiehungrige China andere Quellen gesichert - größter Importeur wurde Saudi-Arabien, gefolgt von Angola, Iran und Oman. Aus Russland bezieht Peking nur noch läppische sechs Prozent seines Bedarfes.

Noch ungeschickter stellte sich die russische Führung beim angestrebten Gasdeal an. Ein Rahmenvertrag zwischen der staatlichen Gazprom und Chinas Öl-Gesellschaft CNPC für umfangreiche Gaslieferungen bis 2040 wurde zwar vor einem Jahr unterzeichnet, der Rund-ein-Billiarden-Dollar-Deal platzte schließlich aber, weil sich beide Seiten nicht über den Preis einigen konnten.

Russisches Gasmonopol

gebrochen

China konnte Rabatt fordern, denn es sicherte sich inzwischen die Gasreserven Zentralasiens. 2009 wurde eine knapp 1900 Kilometer Pipeline von den turkmenischen Gasfeldern durch Kasachstan nach Westchina eröffnet. Sobald die Gasleitung 2012 auch Chinas Industriezentren im Osten erreichen wird, können jährlich bis zu 40 Milliarden Kubikmeter durchfließen. Mit Chinas Schachzug verlor Russland endgültig sein Gasmonopol in Aschgabat und muss nun zu europäischen Marktpreisen zukaufen.

Terrain verlor Russland gegenüber dem kommunistischen Nachbarn auch bei Waffengeschäften. Neben der schlechten Qualität vieler russischer Waffensysteme ist es die Angst Moskaus vor dem Datenklau, die seit 2005 einen großen Rüstungsvertrag verhinderte. China sei heute zunehmend an Technologie interessiert, um seine eigene Rüstungsindustrie zu entwickeln. "Russland ist nicht bereit, China mit fortschrittlichen Waffen und Technologie zu versorgen, weil es vor allem besorgt ist, dass China die Technologie kopiert und mit Russland auf dem globalen Waffenmarkt konkurriert", meint Sipri-Direktor Paul Holtom.

Dafür ist China im rohstoffreichen Sibirien groß im Geschäft. Die Chinesen kaufen dort massenweise Fabriken auf und spülen Billigwaren auf die Märkte. "China investiert mehr im russischen Fernen Osten als die eigene Regierung", schrieb die "Nesawissimaja gaseta" kürzlich. Putin, der Russland gern den Nimbus einer Weltmacht zuschreibt, wird in Peking zähneknirschend lächeln. Den starken Mann wird ihm dort keiner mehr abnehmen.