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China hat nichts zu verschenken

Von Stefan Melichar

Wirtschaft

Expertin Urban: China baut Zugang nach Europa aus. | Wirtschaftsweiser Bofinger warnt vor zu starkem Einfluss. | Wien. Eines Tages wird über die europäische Staatsschuldenkrise Bilanz gezogen werden - und ein Land könnte dann klar auf der Gewinnerseite stehen: China hat in den vergangenen Tagen wiederholt betont, hochverschuldeten Euro-Staaten unter die Arme greifen zu wollen. Geschenke sind nicht zu erwarten, sondern Investments, die sich letztlich auch für Peking lohnen sollen.


Einerseits versucht China, seine Währungsreserven stärker zu diversifizieren, um nicht mehr so stark vom US-Dollar abhängig zu sein. Andererseits sei es "die allgemeine Politik Chinas, Hilfen mit Handelsbedingungen zu verknüpfen", erklärt Waltraut Urban vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Bereits im Oktober hat das Reich der Mitte mit Griechenland ein milliardenschweres Investitionsabkommen abgeschlossen. Hilfszusagen an Portugal könnten nun konkrete Gestalt annehmen: Berichten zufolge soll China Anfang 2011 für vier bis fünf Milliarden Euro portugiesische Staatsanleihen kaufen - das verschuldete Land wäre damit seine dringendsten Finanzierungssorgen los: Zumal die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Portugals von AA- auf A+ herabgestuft hat.

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade diese beiden Staaten Unterstützung bekommen: China habe dort logistisch-strategische Interessen, so Urban. "Es geht um den Zugang nach Europa." Bereits seit 2008 wird ein Teil des Hafens von Piräus von einer chinesischen Firma betrieben. Das Reich der Mitte will die Anlagen ausbauen und dort im großen Stil eigene Waren umschlagen.

Geld stinkt zwar bekanntlich nicht - wenn es aus China kommt, rümpfen in Europa dennoch viele die Nase. "Es ist bedenklich, wenn ein Land, das keine Demokratie ist, Einfluss auf EU-Mitgliedsländer erhält", so Peter Bofinger, einer der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen im deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. "Ob in Menschenrechts- oder Umweltfragen: China ist in vielen Belangen kein Vorbild", so Bofinger laut Nachrichtenagentur Reuters.

Gesamtvolumen gering

WIIW-Expertin Urban sieht die Angelegenheit pragmatisch: "Wenn man in so einer Lage ist, kann man nicht sehr wählerisch sein", so Urban in Bezug auf Portugal und Griechenland. Insgesamt seien die Investitionen aus China noch nicht so umfangreich, dass sich Europa politisch unterordnen müsste.

Vielleicht entwickelt sich ohnehin alles besser als erwartet: EU-Währungskommissar Olli Rehn hat den Finanzmärkten übertriebenen Pessimismus vorgeworfen. Das Krisenmanagement Spaniens und Portugals sei viel besser, als die Märkte dies derzeit vermuten, so Rehn in der finnischen Zeitung "Helsingin Sanomat". Und auch Griechenland hat mittlerweile ein massives Konsolidierungspaket im Parlament beschlossen.

Während die chinesische Einkaufstour in Europa gerade erst so richtig beginnt, zeigen sich in Afrika für das Reich der Mitte bereits deutliche Erfolge. Laut der deutschen Nachrichtenagentur DAPD wuchs das Handelsvolumen zwischen China und afrikanischen Staaten in den ersten elf Monaten 2010 im Jahresvergleich um 43,5 Prozent auf 115 Milliarden Dollar. Peking nutzt in Afrika geschickt die Investitionszurückhaltung der westlichen Staaten aus. China bietet Hilfe beim effizienteren Abbau von Bodenschätzen und beklagt sich nicht über die - oft problematische - politische Situation in den Ländern.