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China muss 1,3 Milliarden Menschen ernähren - nicht nur die Welt retten

Von Stefan Melichar

Analysen

So gerne Chinas Führung international eine Hauptrolle spielen möchte - oft bestimmt dann doch der Blick ins eigene Land die politischen Entscheidungen. Steht Peking etwa vor der Wahl, als Motor für das weltweite Wirtschaftswachstum gefeiert zu werden oder eine - potenziell konjunkturdämpfende - Anhebung der Leitzinsen durchzuführen, gibt ein simples Argument den Ausschlag: China muss 1,3 Milliarden Menschen ernähren - und bei einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise um mehr als zehn Prozent in einem Jahr kann das zum Problem werden.


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Das rasante Wirtschaftswachstum hat die Inflation im Reich der Mitte ein alarmierendes Ausmaß annehmen lassen. Insgesamt sind die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 5,1 Prozent gestiegen - Hauptpreistreiber sind teurere Nahrungsmittel und höhere Wohnkosten.

Die kommunistische Führung schreitet nun ein, bevor es zu Unruhen in der Bevölkerung kommt: Am Wochenende hat die chinesische Notenbank ihren Leitzins erhöht, was Kredite verteuern und damit Wachstum sowie Inflation einbremsen soll. Mitte Oktober gab es den ersten derartigen Schritt seit drei Jahren. Auch die Mindestreserve-

anforderungen für Banken werden laufend verschärft, wodurch ebenfalls die Kreditvergabe gezügelt wird.

Auf den ersten Blick ist die Leitzinsanhebung mit 0,25 Prozentpunkten auf 5,81 Prozent zwar moderat ausgefallen. Von Bedeutung ist jedoch auch das Timing: Ein Zinsschritt vor dem Jahreswechsel hat raschere Auswirkungen, da variable Kreditzinsen oft zum Jahresbeginn - auf Basis der Leitzinsentwicklung - angepasst werden. Peking hat damit die Anleger überrascht und verunsichert.

Am Montag verloren Aktien an den Börsen in Shanghai, Frankfurt und London deutlich an Wert. Auch die Kurse für Öl und andere Rohstoffe gaben nach, erholten sich jedoch wieder. Offenbar hat sich letztlich doch die Meinung durchgesetzt, dass die chinesische Wachstumsstory, die auch westlichen Exportnationen entscheidend nützt, nicht zu Ende ist.

Schließlich dürfte Experten zufolge das Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte 2011 gerade einmal von 10,5 auf 9,5 Prozent zurückgehen. China ist selbst höchst daran interessiert, die Konjunktur nicht abzuwürgen. So sind geschätzte 8 Prozent Wachstum notwendig, um jene Arbeitsplätze zu schaffen, die das Land braucht, um soziale Unruhen zu vermeiden.

Die hohen Erwartungen der Börsianer an China als Wirtschaftsmotor für den - von der Krise geschwächten - Rest der Welt führen jedoch leicht zu Enttäuschungen: Die Stadt Peking hat kürzlich erklärt, wegen der dramatischen Verkehrssituation deutlich weniger Autos zulassen zu wollen. Dies hat sich bis Montag nach Deutschland durchgesprochen, wo die Aktien der Autohersteller massiv an Wert verloren - obwohl Peking letztlich nur eine von vielen chinesischen Millionenmetropolen ist.