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China und Indien wollen mitreden

Von WZ-Korrespondent Urs Fitze

Wirtschaft

Kräfteverhältnis verschiebt sich zu Gunsten Asiens. | Globaler Wettlauf um knapp werdende Rohstoffe. | Davos. "Die globale Agenda gestalten: die sich verändernde Mächtegleichung": Unter diesen reichlich komplizierten Titel stellt das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) sein diesjähriges Jahrestreffen in Davos. Das Thema sei nichts wirklich Neues, sagt der Politologe Dieter Ruloff, Leiter des Institutes für Politikwissenschaft an der Universität Zürich. "Schon in den 80er-Jahren wurde das breit diskutiert und etwa, mit Blick auf Südostasien, das pazifische Jahrhundert ausgerufen". Dies wird seitens der Veranstalter nicht bestritten. Doch vom Aufwärmen alten Kaffees will Jonathan Schmid, am WEF zuständig für die "Globale Agenda", nicht sprechen. Er sieht in der Dynamik dieses Prozesses das eigentlich Neue. Und die Auswirkungen seien auf fast allen Ebenen zu beobachten, von den Migrationsströmen in Richtung der Industriestaaten bis zur dramatisch gewandelten Alterspyramide in verschiedenen Gesellschaften.


Nach einer Analyse des Beratungsunternehmens PriceWaterhouseCoopers sind es vor allem drei Entwicklungen, die die globale Entwicklung bestimmen: der Hunger nach Rohstoffen, die Bevölkerungsentwicklung und die schwierigen Demokratisierungsprozesse sowohl in Schwellenals auch in Entwicklungsländern. Auf der geopolitischen Bühne sind, neben dem wieder aufstrebenden Russland, vor allem die Bevölkerungsgiganten China und Indien zunehmend wichtige Mitspieler auch auf der globalen Bühne.

Währungsreserven

Das sei zwar schon vor Jahrzehnten absehbar gewesen, sagt Dieter Ruloff, "aber beide Staaten haben sich geöffnet für die Welt, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht". Chinas Volkswirtschaft ist schon heute ein Schwergewicht, vergleichbar mit Großbritannien, während Indien mit seiner Bevölkerung von einer Milliarde Menschen derzeit auf dem Niveau von Belgien liegt. Doch die anhaltend hohen Wachstumsraten - China zwischen neun und zehn, Indien zwischen fünf und sechs Prozent jährlich - machen beide zu immer wichtigeren Mitspielern. Die Direktinvestitionen in China sind heute 20 Mal höher als 1990. Innerhalb eines Jahrzehnts hat China seine Exporte versechsfacht und ist auf dem Weg an die Weltspitze. In einigen Branchen, so bei den Elektroprodukten, hat es Weltmeister Deutschland inzwischen überholt. Der Exportboom hat China steinreich gemacht: Die Währungsreserven liegen heute bei einer Billion US-Dollar. Doch gleichzeitig wird China immer hungriger: Es verbraucht 40 Prozent der Kohleförderung und 30 Prozent der Stahlproduktion der Welt.

Agrarriese Brasilien

Das macht Geopolitik zunehmend kompliziert. Die Vereinigten Staaten, die als letzte Supermacht - als gutwillige Hegemonen - die Welt beherrschen wollten, sind mit dieser Politik nicht zuletzt am Irak gescheitert. Im Boot der führenden Mächte der wieder multipolar geworden Welt haben nun mit China und Indien weitere Akteure Platz genommen. Brasilien wiederum ist dabei, die USA und die EU als größte Agrarproduzenten abzulösen. Dazu sitzt ein alter Bekannter, Russland, dank seines Reichtums an Öl und Gas wieder im Boot. Doch nicht mehr das Wettrüsten des kalten Krieges beherrscht diese neue politische Szene, sondern das Rennen um zunehmend rarer werdende Rohstoffe für die Energieversorgung und Industrieproduktion.

Regionaler Zündstoff

Dabei treten vor allem die USA und China zunehmend aggressiv auf, um ihre Interessen durchzusetzen. Dennoch hält Dieter Ruloff kriegerische Konflikte der Großmächte für ausgeschlossen. Auf regionaler Ebene liege hingegen beträchtlicher Zündstoff, etwa in der Taiwan-Frage, wo es auch um den Zugang zu den mutmaßlich bedeutendsten Erdöl- und Erdgasreserven im südchinesischen Meer geht. Überschätzt werden dürfe China indes noch nicht, so Ruloff. Denn auch die Bäume einer der dynamischsten Volkswirtschaften wachsen nicht in den Himmel. Selbst mit den derzeitigen Wachstumsraten wird China die Vereinigten Staaten erst 2050 eingeholt haben. Zudem zeigen sich zunehmend Risse im Gebälk. So hat die Umweltbelastung riesige Dimensionen erreicht, und die soziale Unrast nimmt zu. "Niemand weiß heute, wann es zur Zerreißprobe kommt", sagt Ruloff.