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Chinas Kronprinz auf US-Tour

Von Gerhard Lechner

Politik

Ein ehrgeiziger, wendiger Pragmatiker folgt auf Staats- und Parteichef Hu Jintao.


Washington. "Außergewöhnlich ehrgeizig" soll er sein und zielstrebig, weniger von marxistischer Ideologie getrieben als von einer Mischung aus Aufstiegswillen und Selbstschutz - ein "ehrgeiziger Überlebender der Kulturrevolution". So übertitelte zumindest die US-Botschaft in Peking ein Porträt des künftigen starken Mannes der Weltmacht China, Xi Jinping, das über Wikileaks publik geworden war. Ein "Professor" genannter Informant zeichnet darin das Bild eines anpassungsfähigen Pragmatikers und Realisten, der doch auch pragmatisch genug war, sich - als Sohn einer während der Kulturrevolution in Ungnade gefallenen KP-Größe - "roter als die Roten" zu gebärden, wenn es dem eigenen Fortkommen diente. Und dem Überleben: Schließlich wurde Xi als Jugendlicher noch zur "Umerziehung" aufs Land geschickt.

Mittlerweile ist der 58-Jährige auf der Karriereleiter fast ganz oben angekommen. Die letzten beiden Sprossen soll Xi bald nehmen: Im Herbst soll er vom abtretenden Hu Jintao den Vorsitz der Kommunistischen Partei übernehmen und in etwa einem Jahr Hu dann auch als Staatspräsident nachfolgen. Dass alles nach Plan läuft, ist in China sehr wahrscheinlich, da sich die KP-Führung vor mehr als 20 Jahren drei Regeln gab, um Machtkämpfe in geordnete Bahnen zu lenken und Fehlentwicklungen wie die sowjetische Gerontokratie, die Herrschaft vergreister alter Männer, zu vermeiden: Alle zehn Jahre soll ein neuer Parteichef gewählt werden; das Höchstalter im ständigen Ausschuss soll 70 Jahre betragen; und gegen den Machtwechsel darf nicht opponiert werden. Xi gehört der Fraktion der "Prinzen" an, einer Gruppe von Söhnen prominenter KP-Kader, die gegen die einflussreiche Shanghai-Fraktion und die "Jugendligisten" in Peking um Macht und Einfluss ringen. Letztere wurden durch ihren Aufstieg zusammengeschweißt. Noch-Parteichef Hu, ein Jugendligist, hätte einen anderen Nachfolger lieber gesehen.

Glamouröse Gattin

Wie sein Vorgänger Hu vor zehn Jahren - "Who is Hu?", witzelten damals US-Blätter - absolviert nun auch Xi noch als Vizepräsident einen Antrittsbesuch in den USA. Für US-Präsident Barack Obama war das Treffen am Dienstag ein Drahtseilakt: Einerseits bemühte er sich um einen guten Start mit Chinas künftiger Nummer eins, andererseits galt es, die Weltmacht in die Schranken zu weisen. Und so sage Obama: "Wir wollen mit China arbeiten, um sicherzustellen, dass sich jeder an dieselben Straßenregeln hält."

Xi traf auch alte US-Politstrategen wie die früheren Nationalen Sicherheitsberatern Brent Scowcroft und Zbigniew Brzezinski und nimmt sich in Iowa auch die Zeit, Personen zu treffen, die er bei einer Studienreise vor 27 Jahren kennengelernt hat.

Trotz seines Pragmatismus wirkt Xi im Vergleich zum extrem spröden Hu fast schon glamourös: Seine zweite Frau Peng Laiyun ist eine in China landesweit bekannte Schlagersängerin. In Richtung USA sendete das Mitglied des Politbüros, dessen Tochter in Harvard studiert, freundliche Signale aus: "Ich schaue die NBA im Fernsehen, wenn ich Zeit habe", outete sich Xi als Fan der US-Nationalsportart Basketball.

Ein amerikanisch-chinesischer Honeymoon ist aber nicht zu erwarten. Zum einen ist es in China (und anderswo) nicht Usus, dass sich Kronprinzen zu weit aus dem Fenster lehnen, zum anderen bestehen zwischen den beiden Mächten fundamentale Interessengegensätze, die sich zuletzt weiter verschärft haben.

So hat China seine außenpolitische Zurückhaltung aufgegeben und pocht etwa im Südchinesischen Meer auf eine weit gesteckte Interessensphäre. Umgekehrt haben die USA ihre Präsenz im Pazifik verstärkt, was Peking als Herausforderung eigener Interessen auffasst. Zwar erklärte Xi in einem Beitrag für die "Washington Post", dass "der riesige Pazifische Ozean groß genug für China und die USA" sei, vergaß aber auch nicht auf einen Seitenhieb: Die Stationierung größerer US-Verbände im Pazifik sei "nicht wirklich das, was die meisten Länder in der Region sehen wollen". Und: Es gebe weiterhin Differenzen, etwa im Bereich Urheberrechte und Markenpiraterie.