Zum Hauptinhalt springen

Chinas neue Insel

Von Markus Schauta

Politik

Rund eine Million Chinesen sind in den vergangenen zehn Jahren nach Afrika gekommen. Die Investitionen sprudeln.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Antananarivo. Als Gao Honggang vor 25 Jahren nach Madagaskar kam, sprach der Hongkong-Chinese weder Malagasy noch Französisch. Zu Fuß geht er drei Stunden vom Flughafen in die Hauptstadt. Ein Taxi will er sich nicht leisten. In Antananarivo helfen ihm andere Chinesen weiter, geben Tipps, vermitteln Kontakte. Honggang setzt auf das, worin er Meister ist: Kung Fu. In den 1990ern eröffnet er seine erste Kampfsportschule. Der Präsident des Inselstaates wird auf ihn aufmerksam, betraut ihn mit der Ausbildung der Garde. Heute sitzt der 58-Jährige im Maßanzug auf der Ledercouch seines klimatisierten Büros. An den Wänden chinesische Malereien. Als Generalsekretär der Gesellschaft für Chinesisch-Madagassische Beziehungen ist er erster Ansprechpartner für chinesische Geschäftsleute, die auf Madagaskar investieren wollen.

Seit dem Putsch im Jahr 2009 gilt Madagaskar als politisch instabil. Hinzu kommen Korruption, ein marodes Straßennetz und Stromarmut - Herausforderungen, denen sich Investoren stellen müssen. Dennoch, die Insel im Osten Afrikas ist reich an fruchtbaren Böden und Rohstoffen: Vanille und seltene Hölzer, Nickel, Cobalt und Edelsteine, um nur einige zu nennen. Bei den für Madagaskar wichtigsten Exportländern liegt China hinter Frankreich, den USA und Deutschland auf Platz vier. Bei den Importgeschäften ist es jedoch führender Handelspartner des Inselstaates: 23 Prozent der importierten Waren kamen 2016 aus China.

Die ersten chinesischen Einwanderer kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Madagaskar. Arbeit fanden sie in den Projekten der französischen Kolonialadministration; beim Straßen- und Eisenbahnbau und in den Plantagen. Ende der 1990er folgte die zweite große Einwanderungswelle. Die Neuzugewanderten arbeiteten nicht mehr als Bauern oder Hilfsarbeiter. Sie kamen, um zu investieren und Handel zu treiben. Zwischen 60.000 und 100.000 chinesische Staatsbürger sollen heute auf Madagaskar leben. Fest steht, dass die Insel die größte chinesische Community Afrikas beherbergt.

Schwärmt aus!

2001 trat China der Welthandelsorganisation (WTO) bei. Im selben Jahr gab die Regierung den zukünftigen Kurs der Wirtschaftsmacht vor. "Schwärmt aus!", rief sie den Einwohnern des bevölkerungsreichsten Staates der Welt zu. Und die Handelsfahrt begann. Rund eine Million Chinesen seien in den vergangenen zehn Jahren nach Afrika gekommen, schätzt der Journalist Howard French. Auf zahlreichen Reisen durch Sub-Sahara-Afrika hat der US-Amerikaner mit chinesischen Auswanderern gesprochen und die Ergebnisse seiner Recherchen im Buch "China’s Second Continent" (2015) veröffentlicht. Die Möglichkeiten für chinesische Zuwanderer seien groß. Nicht nur international agierende Unternehmen oder Staatsfirmen investieren in Afrika. Auch kleine Händler, Bauern und Angestellte setzen auf Chinas neuen Kontinent, so French. "Der Markt in China ist übersättigt", sagt Honggang. So sei es schwer, Geschäfte in der Kohle- oder Stahlindustrie zu machen. Anders in Afrika. Industriezweige, die in China vor 30 Jahren boomten, tun es in Afrika immer noch. Auch beim Stand der Technik sei die Entwicklung unterschiedlich: "Maschinen, die in China als veraltet gelten, kann man auf Madagaskar immer noch verkaufen."

Die Frage, ob China die Nachfolge Europas in Afrika antrete, verneint Gao Honggang. "Wir haben einen anderen Zugang als die Europäer." So exportierten die Franzosen ihre Kultur nach Madagaskar; die Sprache, die Religion. Nicht so die Chinesen, sagt Honggang: "Wir bringen Wissen und Technologie." Aber, wie Frenchs Recherchen zeigen, ist oft das Gegenteil der Fall. Chinesen bringen ihre eigenen Fachkräfte ins Land, Afrikaner werden als Hilfsarbeiter angestellt. Der angesprochene Technologie-Transfer sei eingeschränkt oder nicht vorhanden, schreibt French. Das Entstehen einer eigenständigen Industrie werde so für viele Länder unmöglich.

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht führt nicht selten zu Spannungen. Die grassierende Korruption auf Madagaskar ermöglicht auch illegale Geschäfte aller Art. So ist das Abholzen von Rosenholz seit 2006 unter Strafe gestellt, seit 2010 ist auch der Export des Holzes verboten. Dennoch wird es weiter in Nationalparks geschlagen. China ist einer der weltweit größten Importeure von Rosenholz, das im Land zu Luxusmöbeln verarbeitet wird.

Neue Straßen braucht das Land

Chinesische Händler sind am Geschäft beteiligt. Honggang möchte diese Probleme nicht kleinreden. Staatliche Firmen und die meisten Privatiers würden sich nichts zuschulden kommen lassen, ist er überzeugt. "Aber es gibt auch andere", sagt er. "Unternehmer, die nicht sensibel gegenüber der madagassischen Kultur sind und die Gesetze brechen."

Jean Max Rakotomamonjy sieht das pragmatisch. "Madagaskar braucht Straßen, Brücken und erneuerbare Energie." Und da der chronisch unterfinanzierte Staat das nicht bezahlen kann, muss das jemand anderes tun. Der Politiker und Präsident der Nationalversammlung ist ebenso Mitglied der Gesellschaft für Chinesisch-Madagassische Beziehungen. Im grauen Anzug empfängt er in einem Konferenzraum des Parlaments in Antananarivo.

Ob China heute der wichtigere Partner als Europa sei, darauf will der Politiker sich nicht eindeutig festlegen. "Früher haben wir mit dem Westen zusammengearbeitet. Jetzt machen wir viele Geschäfte mit den Chinesen." Sie errichten Fabriken, schaffen Arbeitsplätze und seien offen für die Pläne der Regierung, das Land zu entwickeln. Etwas Kritik kommt dann aber doch: "Was uns sorgt, sind die Rechte der Arbeiter und der Umweltschutz." Diese seien in der madagassischen Verfassung verankert und müssen von allen auf der Insel eingehalten werden, so Rakotomamonjy.

China ist seit 2009 der größte Investor in Afrika, gefolgt von den USA und den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und England. China baut Fabriken, neue Hospitäler, Fußballstadien. Und es baut Straßen, Eisenbahnlinien, Brücken und Häfen - notwendige Infrastruktur, um Rohstoffe aus dem Kontinent zu schaffen und die Nachfrage nach Chinas Exportgütern zu bedienen. Mit seinen Auswanderern verfüge China nicht nur über ein Handelsnetzwerk, sondern könne auch den politischen Einfluss ausweiten, schreibt French. Menschen wie Gao Honggang, mit guten Kontakten in die madagassische Politik, sind wichtige Partner für chinesische Handelstreibende.

Honggang sagt, Chinas Aktivitäten habe mit westlichem Imperialismus nichts zu tun. Imperialismus habe viele Gesichter, resümiert French im Nachwort seines Buches. Ob Afrikas neue Partner dem Kontinent langfristig Wohlstand bringen oder ob die Länder in einer wirtschaftlichen und technologischen Abhängigkeit verharren, wird sich zeigen. Mit Wirtschaftspolitik alleine wird sich eine positive Gestaltung der Globalisierung nicht realisieren lassen. Auch Europa ist gefordert, seinen Teil beizutragen.