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Chinas wachsender Zweifel an der Geschwindigkeit

Von Ronald Schönhuber

Politik

Ein Zugunglück mit 39 Toten bringt die Regierung stark in Bedrängnis.


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Peking. Unter der Brücke legte Wen Jiabao ein großes Blumen-Bouquet ab. Anschließend verbeugte er sich drei Mal tief. Die Brücke, unter der der chinesischen Premierminister nun den Toten seinen Respekt erwies, war am Samstag Schauplatz eines schweren Zugunglücks gewesen. 39 Menschen starben, als ein Zug von hinten auf eine vor einem Haltesignal wartende Garnitur auffuhr.

Dass der Regierungschef höchstpersönlich kommt, um mit den Angehörigen zu trauern, und dabei fast schon entschuldigend auf eine angebliche Krankheit verweist, die ihn die letzten Tage ans Bett gefesselt hat, liegt aber nicht an der großen Zahl der Toten. Immer wieder gibt es in China Unfälle mit vielen Opfern, ohne dass die Politik in Peking derartigen Anteil nehmen würde. In Wenzhou waren allerdings nicht zwei gewöhnliche Züge zusammengestoßen, sondern zwei Garnituren eines chinesischen Prestigeprojekts. Mit gewaltigem Einsatz hat die Volksrepublik binnen weniger Jahre das weltweit größte Netz für Hochgeschwindigkeitszüge aus dem Boden gestampft. Von derzeit rund 8400 Schienenkilometern soll das Netz bis zum Ende des Jahrzehnts auf 16.000 Kilometer anwachsen. Und die Züge, die darauf verkehren, sind laut Chinas Eisenbahnministerium dem japanischen Shinkansen „weit überlegen”. Kosten hat man dafür keine gescheut: Das Gesamtbudget des Projekts übertrifft sogar jenes des Drei-Schluchten-Damms.

Der Unfall in Wenzhou scheint aber vieles in Frage zu stellen. In Internet-Foren und auf Social-Media-Seiten findet derzeit ein Aufschrei statt, wie er nur selten in China vorkommt. Angeprangert wurden dabei zunächst das Missmanagement der Behörden bei der Bergung und die Unwilligkeit, die genauen Details über den Unfallhergang preiszugeben. Als dann auf dem Internet-Dienst Sina Weibo ein offizielles Dokument auftauchte, das penibel darlegte, wie der Propagandaapparat den staatlichen Medien geschönte Fakten diktierte und die Journalisten gleichzeitig anwies, statt kritischer Fragen den Human-Touch-Aspekt in den Vordergrund zu rücken, eskalierte die Sache. Statt des Einzelereignisses des Unfalls standen plötzlich das ganze Hochgeschwindigkeitsprojekt und Chinas Vorwärtsstreben um jeden Preis zur Diskussion. „China, warte auf dein Volk”, schreibt laut „New York Times” einer der Social-Media-User. „Wir wollen keine entgleisenden Züge, einstürzenden Brücken oder Häuser, die zu Todesfallen werden.” China müsse sich entwickeln, an der Wirtschaftsleistung dürfe aber „kein Blut kleben”, kommentierte am Donnerstag selbst das Staatsblatt „People’s Daily”.

Jiabao versprach an der Unfallstelle jedenfalls, die Lehren aus dem bisher Geschehenen zu ziehen. Sicherheit müsse beim zukünftigen Ausbau an erster Stelle stehen, sagte der Premier. Zugleich versprach er eine „offene und transparente” Untersuchung sowie eine harte Bestrafung der Verantwortlichen. Ersten Ermittlungen zufolge soll ein Blitzschlag verhindert haben, dass das Haltesignal auf der Brücke rechtzeitig auf Grün umsprang.