Chindia? Das war einmal

Von Thomas Seifert

Leitartikel

Der Grenzstreit zwischen China und Indien ist brandgefährlich.


Eine militärische Konfrontation der zwei bevölkerungsreichsten Nationen am Dach der Welt - das hat dem Planeten, der immer noch im Würgegriff der Pandemie steckt, gerade noch gefehlt.

Mindestens 20 indische Soldaten sind bei Konfrontationen zwischen China und Indien im Galwan-Tal, an der umstrittenen Grenze zwischen dem von Indien kontrollierten Jammu und Kaschmir und der chinesischen Region Aksai Chin (in den autonomen chinesischen Provinzen Xinjiang und Tibet gelegen) ums Leben gekommen. Die chinesische Zahl der Opfer wurde nicht veröffentlicht, laut indischen Medienberichten sollen aber 43 chinesische Soldaten verletzt oder getötet worden sein. Das ist das erste Mal seit 1975, dass es an der rund 3500 Kilometer langen Grenze Tote zu beklagen gibt.

Die Lage in Ladakh ist kompliziert: Die Grenze wurde 1914 vom britischen Diplomaten Henry McMahon gezogen und schon damals von China nicht anerkannt. Heute gibt es in dieser Gebirgsregion zwischen Pakistan, Indien und China wechselseitige Gebietsansprüche und verworrene Grenzverläufe, immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Konflikten zwischen Indien und China und zwischen Indien und Pakistan.

Was diesmal besonders beunruhigend ist: Die Spitzenfiguren der beiden Nuklearmächte China und Indien heißen Xi Jinping und Narendra Modi - zwei ausgewiesene Nationalisten, die nicht zögern, die patriotische Karte zu spielen. Dazu kommt, dass in Asien eine neue geopolitischen Ordnung im Entstehen ist: Im pazifischen Raum wird die immer gefährlicher werdende Rivalität zwischen den USA und China unsere Epoche prägen - es droht ein neuer Kalter Krieg. Auf dem eurasischen Kontinent ist Indien für China die größte Herausforderung. Beide Seiten beäugen einander argwöhnisch: Indiens Erzfeind Pakistan ist ein wichtiger Verbündeter Chinas, das in den vergangenen Jahrzehnten auch versucht hat, seinen Einfluss von den Malediven über Sri Lanka bis Myanmar auszudehnen - was Indien als strategische Einkreisung empfindet. Deshalb suchte man zuletzt immer mehr die Nähe zu den USA - das wiederum irritiert China. Die Hoffnungen auf ein gedeihliches Nebeneinander von China und Indien - ein indischer Parlamentsabgeordneter prägte in besseren Tagen dafür den Portmanteau-Begriff Chindia - sind längst Vergangenheit.

Legt man Maßstäbe der Vernunft an, dann ist dieses Spiel mit dem Feuer völlig unverständlich. Für die Herausforderungen der Gegenwart (Stichwort: Coronavirus-Pandemie) und der Zukunft (Stichwort: Klimakatastrophe) braucht es Vertrauen und Kooperation aller Weltmächte. Und nicht Misstrauen und Säbelrasseln.