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Chinesin klagt gegen Lehre vom heilbaren Schwulen

Von Alexander U. Mathé

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Alexander U. Mathé

Seit 2001 ist Homosexualität in China keine Geisteskrankheit mehr, doch in vielen Lehrbüchern ist die alte These noch präsent.


Manche Menschen glauben, Homosexualität sei eine psychische Erkrankung. Solche Menschen findet man nicht nur unter Islamisten und einschlägig rechten Eiferern, sondern auch in China. Dort ist aber nun die Klage eines Mädchens zugelassen worden, das sich dagegen verwehrt, in Lehrbüchern als krank abgestempelt zu werden.

Qiu Bai heißt eigentlich gar nicht Qiu Bai. Doch in einem Umfeld, das sie als gestört ansieht, hat die 21-Jährige beschlossen, mit einem Pseudonym eine gewisse Anonymität zu wahren. Eigentlich wurde Homosexualität am 20. April 2001 in China von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. (Auch in den USA war sie übrigens noch bis 1973 ganz offiziell als psychische Erkrankung anerkannt und fiel erst 1987 gänzlich aus dem Katalog anerkannter Krankheiten.) Doch die Ausläufer dieser Ansicht sind in China nach wie vor stark präsent. Als Teenager bemerkte Qiu Bai, dass sie sich eher zu Frauen hingezogen fühlte und fand auf die Frage, was für einen Mann sie sich wünsche, keine Antwort. Verunsichert suchte sie Erklärungen in der Bibliothek ihrer Universität Sun-Yat-sen in der Provinz Guangdong. Doch das, was sie fand, verstörte sie nur weiter. Denn nicht nur stand in vielen psychologischen und psychiatrischen Fachbüchern, dass sie gestört sei, sondern obendrein wurde auch noch suggeriert, dass sie geheilt werden könne. Das stehe in klarem Widerspruch zu der Entscheidung aus dem Jahr 2001 fand Qiu. Zwar stammten die meisten der umstrittenen Bücher aus der Zeit vor 2001, allerdings fand sich die These von Homosexualität als Geisteskrankheit auch in einem Psychologielehrbuch, das 2013 veröffentlicht wurde, wie Qiu gegenüber der Online-Zeitschrift "Sixth Tone" erklärte. Die Studentin konfrontierte zuerst die Verleger und die Abteilung für Unterricht in Guangdong mit den Schriften über Sexualität, wurde aber ignoriert. Der Versuch, die verantwortlichen Verleger auf Provinzebene zu klagen, scheiterte. Also klagte Qiu gleich das Unterrichtsministerium. Allerdings konnte sie davon überzeugt werden, die Klage zurückzuziehen und den Fall über die Beschwerdestelle des Ministeriums zu verfolgen. Schon bald stellte Qiu fest, dass das gar nichts brachte. Ihre Briefe blieben unbeantwortet. Also klagte Qiu im April 2016 erneut - und wurde abgewiesen. Keine Antwort zu erhalten, verletze keines ihrer Rechte, hieß es in der Begründung, berichtet Qiu. Anfang des Monats startete sie einen neuen Anlauf. Sie brachte Klage gegen die homosexualitäts-feindlichen Bücher ein, weil sie als Studentin ein unmittelbares Interesse an der Richtigkeit von Studienunterlagen habe. Qiu fordert nun, dass das Ministerium alle Lehrbücher zurückzieht, die eine falsche Beschreibung von Homosexualität beinhalten. Die Entscheidung wird auch deshalb mit Spannung erwartet, weil die alte Lehre offenbar noch sehr präsent in China ist: Derzeit anhängig ist das Verfahren eines Mannes, der 2014 wegen seiner homosexuellen Neigung von der Familie seiner Frau verschleppt und in ein staatliches Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort haben die Experten versucht, ihn mit Drogen, Schlägen und Elektroschocks zu "heilen" - wenig überraschend erfolglos.