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"Chinesisch ist von der Grammatik her einfach"

Von WZ-Korrespondent Wolfgang Tucek

Europaarchiv

16 Arbeitssprachen, Sonderauftrag in Peking. | Leidenschaft für fremde Kulturen. | Brüssel. Zu Sprachen pflegt Ioannis Ikonomou ein eher pragmatisches Verhältnis. Sie sind für ihn nur das Tor zu fremden Kulturen, die er so gerne erforscht. Wie viele Sprachen er derzeit beherrscht, weiß der Übersetzer in der EU-Kommission auf Anhieb gar nicht - geschätzte 32 seien es wohl, meint er. Denn er lerne ständig neue dazu, dafür vergesse er manche wieder, die er länger nicht gebraucht habe, erzählt der Grieche in fließendem Deutsch.


Zuletzt habe er Amharisch gelernt, die Amtssprache Äthiopiens. Begonnen habe diese jüngste "Liebesgeschichte", wie er seine Beziehungen zu fremden Kulturen nennt, mit seiner Leidenschaft für äthiopisches Essen. Dann habe er immer mehr über das Land wissen und die Literatur in der Originalsprache lesen wollen.

Denn wer eine Sprache wirklich gut sprechen wolle, müsse sich intensiv mit der Kultur dahinter beschäftigen, sagt der Ausnahmeübersetzer: "Wenn du Portugiesisch lernst, musst du unbedingt Samba tanzen und Fado singen können. Man kann nicht Polnisch lernen, ohne Pierogi zu kochen."

Und laut Lebenslauf sind es nicht weniger als 33 aktuelle und 14 alte Sprachen wie Altgriechisch, Latein, Sanskrit, Avestisch und Altpersisch, mit denen sich Ikonomou eingehend befasst hat. Dazu kommen zahlreiche Dialekte, die ein besonderes Steckenpferd des polyglotten 45-Jährigen sind: Bei seinen Reisen durch Lateinamerika versuche er stets mit dem typischen Einschlag des Gastlandes zu sprechen, sagt er - "obwohl hochspanisch auch funktionieren würde".

Religion und Atheismus

Ein Hobby sei auch das Auswendiglernen langer Texte. Lohnende Vorlagen habe er etwa in der Tora auf Hebräisch, dem Koran auf Arabisch, den Weisheiten Buddhas in Pali - einer vereinfachten Form des Sanskrit - und den Heiligen Schriften des Propheten Zarathustra auf Avestisch gefunden. Letztere sind noch heute die Grundlage des Glaubens der Parsen. Die Identifikation sei so weit gegangen, dass er die Religionen auch gelebt habe, erinnert sich Ikonomou.

Jetzt sitzt er in seinem kleinen Büro in einem der EU-Hochhäuser in Brüssel und trinkt eine Tasse Tee nach der anderen. "Heute bin ich Atheist", sagt er und gibt zwischendurch das Vater Unser auf Aramäisch zum Besten - "wie Jesus es vielleicht einmal gepredigt hat". Der Bildschirm seines Computers ist mit chinesischen Schriftzeichen gefüllt. Zur Zeit beschäftige er sich intensiv mit Chinesisch, erklärt er. Das gehört zwar nicht zu seinen üblichen 16 Arbeitssprachen. Doch die Delegation der EU-Kommission in Peking braucht gerade einen Übersetzer ins Englische und hat ihn angefragt.

"Chinesisch ist wie ein herausforderndes Spiel", sagt er. Schließlich beschäftige er sich bereits seit 20 Jahren damit. Und grammatikalisch sei die Sprache einfach, es gebe keine unregelmäßigen Verben oder Ausnahmen wie in den europäischen Sprachen. Doch schwierig sei für Europäer die Gewichtung der Begriffe, "weil die Welt und die Realität im Chinesischen ganz anders wahrgenommen werden". Wörter wie "Liebe, Hass oder Langeweile haben eine völlig andere Bedeutung, als bei uns".

Der Auftrag in Peking ist mehr als eine willkommene Abwechslung für Ikonomou. Denn die Rechtstexte, die er im Alltag etwa von Deutsch, Niederländisch, Polnisch oder Ungarisch in Griechisch oder Englisch übersetzt, seien "manchmal etwas trocken und langweilig", räumt er ein. Dennoch möchte er seinen Job nicht missen: "Es ist ein schönes Gefühl, einen Beitrag für Europa zu leisten." Außerdem habe er genügend Zeit zum Reisen.

Verliebt in den Iran

So werde er zu seiner ursprünglichen Leidenschaft - den alten Sprachen und Kulturen des Nahen und etwas ferneren Ostens - beruflich wohl nicht mehr zurückkehren, schätzt er. Die vergleichenden Sprachwissenschaften mit Fokus auf Indo-Iranische Sprachen aufzugeben, sei "eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens" gewesen. Alt-persische Keilschrift in verfallenen Tempeln studierte er bei seinen Lehren ebenso wie die mystischen Gedichte der großen Sufi-Meister. "Ich war verliebt in den Iran", sagt Ikonomou.

Doch dann, 1994, habe das EU-Parlament von ihm gehört - einem Griechen, der alle damaligen Amtssprachen der EU sprach. Er habe ein lukratives Angebot bekommen, innerhalb eines Jahres an der Uni in Teneriffa das Diplom zum Konferenzdolmetscher von Englisch, Spanisch, Französisch und Dänisch in Griechisch sowie von Griechisch in Englisch erworben. Nach sechseinhalb stressigen Jahren in Dolmetscherkabinen wechselte er 2002 in den Übersetzerjob.

Begonnen hat der Weg zur außerordentlichen Sprachenvielfalt in Kreta: Als er sieben Jahre alt war, wollte er die deutschen Touristen verstehen. Rosi, die Frau eines Bekannten der Eltern, habe ihm daraufhin Deutsch beigebracht. Englisch hatte er davor in einer Sprachschule in Athen gelernt, noch vor dem zehnten Lebensjahr sprach Ioannis auch Italienisch. Initialzündung dafür sei ein Italien-Urlaub gewesen. Bei Demonstrationen von Exil-Türken fanden die Eltern bald darauf eine Türkisch-Lehrerin namens Ayse. "Die Türkei galt ursprünglich als Feind Griechenlands." Entsprechend wenig Lehrer habe es gegeben.

Passives Österreichisch

Noch während der Schulzeit kamen zunächst Spanisch und Russisch hinzu. Verstanden hätten sein Vater, ein leitender Beamter im Finanzministerium, und seine Mutter, eine Lehrerin, ihn wohl nie, glaubt er. "Sie hat es nicht gefreut, dass ich während des Gymnasiums Tag und Nacht arabische und türkische Musik gehört habe." Unterstützt hätten ihn die Eltern aber.

Seine Studien haben ihn schließlich über die Universitäten in Thessaloniki und Peking, die Columbia in New York und Harvard bis an die Uni Wien gebracht. Zu Beginn seiner eineinhalb Wiener Jahre habe er auch den Unterschied zwischen Deutsch und Österreichisch lernen müssen, schmunzelt er - "etwa, dass es nicht Apfelsinensaft heißt". Wienerisch hält der Grieche für eine "tolle Mundart", mit der er anfangs große Probleme gehabt habe. Passiv verstehe er Österreichisch zwar immer noch sehr gut. Doch habe er wenig Praxis.

Denn um seine Sprachen lebendig zu halten, sei der Kontakt zu den Kulturen wichtig. So lese er im Internet Nachrichten auf Tschechisch und Ungarisch. Per Satellitenfernsehen sehe er polnische und rumänische Fernsehserien. Wegen mangelnder Übung habe er viel Litauisch und Armenisch wieder verlernt, bedauert Ikonomou. Dabei habe er Zweiteres während seiner Armeezeit unter widrigsten Umständen gelernt - meist am Klo: "Dort hatte ich zumindest meine Ruhe." Schönere Assoziationen hat er zu Wien: "Wenn ich in Brüssel plötzlich Österreichisch auf der Straße höre, fühle ich mich in meine Studentenjahre in Österreich zurückversetzt."

Ikonomous SprachenArbeitssprachen: Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Slowakisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch.

* Weitere Sprachen: Amharisch, Arabisch, Aramäisch, Armenisch, Bulgarisch, Chinesisch, Finnisch, Hebräisch, Hindi, Irisch, Kurdisch, Litauisch, Norwegisch, Persisch, Russisch, Serbisch, Urdu.

* Alte Sprachen: Altgriechisch, Latein, Sanskrit, Avestisch, Vedisch, Altpersisch, Altarmenisch, Gotisch, Pali, Altslawisch, Heditisch, Luwisch, Umbrisch, Oskanisch.