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Chinesische Medizin nach Tibet-Art: Beruhigungspillen für den Westen

Von Georg Friesenbichler

Analysen

Es war gewiss kein Zufall, dass China seine Gesprächsbereitschaft mit einem Vertreter des Dalai Lama gerade zu dem Zeitpunkt verkünden ließ, als EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso mit neun Kommissaren in Peking weilte. Das Tibet-Problem drohte wichtige Gesprächsthemen wie Klimaschutz, Handel und Energie zu überschatten.


China hat wohl erkannt, dass seine verleumderische Kampagne gegenüber dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter nur im Inland nationalistische Pluspunkte bringt, aber international auf keine positive Resonanz stößt. In der Heimat stieß dieser Schwenk der Pekinger Führung zunächst auf Unverständnis, wie Reaktionen im Internet zeigen.

Barroso aber freute sich. Möglicherweise hatte es gerade die vorsichtige Diplomatie Europas der chinesischen Führung ermöglicht, ohne Gesichtsverlust dieses kleine Zugeständnis an jene zu machen, die einen Dialog mit dem Dalai Lama einfordern.

Dazu hatte etwa Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gedrängt, unter der Drohung, der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fernzubleiben. Dies hätte deshalb besondere Signalwirkung, weil Frankreich ab Juli die EU-Ratspräsidentschaft innehat und somit die gesamte Union repräsentiert. Als Gesten des guten Willens sandte Sarkozy zugleich freundliche Worte über die Fortschritte Chinas sowie eine Entschuldigung an eine chinesische Rollstuhlfahrerin, die beim Fackellauf in Paris verletzt worden war. Und er kritisierte die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Dalai Lama durch Paris.

Dass China seine Dialogbereitschaft mit den bekannten Vorwürfen gegen den exiltibetischen Würdenträger verknüpft, lässt allerdings von den Gesprächen nicht allzu viel erwarten. Tatsächlich hat es seit 2002 schon sechs Gesprächsrunden zwischen den Vertretern des Dalai Lama und der chinesischen Führung gegeben. Zuletzt ist man im Juni 2007 zusammengetroffen. Aus Sicht eines tibetischen Unterhändlers waren die Gesprächspartner aber nie ernsthaft bei der Sache. Zu unterschiedlich waren die Positionen.

Somit scheint auch das neue Gesprächsangebot vorwiegend dazu angetan, die aufgeheizte Stimmung im Westen zu beruhigen. Den Tibetern selbst dürfte es nur wenig bringen.

Sie konnten zwar geschickt die Vergabe der Olympischen Sommerspiele in Peking dazu nutzen, auf die Unterdrückung ihres Volkes und die Verdrängung seiner Kultur aufmerksam zu machen. Ist dieser Aufmerksamkeits-Bonus aber aufgebraucht, wird das Primat intakter Wirtschaftsbeziehungen gegenüber Menschenrechten wohl wieder deutlicher hervortreten. Seite 8

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