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Cholesterin-Senker: Wirkung belegt, ihr Nutzen dagegen kaum

Von Christa Karas

Wissen

Eines drastischeren Beweises hätte es wohl kaum bedurft: Ein populäres Medikament steht unter dem Verdacht, in - so der vorläufige Stand Ende der Vorwoche - bis zu 500 Fällen zur Auflösung von Muskelgewebe und in 31 zum Tod geführt zu haben. Doch die Aufregung darüber fand ihren Niederschlag nur wie nebenbei in den Wirtschaftsmeldungen nach dem Absturz der Aktienkurse des deutschen Chemie- und Pharmakonzerns Bayer und nachdem die Firma ihre Umsatzerwartungen deutlich nach unten korrigieren musste sowie den Abbau Tausender Mitarbeiter ankündigte. Dass Statine wie Lipobay weniger der Gesundheit nützen als dem Geschäftsgang, ist so unverhohlen zynisch noch nie in der Geschichte der Cholesterin-Bekämpfung zum Ausdruck gekommen.


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Zu den Fakten: Bereits seit Juli dieses Jahres prüfen das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und die EU-Arzneimittelbehörde die Gesundheitsrisiken durch Baycol/Lipobay. Dabei werden mögliche schwere Nebenwirkungen untersucht: Es besteht der Verdacht, dass durch eine Auflösung des Muskelgewebes "Abfallprodukte" des Zellgewebes in die Niere gelangen, wo dies zu Funktionsstörungen bis hin zum tödlichen Nierenversagen führen kann. Ein EU-Vertreter sagte in Brüssel, Bayer sei durch seinen Verkaufsstopp einer Empfehlung zum Verbot der Substanz zuvor gekommen.

Die Untersuchungen waren nach dem Bekanntwerden von weltweit 481 Fällen von Muskelschwund eingeleitet worden. Am Mittwoch vergangener Woche hatte dann die US-Aufsichtsbehörde für Lebensmittel und Medikamente, FDA, bestätigt, dass 31 Todesfälle durch schweren Muskelgewebszerfall (Rhabdomyolyse) in Verbindung mit Bayer-Medikament stehen könnten.

Ein Bayer-Sprecher betonte, ob es einen eindeutigen Zusammenhang mit schweren Schädigungen gebe, sei nicht klar. Es könne auch Verschreibungsfehler des Arztes oder Einnahmefehler der Patienten gegeben haben. Jeder Fall müsse einzeln geprüft werden. In der Tat gibt es Belege dafür, dass das Mittel in den USA - wo es nach bisherigen Erkenntnissen auch die meisten Todesfälle gegeben hatte - trotz absoluter Warnhinweise auf derartige Kontraindikationen - häufig mit Gemfibrozil kombiniert wurde, einer anderen Art von Cholesterin-Senker. Und es ist belegt, dass Bayer selbst - in Kenntnis dieser Umstände - im April des Jahres an die FDA appelierte, diesen Warnhinweis noch zu verschärfen.

Vierter am Markt

Mit dem fast weltweiten Verkaufsstopp für Lipobay/Baycol brach für Bayer das im Umsatz drittstärkste Medikament weg. Im Jahr 2000 machte das Unternehmen mit dem Produkt einen Umsatz von 636 Mill. Euro und damit um vier Millionen mehr als mit dem Klassiker Aspirin. In diesem Jahr sollte Lipobay eine Mrd. Euro bringen. In Österreich wurden rund 20.000 Patienten mit dem Medikament behandelt, das 1998 auf den Markt kam. Hier gibt es bisher nur einen Verdachtsfall von Muskelschwäche in diesem Zusammenhang.

Dabei steht Lipobay/Baycol nur an vierter Stelle der umsatzstarken Cholesterinsenker und deren Generika hinter Pfizer mit Lipidor (angepeilter Umsatz heuer 5.43 Mrd. Euro), Merck mit Zocor (5,35 Mrd. Euro) und Bristol Myers-Squibb mit Pravachol (1,9 Mrd. Euro), gefolgt von Merck und Novartis, deren Produkte Mevacore und Lescol es zusammen ungefähr auf eine Mrd. Euro bringen dürften.

"Böses" Cholesterin

Mithin: Eine weitere Erfolgsgeschichte der nicht enden wollenden Cholesterin-Hysterie, die allenthalben die Gesundheitssysteme massiv belastet, ohne dass je ein Beweis für die Nützlichkeit derartiger Medikamente erbracht werden musste, weil längst als ausgemacht gilt, dass länger nur derjenige lebt, dessen Cholesterin-spiegel den willkürlich festgesetzten Werten entspricht.

Traurig, aber wahr: Wer heute darauf hinweist, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit etwaige Cholesterin-Mängel sind, die schwerwiegende Erkrankungen auslösen, wird zum Ketzer gestempelt und als unglaubwürdig hingestellt. Wer darauf verweist, dass Cholesterin kein giftiger Fremdstoff ist, den es zu bekämpfen gilt, sondern lebenswichtig für so gut wie sämtliche Körper- und Zellfunktionen, wird, so gut dies geht - und es geht sehr gut - totgeschwiegen. Unbeachtet bleibt weiters das Faktum, dass jeder Organismus entsprechend seinen individuellen Bedürfnissen selbst Cholesterin produziert, und zwar sogar unter Umständen verstärkt, wenn es ihm etwa durch die Nahrung entzogen wird.

Das gleiche gilt für jeden Nachweis, dass Cholesterin auch dann nichts Böses an und in sich hat, wenn man es in "gut" (HDL) und "schlecht" (LDL) zerlegt, wohinter nicht mehr steht als das Erkennen von Studienkorrelationen, die nichts über Ursache und Wirkung aussagen. (Siehe: Udo Pollmer, Andrea Fock, Ulrike Gonder und Karin Haug: "Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Ernährung", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln)

Wo Statine ansetzen

Insofern überrascht es auch gar nicht, dass Baycol etwa auf dem 14 Mrd. Euro-Markt der Statine zur Cholesterin-Senkung einen speziellen Ansatz gefunden hat: Das Medikament verringert ein Enzym in der Leber, das LDL produziert, also das "böse" Cholesterin, das angeblich zur Arterienverkalkung führt. Ansonsten zielen Statine darauf ab, die Produktion des "guten" HDL zu erhöhen, das wiederum als Schutzfaktor für die Arterien gilt. Allein in den USA machen Statine mittlerweile acht Prozent der Neuverschreibungen von Cholesterin-Senkern aus - mit offenen Grenzen nach Oben.

Keine Einbrüche erwartet

Nur wenige Börse-Analysten glaubten vergangene Woche denn auch, dass es auf diesem Markt generell zu Umsatzeinbrüchen kommen könnte. Ungleich mehr sehen im Bayer-Debakel große Chancen für die Konkurrenz, sich die Lipobay/Baycol-Lücke zu Nutze zu machen und noch höhere Profite als erwartet zu erzielen. Der Boden dafür wurde schließlich in den vergangenen Jahrzehnten so gut beackert, dass mutmaßlich nicht einmal gesundheitsökonomische Bedenken seine Ernte schmälern könnten - wenn man davon absieht, dass es diese nicht gibt.