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Christian Keysers: "Automatismus des Mitfühlens"

Von Jeannette Villachica

Reflexionen

Wie verstehen wir, was andere fühlen, ohne lange darüber nachzudenken? Der Hirnforscher Christian Keysers erklärt die Funktionsweise der Spiegelneuronen.


"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch "Unser empathisches Gehirn" beschreiben Sie die Szene aus dem Film "Dr. No", in der Sean Connery als James Bond im Bett liegt und eine Tarantel seinen Arm hochkrabbelt. Als Zuschauer bricht uns wie ihm der Schweiß aus. Warum sorgt die Natur dafür, dass wir so extrem mit anderen mitfühlen?

Christian Keysers.
© Foto: Wikipedia / Valeria Gazzola

Christian Keysers: Warum das so ist, weiß man natürlich nicht genau. Vorstellbar ist, dass unser Gehirn uns austrickst, weil wir als soziale Lebewesen mit anderen umgehen müssen. Da wir die Motivationen und Gefühle anderer Menschen nicht direkt beobachten können, brauchen wir einen Trick, mit dem wir aus Mimik, Gestik etc. Rückschlüsse auf die Gefühle unserer Mitmenschen ziehen können. Wenn wir die Handlungen und Zustände anderer sehen, aktiviert unser Gehirn genau die gleichen Areale, wie wenn wir selbst in dieser Situation wären. Wir benutzen unsere eigenen Gefühle, um andere Menschen besser zu verstehen.

Eigentlich müsste uns der Verstand sagen, dass das auf der Leinwand nicht real ist. Er scheint aber weitgehend ausgeschaltet.Ja, wir empfinden, als ob wir das nicht wüssten. Das zeigt, wie wenig Mitgefühl mit bewusstem Nachdenken über andere Personen zu tun hat. Dieser Automatismus hat seine Berechtigung: Er sorgt dafür, dass wir unsere begrenzte Fähigkeit bewusst nachzudenken nicht mit Dingen wie dem einfachen Einspielen auf den anderen verschwenden. Nur so bekommt unser soziales Verhalten die nötige Geschwindigkeit und Mühelosigkeit, auch in komplexen Situationen.

Andererseits lockt uns unser Gehirn in eine Falle, wenn wir in Angst versetzt werden, obwohl wir nicht in Gefahr sind.

Das ist die Kehrseite der Medaille, wobei wir durch das Gefühl, diese Situationen selbst zu erleben, auch viel lernen. Wenn wir sehen, wie James Bond fast vom Dach fällt, können wir lernen, dass es keine gute Idee ist, auf einem Dach herumzuklettern. Aber natürlich gibt es Situationen, in denen wir uns vor dem Automatismus des Mitfühlens hüten sollten. Wenn wir uns zum Beispiel beim Autokauf von der Begeisterung des Verkäufers mitreißen lassen, kann es sein, dass wir das falsche Auto kaufen.

Sie haben Spiegelneuronen, die für diesen Automatismus verantwortlich sind, beim Menschen nachgewiesen. Zunächst: Was sind Neuronen?

Neuronen sind die Nervenzellen im Gehirn, Zellen wie jede andere Zelle im Körper, die aber die Fähigkeit haben, elektrische Impulse im Körper zu kreieren - wir sagen, sie "feuern" - und darüber zu kommunizieren. Das bedeutet, dass Informationen, die zum Beispiel über die Augen aufgenommen werden, von Neuron zu Neuron durch bestimmte Schaltkreise berechnet und im Fall von Spiegelneuronen in unsere eigenen Handlungen übersetzt werden. Neuronen sind der zentrale Rechner, der unserem Gehirn das Nachdenken ermöglicht. Und Spiegelneuronen sind dreisprachig. Sie können zwischen dem übersetzen, was wir hören, sehen und was wir selbst tun.

Wie funktionieren die Verschaltungen bei Spiegelneuronen?

Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Neuronen im visuellen Kortex, dem Bereich des Gehirns, der fürs Sehen zuständig ist und zwei Neuronen im motorischen Kortex, der fürs Handeln zuständig ist. Jeweils ein Neuron ist fürs Greifen, das andere ist fürs Werfen zuständig. Beim Baby sind beide Neuronen im visuellen Kortex mit beiden im motorischen Kortex verbunden. Aber jedes Mal, wenn das Baby das Greif-Neuron aktiviert, fängt es an zu greifen und kann sich selbst dabei beobachten. Das Greif-Neuron im visuellen Cortex wird also immer simultan aktiv mit dem Greif-Neuron im motorischen Kortex, dadurch verstärken sich die Verbindungen zwischen den Neuronen, die zusammen feuern und das Gehirn kann Handlungen einfach und schnell herstellen. Wenn diese Verbindungen gestärkt sind, aktiviert unser Gehirn - auch wenn wir andere beim Greifen beobachten - nicht nur unser visuelles, sondern auch unser motorisches Greif-Neuron. So können wir das Greifen des anderen miterleben.

Wie unterscheidet das Gehirn, ob ich greife oder der andere?

Nur rund zehn Prozent unserer motorischen Greif-Neuronen haben Verbindung mit meinen visuellen Greif-Neuronen. Wenn ich Sie greifen sehe, liefert mir mein Gehirn sozusagen eine weniger intensive Version meiner eigenen Greif-Erfahrung. Wenn Sie sich nun beim Greifen an der Herdplatte verbrennen, Ihr Gesicht sich im Schmerz verzerrt und ich das beobachte, reagieren meine motorischen Spiegelneuronen immer, weil es lebenswichtig sein kann, uns in die Handlungen aller Menschen hineinzuversetzen. Die Gefühle anderer teilen wir jedoch nur, wenn wir uns demjenigen nahe fühlen.

Sie schreiben, dass einige Spiegelneuronen sehr genau funktionieren, andere allgemeiner. Können Sie ein Beispiel nennen?

Auch in unserem motorischen System gibt es Hierarchien, aufgrund derer wir andere auf verschiedenen Niveaus spiegeln können. Aus dem Augenwinkel bekomme ich mithilfe meiner unspezifischen Spiegelneuronen mit, dass Sie nach der Tasse greifen, aber nicht, ob Sie sie am Henkel oder am oberen Rand anfassen. Wenn ich genauer hinsehe, werden Neuronen aktiviert, die unterscheiden, wie genau Sie die Tasse anfassen.

Welche neuen Erkenntnisse hat die Entdeckung der Spiegelneuronen über die Funktionsweise des Gehirns geliefert?

Vorher hatten wir die Vorstellung, dass das Gehirn wie ein Computer funktioniert, der alles - wie mein Drucker druckt oder wie mein Freund sich fühlt - in abstrakte Kognition umsetzt. Jetzt wissen wir, dass wir nicht abstrakt nachdenken, wenn wir verstehen wollen, wie andere Menschen sich fühlen oder was sie tun, sondern, dass wir dafür unsere eigenen Handlungen und unsere eigenen Gefühle als Spiegel verwenden.

Die Kehrseite ist, dass wir oft ungerechtfertigt von uns auf andere schließen.

Ja, dadurch, dass wir andere über Empathie verstehen, verstehen wir Menschen, die uns ähnlich sind, sehr gut. Bei Menschen, die sich stark von uns unterscheiden, wird das Spiegelsystem zu Missverständnissen führen. Diese Erkenntnis ist als Warnung im Zusammenleben sehr wertvoll. Wir sind diesem Automatismus aber nicht ausgeliefert, unser Verstand kann korrigierend eingreifen.

Sie schreiben, Frauen hätten eine etwas stärker ausgeprägte Empathiefähigkeit als Männer, weswegen zum Beispiel die meisten Völker ihre Männer in den Krieg schicken. Psychopathen müssten bewusst ihre Empathiefähigkeit aktivieren, um sich in andere hineinversetzen zu können. Kommen die Unterschiede in der Empathiefähigkeit dadurch zustande, dass die Verbindungen zwischen den Neuronen unterschiedlich stark sind?

Das stellt man sich so vor. Darüber hinaus spielt es eine wichtige Rolle, wie wir unsere Aufmerksamkeit steuern. Derjenige, der auf die Obdachlosen achtet, wird mehr Mitgefühl aufbringen als derjenige, der wegschaut. So können wir unser Mitgefühl steuern.

Wie entwickelt sich die Empathiefähigkeit im Laufe des Lebens?

Jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen, können wir auch in diesem Bereich besser mitfühlen. Wenn man das Handeln anderer Menschen verstehen will, sollte man deren Handlungen nicht nur mit dem Verstand untersuchen, sondern motorisch nachempfinden. Nach nur fünf Stunden Klavierunterricht kann man sich viel besser in einen Pianisten hineinversetzen, weil dann beim Musikhören nicht nur der auditive Bereich, sondern auch die Neuronen im motorischen Kortex aktiviert werden. Wenig erforscht ist hingegen, wie und ob die Empathiefähigkeit leiden kann, beispielsweise wenn Menschen ihre eigenen Gefühle unterdrücken. Aufgrund des Spiegelsystems ist das anzunehmen.

Sie gehen auch auf die enge Verbindung von Sprache und Motorik ein. Welche neuen Erkenntnisse hat die Entdeckung der Spiegelneuronen hier gebracht?

Die Hirnareale beim Menschen, die sich um die Grammatik kümmern, sind teilweise dieselben, mit denen wir komplexe Handlungen steuern. Das heißt, unsere Grammatik baut darauf auf, dass wir auch in unseren Handlungen immer ein Subjekt, eine Handlung und ein Objekt haben. Für Linguisten und Evolutionsbiologen war es sehr rätselhaft, wie wir in relativ kurzer Zeit vom Menschenaffen, der keine Sprache, geschweige denn eine Grammatik entwickeln kann, zum Menschen wurden, der all dies kann. Mit den Spiegelneuronen entdecken wir, wie viel von unserer Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen auf unserem motorischen System basiert. Da auch Affen über Spiegelneuronen und ähnliche motorische Fähigkeiten verfügen, erkennen wir, wie gut sie bereits für Sprache vorbereitet sind und die Kluft zwischen Affe und Mensch wird kleiner.

Trotz des ausgefeilten empathischen Systems kommt es doch zu einer Menge Missverständnisse. Was fehlt zum perfekten Verständnis?

Unser Gehirn hat Milliarden an Neuronen. Um wirklich zu verstehen, was im anderen vor sich geht, müssten wir all unsere Neuronen genauso aktivieren, wie es unser Gegenüber tut - ohne dass wir den Zustand dieser Neuronen sehen. Insofern ist es unmöglich, in aller Komplexität zu verstehen, was im anderen vorgeht. Aber mich verblüfft doch, wie nahe wir dem durch das Spiegelsystem kommen können, ohne selbst etwas dafür tun zu müssen.

Jeannette Villachica, geboren 1970, lebt als Journalistin in Hamburg. 2013 erschien ihr Buch "Und dann kam der Richtige. Frauen erzählen die Liebesgeschichte ihres Lebens" (Herder Verlag).

Zur Person
Christian Keysers, geboren 1973, studierte Psychologie und Biologie und forscht seit 2000 über Spiegelneuronen. 2004 gründete er das "Social Brain Lab" in Groningen, wo er 2008 Professor wurde. Nun leitet er eine Forschungsgruppe in Amsterdam.
In seinem populären Sachbuch "Unser empathisches Gehirn" (aus dem Englischen von Heiner Kober, C. Bertelsmann Verlag, 352 Seiten, 23,70 Euro) hat er seine Forschungsergebnisse fürs breite Publikum aufbereitet.