Zum Hauptinhalt springen

Christlicher Eiertanz um die Barmherzigkeit

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Die Schweizer sind dem populistischen Unsinn auf den Leim gegangen, dass Minarette startbereite Raketen für den islamischen Generalangriff auf das christliche Abendland seien. Das lenkt vorübergehend vom Drama Arigona Zogaj ab. Denn da häufen sich demaskierende Widersprüche zwischen populistischem Getöse und (vorgeblichen) Grundsätzen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die FPÖ klatschte am lautesten Beifall zum Urteil, Arigona in den Kosovo abzuschieben. Im Wahlkampf freilich verteidigte sie mit Brachial-Lyrik das Christentum. Und empörte sich - wie auch die ÖVP - darüber, dass die EU das "Kreuz als Symbol des christlichen Abendlands" aus den Schulen verbanne. Dieser Einsatz fürs christliche Abendland ist an einem einzigen Wort aus der Bergpredigt zu messen: Barmherzigkeit.

Die ÖVP singt gerne das hohe C, damit alle Welt ihre christlichen Wurzeln nicht ganz vergesse. Da plädieren ÖVP-Granden dafür, Arigona das - rechtlich mögliche - humanitäre Bleiberecht zu gewähren. Der schwarze Parteigeneral aber schmettert dies ab, die schwarze Innenministerin verschanzt sich hinter "Recht muss Recht bleiben". Selbst wenn es humanitäres Unrecht ist?

Die SPÖ liebäugelt mit einem Gnadenakt gemäß dem humanitären Bleiberecht, scheitert aber an Maria Fekter. Augenscheinlich begreift die SPÖ den Sinn und Zweck der Barmherzigkeit besser als eine vorgeblich christliche Partei. Die "Affäre Zogaj" legt den unbarmherzigen Kern des Satzes "Recht muss Recht bleiben" frei. Recht steht nämlich auch in untrennbarem Zusammenhang mit Strafe für Unrecht.

Welches Unrecht beging Arigona? Ihr Vater ließ sie als zehnjähriges Kind nach Österreich schleusen. Büßt nun das Kind für die Schuld des Vaters? Der hat sich aus dem Staub gemacht und seine in den Kosovo abgeschobenen Söhne einfach im Stich gelassen. Dem gleichen Schicksal überantwortet der Rechtsstaat Österreich auch Arigona - wohl wissend, dass sie in ihrer "Heimat" Kosovo eine wurzel- und hilflose Ausländerin wäre. Gerecht? Human? Nein: Haarsträubend.

Die SP-Linke steht gewiss nicht im Dienst christlicher Kirchen. Ihr Protest gegen den "amtlichen" Umgang mit Arigona entspricht einem Kernsatz ihres Urahnen Karl Marx: Alle Verhältnisse umstürzen, die den Menschen zu "einem geknechteten, verächtlichen, verlassenen Wesen" machen. Das deckt sich mit christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Den populistischen Verteidigern des Christentums ein Beispiel aus der Bibel zum Studium: Ausgerechnet ein verachteter "Tschusch" aus Samaria rettete einen von Räubern zusammengeschlagenen Juden und bezahlte obendrein einen Wirten, damit dieser den Mann gesund pflege.

Daran gemessen ist die Fekters Erklärung erbärmlich: Blieben Arigona und ihre kranke Mutter in Österreich, dann hätten die vom Vater verlassenen Zogaj-Buben das Recht auf Familienzusammenführung. Zwei Ausländer mehr auf Kosten unseres Sozialsystems im Land? Um Gottes Willen!

Clemens M. Hutter war bis 1995 Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".