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Christoph Badelt: "EuGH verschärfte nur das Problem"

Von Heiner Boberski

Europaarchiv
WU-Rektor Christoph Badelt: "In der Öffentlichkeit reden alle anders, alle!" Boberski

Aussagen zum Hochschulzugang und zur Elite-Uni. | Rektorenchef: "Die Deutschen wussten genau, was sie tun." | Universitäten wollen weiter AHS-/BHS-Lehrer ausbilden. | "Wiener Zeitung":Der Besuch des deutschen Bildungsstaatsekretärs Wolf-Michael Catenhusen gilt manchen als Bestätigung, man hätte vor dem EuGH-Urteil zum Hochschulzugang mit Deutschland reden können. Teilen Sie diese Ansicht?


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Christoph Badelt: Ich schließe das aus den Äußerungen des deutschen Staatssekretärs nicht. Ich verstehe auch die mediale Euphorie nicht. Man versetze sich in die Lage eines Politikers, der auf Besuch kommt. Er sagt: Ich versichere Ihnen mein Mitgefühl, aber das muss die europäische Ebene lösen. Und die europäische Ebene ist weit und langwierig. Also ich weiß nicht, was der Besuch konkret gebracht hat.

Österreich hätte also mit Deutschland nicht zu einer für beide akzeptablen Lösung kommen können?

Ich will mir da als Universitätspolitiker nicht anmaßen, die diplomatischen Möglichkeiten zu evaluieren. Als Ökonom sage ich: Die Deutschen haben ganz genau gewusst, was sie tun.

Wo könnten nun Lösungen liegen? Weder eine Rückkehr zum früheren Vorgehen noch eine Quotenregelung, die Juristen als neue Diskriminierung betrachten, kommen in Frage. Ist es denkbar, dass man Geldflüsse aus dem Heimatland von Studierenden in ihr Studienland durchsetzt?

Ich bin über die gegenwärtige Schwerpunktsetzung der politischen Diskussion zu diesem Thema nicht glücklich. Denn sie lenkt davon ab, dass wir in Österreich unabhängig vom EuGH-Urteil ein Problem mit dem Hochschulzugang hatten und haben. Das, was Sie jetzt anschneiden, ist auf europäischer Ebene eine Art Bildungsfinanzkostenausgleich. Ich halte das für eine interessante Idee, aber wenn man sich die komplizierten Finanzströme innerhalb der EU ansieht, ist diese Sache sicher nicht auf die Schnelle beschließbar. Man soll nicht vergessen, dass dieses Problem einem Großteil der anderen EU-Staaten ziemlich egal ist. Ich freue mich über jede Initiative, die den Teil des Problems, der durch das EuGH-Urteil ausgelöst wurde, beseitigt. Aber ich mache darauf aufmerksam, dass das nur ein Teil des Problems ist. Wenn Sie heute in den Medien lesen, wie viele Plätze die Medizin-Universitäten insbesondere nach der Studieneingangsphase vergeben können und wie viele Interessenten es dafür gibt, wird ganz offenkundig, dass wir ein Problem haben. Es wird durch die Deutschen verschärft, aber nicht verursacht.

Worin besteht das österreichische Problem?

Darin, dass wir ein gesellschaftspolitisches Ziel, das ich grundsätzlich als sehr sympathisch erachte, in das Bildungssystem hineinlegen, ohne die technischen, finanziellen und gesellschaftspolitischen Folgen wahrzunehmen. Es gibt in einem Großteil der Studien kein Problem mit dem Zugang. Dann gibt es einen Teil der Studien, wo aus finanziellen, aber auch aus technischen Gründen - dazu gehört die Medizin - deutlich weniger Plätze als Interessenten da sind. Es ist ja kein Zufall, dass Österreich das einzige Land der Welt ist oder war, wo der Zugang zum Medizinstudium völlig frei gehalten wurde.

Dann gibt es eine Reihe von überlasteten Studienrichtungen, wo Sie zwar theoretisch mit viel Geld reguläre Ausbildungsbedingungen schaffen könnten, wo man sich aber fragen muss, ob das wirklich sinnvoll und politisch wünschenswert ist, weil die Arbeitsmarktchancen der Absolventinnen und Absolventen schlecht sind. Denken Sie an die Kommunikationswissenschaften, an die Psychologie. Natürlich ist es theoretisch möglich, die Zahl der dort lehrenden Personen zu verzehnfachen, die Frage ist nur: Will man das wirklich? Das ist arbeitsmarktpolitisch nicht sinnvoll.

Dann gibt es noch Studien, die auch eng sind, wie zum Beispiel die Wirtschaftswissenschaften, wo die Ausstattungsrelationen katastrophal sind, wo man mit mehr Geld durchaus etwas erreichen könnte, wo sich aber sehr bald zeigt, dass auch sehr hohe Drop-Out-Raten drinnen sind und wo es wahrscheinlich sinnvoll wäre - wie wir es auch an der WU praktizieren - lieber den Drop-out vorzuverlegen und die Studierenden, die bleiben, gut auszustatten als nur blind Geld hineinzuwerfen. Das Thema ist nicht ausreichend gelöst, wenn man nur sagt, der Studienzugang ist frei. Das Thema muss nach Art und Niveau der Studien differenziert werden. Wir stellen um auf das Bolognasystem. Es ist ganz etwas anderes, ob ich über ein Bakkalaureats- oder ein PhD-Studium spreche. Auch beim Doktorat-Studium haben wir jetzt formal den freien Hochschulzugang, und das ist völlig absurd.

Das heißt, wir haben ein differenziertes Problem, und die politische Diskussion geht nur auf einen Teilaspekt ein.

Muss man da nicht von gravierenden Versäumnissen in der Bildungspolitik reden?

Es gibt in Österreich eine Reihe von politischen Tabus, wo die Fachleute aller Couleurs sagen, da gibt es ein Problem, und die Politiker wollen das nicht hören. Das beschränkt sich nicht auf die Bildungspolitik. Das war über Jahrzehnte in der Pensionsreform so. Faktum ist, dass ich noch nie mit irgendeinem Politiker, egal welcher Couleur - und das ist wichtig, das ist keine Regierungs- und keine Oppositionsbeschimpfung! -, unter vier Augen über den Hochschulzugang geredet habe, der mir nicht zugegeben hätte, dass wir hier ein Grundsatzproblem haben. Und in der Öffentlichkeit reden sie alle anders, alle!

Es gibt ja dieses Modell schon: Studien mit viel Nachfrage, hohem technischem Aufwand und strenge Auswahl - das sind die Kunsthochschulen . . . Dort war es interessanterweise immer akzeptabel, und es ist ja paradox: Es gibt Fachhochschulen, es gibt Privatuniversitäten, und dort hat man selbstverständlich von allem Anfang an die Zahl der Studienplätze und ein Auswahlverfahren festgelegt. Es ist doch wirklich höchst seltsam, dass die Universitäten vom Kindergarten bis ganz hinauf die einzige Bildungsinstitution sind, wo vom Gesetzgeber die Fiktion aufgestellt wird, die Zahl der Plätze bestimmt sich nur nach der Nachfrage.

Wo sollen künftige Lehrer ausgebildet werden?

Die Rektorenkonferenz ist sehr froh, dass die Ministerin ursprünglichen Plänen, alles an die Pädagogischen Hochschulen zu verlagern, Einhalt geboten hat, Der augenblickliche Stand ist der, dass die Universitäten weiter die AHS- und BHS-Lehrer ausbilden werden, die Pädagogischen Hochschulen die Pflichtschullehrer und dass man zu einer engen Kooperation und Durchlässigkeit beider Institutionen kommen will.

Wie steht die Rektorenkonferenz zur so genannten Elite-Universität, deren Finanzierung durch "frisches Geld" erfolgen soll?

Wir verlangen eine Gleichheit der Wettbewerbsbedingungen zwischen den Universitäten und der neuen Einrichtung. Das bedeutet, wir wollen genauso wie die neue Einrichtung auf dem Doktoratsniveau die Studierenden aussuchen dürfen. Wir wollen dort, wo es um Mittel für Forschung geht, genau den gleichen Zugang zu den Töpfen haben und konkurrieren können. Der FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) braucht dringend eine massive Aufstockung, auch ohne die neue Einrichtung, weil die Ablehnungsquoten dort katastrophal sind, und zwar nicht, weil die Projekte so schlecht sind - es wird jede Menge ausgezeichnet evaluierter Projekte aus Geldmangel abgewiesen. Die Rektorenkonferenz verlangt deshalb eine signifikante Aufstockung der Mittel des FWF. Und wenn die zusätzliche Universität kommt, muss es eine weitere Aufstockung geben, und um diese zusätzlichen Mittel sollen alle gleichberechtigt werben können. Und wir verlangen eine Vernetzung der Exzellenzzentren der Universitäten mit der neuen Einrichtung.