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Christoph Stölzl

Von Markus Kauffmann

Reflexionen

Christoph Stölzl über seine Zeit als Direktor des Deutschen Historischen Museums, seine politische Karriere in Berlin und sein freundschaftliches Naheverhältnis zu Österreich.


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Wiener Zeitung: Herr Stölzl, wann hat Helmut Kohl Sie angerufen und gesagt: "Machen Sie mir ein ordentliches Historisches Museum"?Christoph Stölzl: Niemals. Die Sache lief ganz anders: Ich war in der damals noch sehr konservativen Museumsbranche eher als ein Revoluzzer verrrufen - andererseits war ich Anfang der 1980er-Jahre der einzige Fachhistoriker unter den deutschen Museumsdirektoren. Im CSU-geprägten Bayern hielt man mich als bekennenden Liberalen und Chef des Münchner Stadtmuseums sogar für einen Umstürzler, zumindest für einen, der unkonventionelle Wege geht und dabei einiges riskiert.

Ja, Sie haben mit Ihren kulturhistorischen Ausstellungen ziemliches Aufsehen erregt. Die "Süddeutsche Zeitung" meinte damals, sie hätten aus einem Stadtmuseum ein "deutsches Centre Pompidou" gemacht.

Es war damals mein Anliegen - und ist es bis heute geblieben -, das Museum zu einem politischen Ort zu machen, sozusagen Staub aus den Museumsregalen zu blasen, die Objekte zum Sprechen zu bringen, Wissenschaft, Kunst und Leben direkt miteinander kommunizieren zu lassen. Dabei habe ich mir übrigens viel Anregung von den österreichischen Landesausstellungen geholt, die seit den 1970er-Jahren Avantgarde in Europa waren: Der "Event" wurde dort erfunden, also diese Mischung aus Wissenschaft, Familienausflug, Identitätsfeier und großen Restaurierungsaufgaben, wie etwa auf der Schallaburg. Damit waren wir auch in Bayern sehr erfolgreich. Meine erste große Landesausstellung war 1976 "Max Emanuel - Bayern und Europa um 1700" in der Schlossanlage Schleißheim bei München. Damals habe ich in Wien viel über die Türkenkriege recherchiert und bin darin von den österreichischen Kollegen großartig unterstützt worden. Besonders hohe Wellen schlug dann meine erste eigene Ausstellung, "Die zwanziger Jahre in München", eine wegen der "Münchner Karriere" Adolf Hitlers bis dahin eher verdrängte Epoche. Im Kielwasser dieses Erfolges wurde ich 1980 - sehr jung - Direktor des Münchner Stadtmuseums.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Österreich?

Obwohl ich Bayer bin, habe ich verwandtschaftliche Wurzeln in den Raum der Donaumonarchie, und zwar eine aus Wien stammende jüdische Großmutter Ich habe in den Sechzigern einige Jahre in Wien und in Prag gelebt und gearbeitet. Ich liebe Wien!

Und warum?

Wenn ich durch Wien spaziere, von den kleinen Gässchen der Innenstadt hinaus auf die Ringstraße, dann denke ich mir immer: "So muss eine Stadt sein!" Wien ist ein einziges, begehbares, lebendiges Museum, mit seinen Palästen, Monumenten, Schatzkammern. Überall weht der historische Atem Europas. Allein der Ring, diese Enzyklopädie der Baustile . . . Und überall die Spuren des europäischen Werdens, von Italien bis Flandern, von Spanien bis Polen. Wien, das sind "wir Europäer", das ist die Stadt, in der sich dieser Kontinent eingeschrieben und manifestiert hat.

Derzeit wird in Wien über eine Art "Museum der Republik" nachgedacht.

Bei aller Freude am Gründen neuer Museen sollte man stets bedenken, dass historische Museen "aus der Retorte" eher typisch sind für Nationen mit defizitärem Selbstverständnis. Glückliche, saturierte Nationen - wie etwa Frankreich oder England - haben nie über zentrale Geschichtsmuseen nachgedacht, sie überließen die Spezialthemen den Spezialmuseen, vor allem den Stadtmuseen oder den Museen für Militärgeschichte. Ja, es gibt das Museum of the City of London oder das Pariser Musée Carnavalet, wo sich die Weltgeschichte der Französischen Revolution in den Ereignissen der Seinemetropole spiegelt. Aber die nationale Identität wird nicht dort erzeugt, sondern durch den für jedes Kind ganz selbstverständlichen Zusammenklang von Bildern, Monumenten, Symbolen und Erinnerungen, die sich überall in der Stadt finden, von den Straßennamen bis zu den Speisekarten.

Wann hat Kohl Sie tatsächlich angerufen?

Ich sagte schon, das lief anders. Mein Lebensweg gleicht einem Mäander - aber auch ein Mäander strömt seiner Mündung zu. Ich hatte also 1980 die Leitung des Münchner Stadtmuseums übernommen. Ein Jahr später gab es im Berliner Martin-Gropius-Bau die berühmte Preußen-Ausstellung. Nach ihrem Sensationserfolg wurde erstmals öffentlich über ein historisches Museum für Deutschland diskutiert. 1984 wurde ich dann zu einem Berliner Hearing über diese Frage eingeladen. Ich sagte damals nach langen Diskussionen bewusst provozierend: "Macht es nur groß, dann wird es schon richtig."

Mitten in diese Debatte hinein überraschte Helmut Kohl die Berliner 1985 mit der Ankündigung, er wolle ein neues Geschichtsmuseum bauen - akkurat auf jenem Platz übrigens, wo heute das Kanzleramt steht. Daraufhin beauftragte die Bundesregierung eine Wissenschaftergruppe mit der Erstellung eines Konzepts. Von 1985 bis 1987 war ich Mitglied dieser hochkarätigen "Supertruppe", als einer von drei Museumsleuten unter vielen Fachhistorikern. Unsere Arbeit fand nicht im Elfenbeinturm statt - es war die Zeit des deutschen Historikerstreits - und es gab viele Verwünschungen und Anfeindungen: Viele argwöhnten, das Museum sollte eine Art "Entsorgungsanstalt" für die dunklen Seiten der deutschen Vergangenheit werden. Wer sich an das Thema "Deutsche Geschichte" heranwagt, kann sich die Schwierigkeiten ja ausmalen. Als 1987 das DHM (Deutsche Historische Museum) gegründet wurde, brachte die Ausschreibung für den Direktorenposten kein nennenswertes Ergebnis. Keiner der prominenten Kollegen, die in etablierten, anfeindungsresistenten Häusern saßen, wollte sich auf das Risikounternehmen einlassen. Anfang 1987 wurde ich von den Bonner Verantwortlichen dringlich gefragt, ob ich nicht vom Bedenken zum Begründen überwechseln wolle. Nun war ich aber in meiner Münchner Rolle sehr glücklich und erfolgreich, hatte Frau und vier Kinder, eines davon erst ein Jahr alt, eine Situation also, die nicht unbedingt zum Zelte-Abbrechen ermunterte. Also provozierte ich eine Art Gottesurteil und stellte lauter unerfüllbare Forderungen. Vor allem nach Geld, denn ein solches Projekt ist ja sehr teuer. Zu meiner Überraschung wurden alle meine Wünsche erfüllt. Ich sagte zu - und geriet in die Glücksjahre meines Lebens. Denn der Start des Museums fiel zusammen mit der deutschen Einigung, und unser Projekt wurde ein Baustein davon. Wir haben im Berliner Zeughaus ab 1990 sehr schnell ein Team gebildet, in dem angesichts der gemeinsamen Aufgabe die Herkunft von Ost oder West belanglos wurde. Und das war vor allem der Aufbau - praktisch aus dem Nichts heraus! - einer hochrangigen Sammlung bedeutender Geschichtszeugnisse Europas. Darauf bin ich sehr stolz! Das Budget reichte aus, um weltweit zugreifen zu können, und außerdem hatten wir Glück - besser hätte es nicht laufen können.

Wann beginnt für Sie die österreichische - und wann die deutsche Geschichte?

Österreichisches und Deutsches sind nicht dasselbe; aber unsere ältere Geschichte ist untrennbar verbunden durch eine Art Familiensaga. Es beginnt in den Jahrhunderten des gemeinsamen Heiligen Römischen Reiches, das fast ausschließlich habsburgische Kaiser gehabt hat. Dann kommt der Dualismus Preußen-Österreich um die Vorherrschaft in diesem Reich. Joseph II. und sein Scheitern beim Versuch, aus der Monarchie einen deutschsprachigen Zentralstaat zu formen, gegen den Aufstieg Preußens - seit etwa 1800 geht der Weg in verschiedene Richtungen. Hier kleindeutsch-preußisch, was am Ende zu jenem Staat führt, von dem die Bundesrepublik abstammt, dort das multinationale "Kakanien", das zwar 1918 unterging, aber für immer vorbildlich bleiben wird als eine Frühform der Vereinigten Staaten von Europa.

Joseph II. starb 1790. Warum haben Sie im DHM mehr als 2000 Jahre dokumentiert?

Deutsche Geschichte versteht man nicht ohne die vielen Jahrhunderte, in denen das "Deutsche" nur einer unter vielen Aspekten gewesen ist. Es ging uns Museumsgründern nie um eine patriotische Feier, sondern um nüchterne Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Vergangenheit von Deutschen und Europäern.

1989 fiel die Mauer . . .

Das war ein Glücksfall, auch für unser Museumsprojekt. Zum einen konnten wir das Zeughaus, das älteste Gebäude Unter den Linden, nutzen und brauchten keinen Neubau. Zum anderen fiel uns das preußische und das DDR-Erbe des Hauses zu und ergänzte unsere Sammlung auf ideale Weise. Im Zeughaus hatte die DDR ihr "Museum für Deutsche Geschichte" eingerichtet - natürlich mit der Absicht, dort den Aufbau des Sozialismus zu dokumentieren. Ab 1991 haben wir das Zeughaus im großen Stil saniert und restauriert. Und als Krönung konnten wir 1996 den amerikanisch-chinesischen Stararchitekten Ieoh Ming Pei ("Louvre-Pyramide") für einen Anbau des Zeughauses gewinnen - sein einziges Werk in Deutschland.

Welches Profil hat das DHM?

Bei einem historischen Museum geht es immer um die drei bekannten Fragen: Woher kommen wir? Warum sind wir so, wie wir sind? Was ergibt sich daraus für die Gestaltung unserer Zukunft? Und diese Fragen stellen sich immer in einer gesamteuropäischen Perspektive. Nie habe ich an einen engeren nationalen Rahmen für unser Museum gedacht. Vielleicht hat das ja auch mit meiner Prägung durch die intensive Beschäftigung mit der österreichischen Geschichte zu tun. Ein in der Wolle gefärbter "Kleindeutscher" wäre der Bedeutung Bourbons und Habsburgs für die deutsche Geschichte möglicherweise weniger offen gegenübergestanden.

Die Habsburgische Staatsidee ist aber doch gescheitert . . .

Durch den unsinnigen Krieg von 1914 bis 18. Aber Ideen gehen ja nicht notwendigerweise mit dem Staatsgebilde unter. "K. und k." - das ist eine Art politisches Labor mit einer unglaublich aktuellen Aussagekraft. Von den Erfahrungen der Habsburger Monarchie könnte etwa die politische Diskussion über Migration, Identität und Leitkultur sehr profitieren. Dass ich mich heutzutage in Fragen der Nation, der Integration, der Migration und der Sprachprobleme so firm fühle, verdanke ich meiner Beschäftigung mit österreichischer Geschichte.

Haben Sie noch andere Akzente gesetzt?

Seit meiner Kindheit als Protestant im katholischen Bayern habe ich mich immer für die welt- und gesellschaftsverändernde Rolle der Reformation interessiert. Die Schlüsselrolle der Zeit um 1500 für die europäische Geschichte spiegelt sich in der Sammlung. Aber auch sonst ist Religion, als eine Haupttriebkraft unserer Vergangenheit, sehr präsent.

Glauben Sie an Gott - und wenn ja, greift der auch in die Geschichte ein?

Durch meine Familiengeschichte habe ich Bindungen sowohl zum Judentum wie zum Katholizismus und Protestantismus. Dass die Botschaft Jesu in ihrer Urgestalt - Gotteskindschaft, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit - nicht nur geschichtsmächtig war, sondern immer noch aktuell ist, davon bin ich überzeugt. Ich bin ein Geschichtsoptimist trotz aller tieftraurigen Argumente, die die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhundert geliefert hat. Für mich ist die Renaissance der Religion keine Überraschung.

Was hat einen so erfolgreichen Kulturmanager wie Sie in die Politik getrieben?

Die Chance, als Parteiloser in der deutschen Hauptstadt an verantwortlicher Stelle kulturpolitisch tätig zu sein, bietet sich nicht oft. Ich denke, als Kultursenator das Richtige getan zu haben, vor allem bei der Einbindung des Bundes in die Verantwortung für Berlin.

Aber Sie sind nicht parteilos geblieben, sondern der CDU beigetreten, haben sogar deren Landesvorsitz übernommen.

Ich bin Anfang 2001 in die Partei gegangen, weil ich als Senator beim Kampf um die Kulturfinanzierung Verbündete brauchte. Dass daraus echte Parteipolitik werden würde, ahnte ich damals nicht. Diese Zeit in den "Niederungen der Politik", wie Schöngeister zu sagen pflegen, war sehr lehrreich; ich habe die raue Wirklichkeit unserer Demokratie hinter den Kulissen kennen gelernt.

Würden Sie nach all Ihren Erfahrungen diesen Weg noch einmal gehen? Nein - und zwar deshalb, weil mein Bedürfnis nach echter Politik im Parteienalltag vollkommen zu kurz gekommen ist. In Parteien wird viel zu oft die Frage gestellt: "Wer wird was?" - und viel zu selten die Frage: "Was wird, was soll werden?" Das Karussell der Intrigen und innerparteilichen Machtkämpfe ist nicht meine Welt. In meinem Verständnis von Politik ist die Frage nach den Personen und Funktionen sekundär. Heute muss ich sagen: Manchmal gibt es nichts Unpolitischeres als eine politische Partei.

Haben Sie nur negative Erfahrungen mit Politikern gemacht?

Nein. Die eiserne Treue Helmut Kohls zum Museumsprojekt gehört zu meinen schönsten politischen Erfahrungen. Bei meiner Rede zur Gründung des DHM 1987 habe ich dem Bundeskanzler dafür gedankt, dass er uns Wissenschafter bei unserer Planungsarbeit in Ruhe gelassen hat. Über diesen Freimut hat er gelacht, und daraus ist eine gelassene Freundschaft geworden, die bis heute gehalten hat.

Christoph Stölzl , geboren 1944 in Westheim bei Augsburg, ist einer breiten Öffentlichkeit vor zehn Jahren bekannt geworden, als er von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums berufen wurde.

Der "stolze Franke" Stölzl stammt aus einer illustren Familie: sein Vater war Jurist, seine Mutter Tochter des Kritikers und Kabarettisten Hanns von Gumppenberg ("Elf Scharfrichter"), seine Tante Gunta Stölzl Meisterin für Weberei am Dessauer Bauhaus.

Christoph, das Multi-Talent, hat sich nicht nur als Gründer des umstrittensten Museums im Nachkriegs-Deutschland einen Namen gemacht, sondern auch als Fachhistoriker, Ausstellungsmacher, Feuilleton-Chef der "Welt", Politiker, TV-Moderator und seit Oktober 2006 auch als Mit-Geschäftsführer eines der renommiertesten Auktionshäuser Deutschlands.

Stölzl wurde im Jahr 2000 von Eberhard Diepgen, dem Regierenden Bürgermeister Berlins, zum Kultursenator der deutschen Hauptstadt berufen. Als Diepgen stürzte, stieg Stölzl in die Parteipolitik ein und wurde dessen Nachfolger als CDU-Vorsitzender in Berlin, trat aber nach einem Jahr schon zurück, weil er sich in den Seilschaften unter hemdsärmeligen Funktionären nicht wohl fühlte. Bis Oktober dieses Jahres war er Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses, dann folgte er dem Ruf der Kunst: Er leitet nun das Auktionshaus "Villa Grisebach", das sich auf die klassische Moderne spezialisiert hat.

Stölzl bezeichnet sich als "notorischen Freund Österreichs": Für seine lebenslange wissenschaftliche Zuwendung zur Geschichte und Kultur dieses Landes wurde ihm 2003 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen.

Das Gespräch mit dem 62-jährigen Polyhistor führte Markus Kauffmann, Deutschland-Korrespondent der "Wiener Zeitung", im Gebäude des Preußischen Landtags, heute Sitz des Abgeordnetenhauses von Berlin.