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Christoph Wagner-Trenkwitz

Von Christine Dobretsberger

Reflexionen

Christoph Wagner-Trenkwitz über seine Narrenfreiheit als TV-Kommentator beim Opernball, seine Liebe zur Musik, das Musical als Gesamtkunstwerk - und über die Erinnerungen an sein Vorbild Marcel Prawy.


"Wiener Zeitung": Herr Wagner-Trenkwitz, Sie werden am 7. Februar zum mittlerweile 13. Mal gemeinsam mit Karl Hohenlohe den Wiener Opernball live kommentieren.

"Ich habe bei Musik schon das Gefühl, Kontakt zu etwas Höherem oder besser gesagt, zu etwas Tieferem zu haben." Christoph Wagner-Trenkwitz
© Foto: Robert Wimmer

Christoph Wagner-Trenkwitz: Das verflixte 13. Opernballjahr! Aber ich bin nicht abergläubisch. Ich besitze auch eine schwarze Katze, die mir zu Hause ständig von links und von rechts über den Weg läuft und mir immer Glück bringt.

Laut ORF-Statistik hatte die Opernball-Liveübertragung im vergangenen Jahr nach Felix Baumgartners Stratos-Projekt und dem Fußball-EM-Finale mit rund 1,6 Millionen Zusehern die dritthöchsten Einschaltquoten.

Wieder nicht an erster Stelle!

Aber immerhin an dritter Stelle!Sagen wir so: Die enorme Einschaltquote lässt sich nicht auf mich alleine, auch nicht auf Karl Hohenlohe und mich zurückführen. Die Leute würden genauso aufdrehen, wenn Herr Baumgartner gemeinsam mit einem Fußballer kommentieren würde. Der Opernball ist einfach ein originelles Ereignis.

Live auf Sendung zu sein, wenn so viele Menschen zusehen, bedarf wohl einer ziemlichen guten Vorbereitung?

Die Vorbereitung ist etwas sehr Wichtiges. Das darf man nicht unterschätzen. Die Kommentare müssen im Moment locker kommen, aber unterhalb der spontanen Humorschicht muss doch auch ein Wissen über Fakten, Geschichte und Personen vorhanden sein.

Wie bereiten Sie sich konkret auf die Übertragung vor?

Es ist nicht so, dass ich mich zwölf Monate im Jahr mit dem Opernball befasse. Das würde mich nicht ausfüllen, um es vornehm zu formulieren. Ich stelle mir auch nicht das ganze Jahr über die Fragen: Wer ist prominent und welche neue Freundin hat der Herr XY . . . Aber ein paar Wochen vor dem Opernball werfe ich doch regelmäßig einen Blick in die Klatschspalten und schaue mir im Fernsehen solche Sendungen wie die "Seitenblicke" an - dazu zwinge ich mich dann. Und ab dem Zeitpunkt der Opernball-Pressekonferenz bekommen wir unglaublich viele Listen zugesandt.

Gästelisten?

Listen von Gästen, von Künstlern, von Debütanten, auch Listen von Abwesenden. Aber so ein Ball hat natürlich auch eine Struktur. Die wilde Zeit für Hohenlohe und mich ist der erste Teil der Übertragung, also die Eröffnung. Da sind wir eine Stunde durchgehend auf Sendung und sollen möglichst viele Fakten unterbringen, ohne gleichzeitig alles zuzutexten. Das wäre ja auch ein Unsinn, wenn wir die Bilder nicht auch ein bisschen wirken lassen würden.

Im Grunde ist es ja immer derselbe Ablauf, den man mit neuen Namen und neuen Inhalten und möglichst in den letzten drei Jahren nicht getätigten Pointen akustisch zu garnieren hat.

Kommen die Pointen tatsächlich so spontan wie sie klingen?

Die Pointen kommen zu 90 Prozent spontan. Wir vertrauen darauf, dass uns im Moment zu den doch sehr surrealistischen Bildern, die der Opernball bietet, etwas einfällt.

Mit anderen Worten: Sie genießen Narrenfreiheit?

Ja, es besteht keine Kontrolle oder Zensur. Da es sich um eine Live-Übertragung handelt, wäre dies auch gar nicht möglich. Gut, würden wir völlig ausrasten, könnte man uns den Ton abdrehen. Aber so kontroversiell sind wir dann auch wieder nicht.

Verbale Fauxpas oder Hoppalas anderer Art können im Rahmen einer Live-Sendung natürlich immer passieren . . .

Ich würde sagen, der Opernball besteht zu einem Drittel aus wandelnden Hoppalas, denen es aber selber nicht peinlich ist. Unsere Aufgabe ist es zu sagen: Schau, wie lustig! Eigentlich sind Hohenlohe und ich eine Art Lustverstärker für die Zuseherinnen und Zuseher, und so gesehen auch Hoppala-Verstärker.

Würden Sie den Opernball auch besuchen, wenn Sie nicht als Kommentator engagiert wären?

Das ist eine heikle Frage. Ich würde vielleicht auf den Opernball gehen, wenn mich jemand in eine Loge einlüde. Aber warum sollte das irgendjemand tun? Der Abend ist einfach ein so teurer Spaß, dass ich das - ohne Einladung in eine Loge - für mein Privatvergnügen nicht tun würde.

Viele prominente Namen kommen auch in Ihrem neuen Buch "Schwan drüber!" vor. Was veranlasste Sie, nun bereits zum zweiten Mal eine Anekdotensammlung zu veröffentlichen, die Einblick in die Welt der Oper gewährt?

Ich muss Ihnen etwas Schreckliches verraten: Es wird auf jeden Fall auch einen dritten Band geben! Ich habe zwar noch kaum Geschichten beisammen, dafür aber bereits einen Titel, den ich Sigrid Hauser zu verdanke habe. Am Tag der Buchpräsentation rief sie mich an und meinte, dass der Titel meines neuen Buches - "Noch mal Schwan gehabt" - so lustig wäre. Ich meinte, dass der Titel tatsächlich lustig ist, allerdings nicht der Titel meines aktuellen Buches ist. Aber der Titel "Noch mal Schwan gehabt" ist genial! Und bereits für meine nächste Anekdotensammlung reserviert.

Was hat es mit den titelpräsenten Schwänen auf sich?

Meine erste Anekdotensammlung bezieht sich auf die bekannte Slezak-Anekdote "Wann geht der nächste Schwan?" Und der Titel meines ersten Buches versteht sich ein bisschen als Antwort darauf: "Schon geht der nächste Schwan". Es sollte da also eine gewisse Kontinuität in den Schwanengesängen geben.

Im Vorwort von "Schwan drüber!" befassen Sie sich auch mit der Titelsuche, die sich diesmal offensichtlich nicht so einfach gestaltet hatte. Ursprünglich favorisierten Sie den Titel "Musik ist eine heilige Kuh".

"Musik ist eine Arbeit. Und in dieser Branche muss man sehr hart arbeiten": Christoph Wagner-Trenkwitz im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Robert Wimmer

Ja, das finde ich herrlich! Eine wunderbare Anlehnung an das Hofmannsthal-Zitat "Musik ist eine heilige Kunst."

Wie heilig ist Ihnen persönlich die Kunst, respektive die Musik?

Das muss man, glaube ich, in zwei Kategorien trennen. Ich bin eigentlich kein religiöser Mensch, aber ich habe bei Musik schon das Gefühl, Kontakt zu etwas Höherem oder besser gesagt, zu etwas Tieferem zu haben. Zu Tiefenschichten, die man im alltäglichen Leben leider - oder Gott sei Dank - nicht berührt oder bemerkt. Musik ist schon eine Brücke oder Mittlerin zu einer anderen Wahrheit. Ich bin mit einer Sängerin verheiratet und dank des Umstandes, dass sie hin und wieder in der Jesuitenkirche singt, besuche ich auch gelegentlich diese Messen. Und wenn beispielsweise die Krönungsmesse zu Gehör gebracht wird, gibt es schon Momente, in denen man das Gefühl hat, das ist jetzt etwas Heiliges. Das ist die eine Seite.

Und die andere?

Andererseits hat der Begriff "heilig" auch den Charakter von etwas Unberührbarem. Demzufolge hört man bisweilen Argumente, dass man um Gottes Willen Opern nicht neu inszenieren soll, weil es sich ja um etwas Heiliges handelt. Das ist natürlich Unsinn. Musik ist eine Arbeit. Und in dieser Branche muss man sehr hart arbeiten. Es ist nicht so, dass der Dirigent andächtig die Augen schließt und der liebe Gott diktiert ihm. Nein, er hat die Partitur, die ein Komponist geschrieben hat, sehr gut studiert.

Aber um nochmals auf das Hofmannsthal-Zitat zurückzukommen: Im Grunde sollte es immer in voller Länge wiedergegeben werden. Es lautet: "Musik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut." Und dies vermag Musik in jedem Fall! Sie kann uns helfen, unseren Mut zu versammeln, dass wir fröhliche, positive Menschen werden, dass wir aus unseren Alltagssorgen emporgehoben werden, dass wir unsere Augen und Ohren öffnen und wahrnehmen, wie spannend die Welt sein kann. Kunstwerke, und eben auch die Musik, können uns dabei behilflich sein.

Kann das Musiktheater Ihrer Ansicht nach etwas, das andere Kunstgattungen nicht vermögen?

Das glaube ich schon. Ein wirklich gut gemachtes Musiktheaterwerk inkludiert nämlich alles: Literatur, Musik, bildende Kunst, Licht, Tanz . . . Wagner prägte hierfür den Begriff des Gesamtkunstwerkes, wobei in Wagner-Opern ohnedies einiges fehlt. Tristan tanzt nicht und Isolde spricht keinen Dialog. Eigentlich ist Musical für mich das Gesamtkunstwerk.

Aufgrund der Forcierung tänzerischer Elemente?

Musical ist Theater, Gesang, ist dauernde Bewegung, die zum Tanz führt, dauerndes Sprechen, das zur Musik führt, und es gibt keinen Moment des Stillstandes. Ich stelle jetzt nicht "My Fair Lady" im künstlerischen Wert über die "Hochzeit des Figaro" oder "Parsifal" - sicherlich nicht! -, aber die Gesamtheit der Anforderungen, die an die Darsteller gestellt werden, sind sicherlich nicht leichter als bei Mozart- oder Wagner-Opern. Einem Wagnersänger wird eher nachgesehen, wenn er dick und unbeweglich auf der Bühne steht und seine Stimme gut projiziert. Beim Musical wäre das undenkbar.

So betrachtet, haben Sie nun in Ihrer Position als Chefdramaturg der Volksoper mehr Möglichkeiten als früher an der Staatsoper.

Deshalb macht mir die Arbeit an der Volksoper auch unheimlich viel Spaß! Aber ich möchte nicht abwägen. Auch die Jahre an der Staatsoper waren ungemein erfüllend. Gäste kamen und Gäste gingen, wie es in der "Walküre" heißt. Ständig hörte man Meisterwerke der Oper und war in Kontakt mit diesem wunderbaren Orchester. Die Staatsoper ist - mit Met und Scala - auf einem gesonderten Planenten und ein ausgesprochen internationales Haus.

Und die Volksoper ist eher ein wienerisches Haus?

Ein sehr wienerisches Haus! Und ich bin auch ein sehr wienerischer Mensch, also fühle ich mich dort sehr wohl. Natürlich spielen wir an der Volksoper auch Opern, aber eben auch Operetten, eine, wie ich finde, vernachlässigte und unterschätzte Kunstform. Wir haben auch die klassischen Musicals auf dem Spielplan, ebenso Ballett. Alle Künste sind irgendwie präsent und darüber hinaus gibt es eben auch diesen Stadttheater-Charme. Die Volksoper ist wirklich ein ausgesprochen wienerisches Theater im besten Sinne des Wortes.

Um nochmals auf Ihr neues Buch zurückzukommen: Eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Anekdoten dreht sich um Opernlegende Marcel Prawy. Wie wichtig war dieser Mann für Sie?

Marcel Prawy war sehr wichtig für mich. Als Zimmernachbar in der Staatsoper, wo wir sozusagen Büro an Büro wohnten, als Lehrer, als Inspiration, als Vorbild. Er war ein unkopierbares Original, auch ein Original, dem man nicht nachfolgen kann. Mit ihm ist ja auch, wenn auch auf Raten, ein Teil der Opernsendungen im Fernsehen gestorben.

In welcher Beziehung war Marcel Prawy ein Vorbild für Sie?

Man konnte unheimlich viel von ihm lernen, von seinen Erfahrungen und seinem über viele Jahrzehnte erworbenen Wissen. Aber auch in technischer Hinsicht. Er wusste ganz genau, wie man etwas vor einer Fernsehkamera präsentiert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich in meiner Arbeit für das Musical ein bisschen in der Prawy-Nachfolge bin.

"Der Opernball besteht zu einem Drittel aus wandelnden Hoppalas, denen es aber selber nicht peinlich ist." Christoph Wagner-Trenkwitz
© Foto: Robert Wimmer

Prawy hat ja 1956 mit "Kiss me Kate" das erste Musical an die Volksoper gebracht.

Er hat das damals gegen große Widerstände durchgesetzt und das Genre Musical wirklich als Erster nach Wien importiert. Mir ist, wie gesagt, gutes Musical auch ein großes Anliegen und Robert Meyer (Direktor der Volksoper, Anm.) lässt mich hier auch wirken. Aber das sind in Wahrheit alles Samen, die Prawy gestreut hat, und da gibt es viel weiterzuführen von dem, was er begonnen hat.

Abgesehen von seiner ungebremsten Opernleidenschaft war es durchaus im Bereich des Möglichen, Marcel Prawy auch bei einem Udo Jügens- oder Tina Turner-Konzert anzutreffen.

Ja, er hatte da eine große musikalische Bandbreite. Er war unheimlich altmodisch und modern zugleich. In jungen Jahren hörte er die neuen Werke, wie etwa Ernst Kreneks "Jonny spielt auf" oder "Arabella" von Richard Strauss. Auch sehr viele Operetten-Uraufführungen hat er sozusagen aus erster Hand live miterlebt. Mit diesem Reigen an Uraufführungen tun wir uns heute vergleichsweise viel schwerer. Monat für Monat neue Werke von Puccini, Strauss oder Gershwin auf den Spielplan zu setzen, ist klarerweise nicht mehr möglich. Natürlich gibt es interessantes Neues; jetzt hätte Marcel Prawy eingeworfen: Das Wort interessant ist überhaupt der Tod! Musiktheater muss toll sein, schön sein, spannend sein! Aus diesem Grund war er auch ein so umwerfender Präsentator, weil ihm persönlich die Oper das allergrößte Anliegen war. Er sagte immer: Wenn du nicht selber überzeugt und begeistert und erfüllt bist, von dem, was du erzählst, dann brauchst du es nicht zu machen.

Bei einigen Prawy-Anekdoten lassen Sie auch durchklingen, dass es in zwischenmenschlichen Belangen nicht immer einfach mit ihm war.

Man kann nicht behaupten, dass Prawy ein immer angenehmer oder einfacher Mensch war. Gerade in vorgerückten Jahren machte sich doch ein ausgeprägter Altersstarrsinn bemerkbar. Er hatte unverrückbare Meinungen und entwickelte auch eine enorm kritische Distanz zu allen Arten von Regie. Von ihm stammt ja auch der fürchterliche Ausspruch, dass "Regietheater das Aids der Oper" sei. So etwas kann man natürlich nicht sagen - und gerade in diesen Belangen war ich oft nicht einer Meinung mit ihm: Ich war stets neugierig auf neue Interpretationen. Im Vordergrund stand aber, dass man von Prawy ungemein viel lernen konnte.

Sie schreiben auch, dass Prawy es keinen Tag ohne Oper, Operette oder Musical ausgehalten hatte. Ergeht es Ihnen diesbezüglich ähnlich?

Prawy musste ständig irgendwo hinrennen. Das habe ich nicht. Im Grunde hatte er auf ein Privatleben völlig verzichtet und das ganze Leben seiner Opernleidenschaft gewidmet. So monomanisch kann und will ich die Liebe zum Musiktheater nicht betreiben. Aber ich bin ihm sehr zu Dank verpflichtet. Ich denke oft an ihn und er geht mir auch oft ab.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, lebt als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.

Zur Person<br style="font-weight: bold;" /> Christoph Wagner-Trenkwitz, geboren am 18. Juni 1962 in Wien, studierte Musikwissenschaft, Politikwissenschaft und Romanistik in Wien (Sponsion 1989). Daneben Arbeit beim ORF (Hörfunk) sowie als Schauspieler, Autor und Kabarettist (u. a. Kabarett Niedermeier, Graumanntheater, Theater beim Auersperg, Kabarett Simpl).
Von 1988 bis 92 Vorstandsmitglied/Generalsekretär der "Freunde der Wiener Staatsoper"; von 1993 bis 2001 Direktionsmitglied der Wiener Staatsoper.
1993-96: Pressechef der Wiener Staats- und Volksoper. 1996-2001: Chefdramaturg der Wiener Staatsoper. Seit 2003 Chef-Dramaturg und Direktionsmitglied der Volksoper Wien. Tätigkeitsbereich: Künstlerische Projekte, Planung, Soiréen, Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit
Seit 1989 Künstlergespräche und Interviews im Radio und Fernsehen; ab 1998 Einführungsmatineen an der Wiener Staatsoper.
Regelmäßige Radio-Sendungen auf Ö1 ("Apropos Klassik", "Ö1 bis 2", "Pasticcio").
Seit 2001 - gemeinsam mit Karl Hohenlohe - TV-Kommentator des Wiener Opernballs.
Vorstandsmitglied der Arnold Schönberg Center Privatstiftung, der Internationalen Richard Strauss Gesellschaft und der Internationalen Franz Lehár Gesellschaft.
Christoph Wagner-Trenkwitz ist verheiratet und Vater zweier Töchter.
Kürzlich ist im Wiener Amalthea-Verlag sein Buch "Schwan drüber! Neue Antiquitäten aus der Oper und dem wirklichen Leben" erschienen.