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Cineast statt Showman

Von Matthias Greuling

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Carlo Chatrian, seit 2012 künstlerischer Leiter der Filmschau in Locarno, soll Medienberichten zufolge der neue Chef der Berlinale werden und 2020 dem Langzeit-Boss Dieter Kosslick nachfolgen. Offiziell weiß von Berlinale-
Seite noch niemand von der Bestellung, weil diese erst am kommenden Freitag ausgesprochen wird. Der dreifache Familienvater aus Turin hat sich vor allem einen Namen als Filmpublizist gemacht. Seine enorme Kenntnis der weltweiten Filmkunstszene war einst ein gutes Argument für seine Bestellung nach Locarno. Das dortige Festival hat den Ruf, sich besonders künstlerischen Filmen zu widmen, die eher keine Chance auf eine Massenauswertung im Kino haben; ein hochwertiges Nischenprogramm also, das Chatrian behutsam weiterentwickelt hat, ganz in der Tradition der Filmschau im Tessin. Doch die Berlinale ist eine völlig andere Veranstaltung, und Chatrian sagte in einem "Zeit"-Interview, er könne sich selbst eher nicht an der Spitze ebendieser vorstellen. Dafür fehlten ihm die Showqualitäten, wie er betonte.

Das ist tatsächlich wahr: Während man Chatrian als ruhigen, besonnenen Festivalchef kennt, der gerne viel und lange über die Filme spricht, ist Kosslick ein Showman mit lockeren Sprüchen und Charme: Am frostigen roten Februar-Teppich der Berlinale war es oft sein Humor, der alle warm hielt. Das zu ersetzen und der Berlinale zugleich auch die nötige große Stardichte zu erhalten, wird keine leichte Aufgabe für den Cineasten Chatrian.