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Cockpit-Egoisten?

Von Michael Schmölzer

Politik

Essay: Die Lufthansa-Piloten kämpfen scheinbar unsolidarisch um ihren Anteil. Doch Top-Manager agieren, unkritisiert, ganz ähnlich.


Wien. Die Lufthansa-Piloten wollen im Tarifstreit nicht aufgeben, sie streiken erneut. Montag Mittag begann der Ausstand, rund die Hälfte aller geplanten Flüge fiel aus, laut Unternehmen sind 150.000 Fluggäste direkt betroffen, darunter zahlreiche Österreicher: Gestern fielen je drei Verbindungen mit Graz und Wien aus, heute, Dienstag, wird es laut Lufthansa-Homepage vier Verbindungen mit Graz und acht mit Wien nicht geben. Immerhin: Flüge der Lufthansa-Tochter Germanwings sowie der Konzerngesellschaften Swiss, AUA und Brussels Airlines sind von dem Streik nicht betroffen.

Grund für den auf 36 Stunden angesetzten Arbeitskampf ist vordergründig ein Streit um Frühpesionsregelungen für die rund 5400 Lufthansa-Piloten. Derzeit ist es so, dass Kapitäne im Alter von 55 der Fliegerei den Rücken kehren können und bis zum Eintritt ins gesetzliche Pensionsalter 60 Prozent des letzten Bruttogehalts beziehen. Angesichts eines Durchschnittslohns von 181.000 Euro nehmen sich diese Pensionen aus Sicht eines "Normalverdieners" fürstlich aus. In Wahrheit geht es aber darum, dass Lufthansa in großem Stil umgebaut werden soll. Der größte Luftverkehrskonzern Europas plant den Beschluss eines neuen Billigflieger-Konzepts, bei dem nicht mehr die teuren Lufthansa-Piloten am Steuerknüppel sitzen.

"Harter Wettbewerb"

Die Pilotengewerkschaft "Vereinigung Cockpit" (VC) und der Lufthansa-Konzern stehen einander unnachgiebig gegenüber: Die Arbeitgeber-Seite behauptet, dass die Ausweitung von Billigflugangeboten für den Konzern eine Frage von Leben oder Tod sei. Erstmals seit 1955 habe Lufthansa vier Jahre hintereinander kein Wachstum erzielen können, 2015 werde das so weitergehen, so Lufthansa. Man stehe international unter starkem Druck seitens der staatlich geförderten Mitbewerber aus der Golfregion und der Turkish Airlines. In Europa sei man ruinösen Preiskämpfen mit Billigfliegern wie Easyjet und Ryanair ausgesetzt. Schon aus diesen Gründen müssten die Piloten auf ihre Privilegien verzichten, ihren Teil an der Sanierung beizutragen, denn Wachstum im Passagiergeschäft werde es künftig nur noch geben, wenn die Kosten sinken.

Die Konzernleitung hat die öffentliche Meinung großteils auf ihrer Seite: Die Flugpassagiere, die zähneknirschend am Boden bleiben oder in den Zug umsteigen müssen, sind verärgert. Viele Deutsche sind zudem der Ansicht, dass Piloten ohnehin zu viel verdienen würden - entsprechende Artikel, etwa der "Bild"-Zeitung aber auch von Qualitätsmedien wie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", tragen dazu bei.

CDU/CSU kritisieren, dass eine Gewerkschaft, deren Mitglieder an Schaltstellen säßen, ihre Machtposition ausnütze um saftige Gehälter zu verteidigen - während andere Gruppen das Nachsehen hätten: die Piloten als unsolidarische Privilegienritter also. Diese sind aber der Ansicht, dass man durchaus ein Recht auf seinen Teil am Kuchen habe und deshalb nicht zu Gesellschaftsfeinden gestempelt werden dürfe. Immerhin hätten die Vorstände der 30 größten deutschen Unternehmen zwischen 2003 und 2012 ihre Bezüge verdoppelt, ohne dass das auf großen Widerspruch gestoßen wäre. Die Lufthansa schreibt außerdem Gewinne - 300 Millionen im vergangenen Jahr. Da scheint es ein wenig früh, von "notwendiger Sanierung" zu sprechen.

"Wer ist hier unsolidarisch?"

Der Journalist Jakob Augstein zieht im Zusammenhang mit den Lufthansa-Streiks folgendes, für Sozialdemokraten und Gewerkschafter gleichermaßen niederschmetterndes Fazit: "Wir wurden daran gewöhnt, dass man sich oben die Taschen füllt. Und wir sind so weit, dass wir eifersüchtig die Profite der Reichen beschützen", so Augstein im "Spiegel". Und weiter: "In der Öffentlichkeit ist der Klassenkampf (. . .) entschieden: Die Zeitungen schreiben, dass Streiks den Unternehmen schaden, und damit der Wirtschaft, und damit dem Land, und damit uns allen. Nicht der Profiteur ist unsolidarisch - sondern der Streikende."

Aber: Wenn Unternehmensprofite zum alleinigen Ziel erklärt werden, reagieren die Arbeitnehmer entsprechend und entwickeln neue Formen des Widerstandes. Im Fall Lufthansa ist das der Aufstieg der kleinen Gewerkschaft "Cockpit", die knallhart ihren Anteil erstreiten will und dabei Solidarität mit anderen Berufsgruppen - den Flugbegleitern etwa - über Bord wirft. Damit verhalten sich die deutschen Piloten so, wie man es von Managern und von der viel zitierten "Generation Y" erwartet: Ein Rudel pragmatischer Taktiker schließt sich zum Zweck des persönlichen Vorteils zu Interessens-Gemeinschaften zusammen.

Kein Streik zu Weihnachten

Die Lufthansa-Piloten wollen nicht nachgeben und stellen weitere Streiks in Aussicht. "Das Unternehmen sagt einfach, wir schließen keine neuen Tarifverträge mehr ab, damit wir die größtmögliche unternehmerische Freiheit haben", so Gewerkschaftssprecher Jörg Handwerg. Und außerdem falle die Frühpensionsregelung für Piloten, bei der Lufthansa "Übergangsversorgung" genannt, kaum ins Gewicht. Die Kosten lägen bei rund 0,1 Prozent der Gesamtkosten, "das ist nichts, woran die Firma Pleite gehen wird", sagt Handwerg. Für Lufthansa-Kunden hat er übrigens eine gute Nachricht parat: "Zu Weihnachten werden wir nicht streiken."