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Comeback der Stammzellen

Von WZ-Korrespondent John Dyer

Wissen

Forschung an Stammzellen in den USA wieder gefördert. | Konservative sind bestürzt. | Boston. Es ist eine radikale Kehrtwende zu den vorangegangenen acht Jahren: Knapp elf Monate nach Amtsantritt hat US-Präsident Barack Obama am Mittwoch grünes Licht für die mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung an embryonalen Stammzellen gegeben. Obamas Vorgänger George W. Bush hatte mit Rücksicht auf die konservativen christlichen Gruppen im Land die öffentlich finanzierte Stammzellenforschung als ethisch nicht vertretbar abgelehnt und verboten.


Konkret billigte das Nationale Gesundheitsinstitut NIH die Freigabe von öffentlichen Geldern für die Forschung an elf Stammzellen-Linien, die in der Kinderklinik von Boston produziert worden waren und zwei Stammzellen-Linien der Rockefeller Universität in New York. "Das ist ein echter Wandel in der Forschungslandschaft", sagte NIH-Direktor Francis Collins, ein evangelischer Christ, der mit seiner Religionsgemeinschaft gebrochen hat, weil er im Gegensatz zu dieser für zusätzliche Forschungen an Stammzellen ist.

Stammzellen sind das neue Schlachtfeld im so genannten amerikanischen Kulturkrieg, in dem sich Linksliberale und Konservative um den Kurs der amerikanischen Gesellschaftspolitik streiten. Strittige Themen sind und waren die Abtreibung, die Homosexuellen-Ehe, das Recht auf Waffenbesitz und jetzt die Stammzellenforschung. Liberale Gruppen begrüßten dementsprechend die Entscheidung Obamas. "Wir sind entzückt", sagte Susan Solomon von der New Yorker Stammzellen-Stiftung. "Das Ziel ist es, die auf dem Rücken gebundenen Händen der Wissenschafter wieder frei zu bekommen. Wir bewegen uns in die richtige Richtung."

Produktion nicht erlaubt

Die amerikanische katholische Bischofskonferenz bedauerte hingegen die Entscheidung der Regierung. "Ethisch betrachtet glauben wir nicht, dass irgendein Steuerzahler dafür zu bezahlen hat, dass frühes menschliches Leben zu irgend einem Zeitpunkt zerstört wird", sagte Sprecher Richard Doerflinger. "Besonders tragisch ist, dass niemand sagen kann, welche Probleme wirklich allein durch diese Art Zellen gelöst werden können."

Da Stammzellen sich in die verschiedensten Arten menschlichen Gewebes verwandeln können, versprechen sich viele Mediziner von ihnen einen Durchbruch bei Krankheiten wie Parkinson oder bei Lähmungen. Auch könnte es einmal möglich werden, mit Stammzellen jene geschädigten Zellen zu ersetzen, die zu Diabetes führen.

Zur Herstellung von Stammzellen müssen allerdings Embryos zerstört werden, was von vielen konservativen Amerikanern abgelehnt wird, wie auch jede Abtreibung, bei der solche Zellen anfallen. Aus Sicht konservativer Christen kommt das einem Mord gleich. Präsident Bush hatte sich auf die Seite der Konservativen gestellt und die Beteiligung von Bundeseinrichtungen an der Stammzellenforschung strikt verboten. Während einige Kliniken und Forschungseinrichtungen ihre Arbeiten daran fortführten, wurden die meisten Laboratorien dadurch gestoppt.

In extremen Fällen mussten die Forscher ihre Arbeit, die sie in einem öffentlichen Labor begonnen hatten, in einem anderen Raum mit privat finanzierten Mikroskopen fortsetzen, wenn sie mit Stammzellen hantierten. Manchmal wurde sogar der Datenaustausch zwischen Forschern durch die Richtlinien unterbunden. "Sie können sich vorstellen, was es bedeutete, dass man nicht eine einfache Pipette von einem Raum zum anderen tragen konnte", sagt der Wissenschafter Ali Brivanlou von der Rockefeller Universität.

Angesichts des Streits um die Stammzellen hat die NIH strenge Richtlinien für die neuen Forschungsmöglichkeiten erlassen. Auch wenn diese eingehalten werden, darf mit Geldern der Bundesregierung nur Forschung finanziert werden, nicht aber die Produktion von Stammzellen.