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Comeback für Tasmanischen Tiger?

Von Andrea Hopkins

Wissen

Einen Tasmanischen Tiger verspricht das Schild an einem Gehege im Wildpark Bonorong im südaustralischen Inselstaat Tasmanien. Doch der gestreifte australische Beutelwolf lässt sich nicht blicken. Kein Wunder, starb doch das letzte bekannte Tier der Spezies Thylacinus cynocephalus 1936 in Gefangenschaft. Nun glaubt ein Team australischer Biologen, die seit 70 Jahren als unwiderruflich geltende Ausrottung des Tieres vielleicht rückgängig machen zu können.


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Es existiert gut erhaltene DNA, die das Erbgut des Tasmanischen Tigers trägt, und die Biologen wollen den sagenumwobenen Fleischfresser nun klonen. Die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Tigers lagert seit 1866 in einem Exponatenglas in der naturwissenschaftlichen Sammlung des Australischen Museums.

In dem Glas sitzt, konserviert in Alkohol, ein sechs Monate alter Welpe. Museumsdirektor Mike Archer sagt, er habe schon vor 15 Jahren gewusst, dass der Schlüssel zur Wiedergeburt des Tigers in diesem Glas lagere. Aber erst mit dem Klonen des Schafes Dolly 1997 in Schottland sei die Verwirklichung seines Traumes technisch möglich geworden. "Seitdem ging es nicht mehr darum, ob es machbar wäre, sondern wann es so weit sein würde", sagt Archer.

Im April dieses Jahres wurden dem Welpen Gewebeproben aus Herz, Leber, Muskeln und Knochenmark entnommen. Dann machte sich eine kleine Gruppe von Molekularbiologen aus Sydney daran, den genetischen Code zu entziffern. Sobald mögliche Schäden an der DNA behoben sind, soll die Erbinformation in das Ei eines nahen Verwandten des Welpen eingepflanzt werden. In Frage kommen ein Tasmanischer Teufel oder ein Ameisenbeutler, die wie der Tasmanische Tiger Beuteltiere sind.

Obwohl es bereits eine Reihe ähnlicher Klon-Projekte zur Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten gegeben hat, ist das Projekt des Australischen Museums herausragend: Die DNA-Qualität des Ausgangs-Exemplars ist ungewöhnlich gut erhalten. Doch ist nach Archers Einschätzung ein langer Weg zurückzulegen. Das Klonen könne noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern. Experten bewerten die Erfolgschancen des Projektes mit 50 Prozent.

Fast alles, was über den Thylacinus cynocephalus überliefert ist, weiß man aus Mythen oder durch Museums-Exponate. Diese hatten Zoologen in den dreißiger Jahren intensiv gesammelt, als das Aussterben der Tierart absehbar war. So gibt es unter vielen anderen ein ein ausgestopftes Exemplar im Naturhistorischen Museum in Wien. Darüber hinaus existieren zahlreiche Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom Tasmanischen Tiger.

Die Bilder zeigen einen großes, hundeähnliches Beuteltier mit hellem, am Hinterteil schwarz gestreiftem Fell. Wie der Tasmanische Teufel und das entfernt verwandte Känguru trug der Tasmanische Tiger seine Jungen in einem Beutel. Und wie das Känguru hatte er einen starken, steifen Schwanz.

Tasmanische Tiger wurden von weißen Siedlern nur auf der Insel Tasmanien vor der australischen Südostküste gesichtet. Ursprünglich waren die Raubtiere auch auf dem australischen Festland und auf der Insel Neu-Guinea verbreitet. Dort wurden sie aber von wilden Hunden ausgerottet, die der Mensch vor ungefähr 6.000 Jahren eingeführt hatte. Auf Tasmanien erklärten die britischen Siedler den Tiger bald zum Erzfeind, weil er Schafe und andere Zuchttiere riss. Nachdem 1888 eine Belohnung auf den Fang Tasmanischer Tiger ausgesetzt worden war, geriet das Fallenstellen zum lukrativen Geschäft.

In der Fantasie vieler Menschen lebt das mysteriöse Tier weiter: Immer wieder tauchen angebliche Augenzeugenberichte und verschwommene Fotos auf, die die Debatte anfachen, ob das Tier nicht möglicherweise 70 Jahre lang, vom Menschen unbemerkt, in der unberührten Wildnis hat überleben können. Sogar auf dem australischen Festland wollen Menschen den Tasmanischen Tiger gesichtet haben.

Dass dort der Tasmanische Tiger wieder lebt, könnt dank des Klon-Projekts Wirklichkeit werden. Jedoch hat das Projekt eine heftige ethische Debatte. Vor dem Australischen Museum patrouillerten Streikposten, und religiöse Gruppen warfen Archer und den Biologen vor, Gott spielen zu wollen. Archer konterte daraufhin: "Meine Antwort ist, dass Menschen Gott spielten, als sie das Tier ausrotteten."