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"Cool Britannia" ist nicht mehr

Von WZ-Korrespondent Robert Rotifer

Politik

Der Autor lebt seit Jahren als Musiker und Journalist in England und sieht seine Pop-Insel im Sinken begriffen.


© Peter M. Hoffmann

London/Canterbury. Es war die tote Zeit zwischen Soundcheck und Konzert, mein Bandkollege Darren und ich saßen im Pub, aßen Crisps (also das, was in deutschsprachigen Ländern verwirrenderweise "Chips" heißt) und redeten über die Übel der Welt. Die Auswahl war groß.

"Brexit Crisps", sagte ich, zeigte auf die Packung vor uns auf dem Tisch, und Darren wusste, was gemeint war.

"Oh, for fuck’s sake", sagte er.

Die Chips-Packung der Firma Corker’s ist eine von einem Grafiker knapp vor der Mittagspause zusammengeschusterte groteske Ansammlung schematischer Darstellungen britischer Klischees: Teekanne, Telefonzelle, Noel-Gallagher-Union-Jack-Gitarre, Cricket-Schläger, Mini und Melone. Auf der Rückseite ein Foto der zwei Firmengründer im Smoking mit Gummistiefeln, an einer Telefonzelle lehnend, Chips essend. Dazu der Slogan: "British Good Taste."

Vor zwanzig Jahren, als ich in dieses Land zog, wäre dergleichen vielleicht noch als ironisch durchgegangen. Das typisch britische Spiel mit der eigenen Nationalität, gedämpft durch ein selbstkritisches Augenzwinkern.

Brit-Kitsch nicht mehr harmlos

Nach dem Brexit-Votum sehen diese gewohnten Versatzstücke des Brit-Kitsches mit einem Mal nicht mehr ganz so harmlos aus. Seien es diverse Abwandlungen der kriegsnostalgischen "Keep Calm & Carry On"-Slogans auf unzähligen Touristen-Artikeln oder das Bier der Marke "Spitfire" mit dem Slogan "The Bottle of Britain" (eine doppelte Anspielung, einerseits auf die Battle of Britain, andererseits auf "bottle" als umgangssprachlicher Ausdruck für Mut), all das riecht neuerdings einigermaßen streng.

Es mieft nach schiefen Blicken auf Leute, die in fremden Sprachen reden, und dem arroganten Mantra der Brexit-Fraktion, dass die da drüben am Kontinent "uns mehr brauchen als wir sie".

Aber die Sorge ist nicht bloß, dass die Teewärmer und die T-Shirts in den Touri-Shops meiner Wahlheimat zu Ladenhütern werden können. Auf dem Spiel steht hier vielmehr einer der universellen Codes aus 50 Jahren Popkultur. Die Zerstörung des Stellenwerts Britanniens als globale Heimat des Pop wiegt gefühltermaßen noch weit schwerer als seine Rückkehr in eine vergessen geglaubte Welt der Zoll-Deklarationen und Arbeitsbewilligungen.

"Ich fürchte, dass der Union Jack in Zukunft nicht mehr als dieses unglaubliche Emblem der popkulturellen Befreiung angesehen werden wird", schäumte neulich mein Freund, der Bassist, DJ und Produzent Andy Lewis, "sondern als ein furchtbares, unterdrückerisches Symbol, so wie die Südstaatenfahne oder das Hakenkreuz. Etwas, das künftige Generationen von Punks in 50 Jahren als ironischen Kommentar über die Verkommenheit der

Gesellschaft verwenden werden."

Andy ist ein Veteran des Mod-Revivals der Achtzigerjahre und der späteren Britpop-Szene, er spielte in Bands wie Pimlico und Spearmint, später dann auch in Paul Wellers Live-Band, und gehört zur Clique rund um das Label Acid-Jazz-Records. Mitte der Neunziger übersetzte er als Mitbegründer des einflussreichen Londoner Clubs Blow Up den Geist der Sixties in die sogenannte Cool Britannia des anbrechenden, optimistischen Zeitalters einer neuen Labour-Regierung. Vor einem Vierteljahrhundert, in der Durchbruchsphase des Britpop, mischte er als Anheizer bei den Konzerten von Blur alte und aktuelle Platten zu seiner persönlichen Pop-Utopie zusammen. Dabei hatte er schon immer ein exotisches Faible für vergessene kontinentale Klassiker: holländische Bands wie Earth & Fire oder dänische wie Gangway, und dazwischen vielleicht Rare Grooves von Hildegard Knef ("Ferienzeit" zum Beispiel).

Andy ist so alt wie ich (47), er wuchs nicht in Wien, sondern in Watford auf, und doch eint uns eine Geschichte, die einmal wesentlich stärker war als unsere geografische Distanz. Als wir einander vor ein paar Jahren kennenlernten, brauchten wir uns das nicht zu erklären, es verstand sich von selbst. Die Sprache des Pop, wie sie vor fünf Jahrzehnten in Großbritannien geprägt wurde, hatte paradoxerweise immer eine britisch nationale Note. Sie hatte ihre ambivalenten Ursprünge Mitte der Sechziger, als ein 19-jähriger Pete Townshend seine Gitarre durch den über den Lautsprecher seines Verstärkerturms drapierten Union Jack rammte. Eine damals durchaus kontroverse Schändung, so wie auch die Idee, sich aus dem geheiligten Banner ein Sakko zu schneidern zu lassen. Townshend trug dieses schockierende Kleidungsstück 1966 bei einer Fotosession für die Beilage der Sonntagszeitung "The Observer". "Der Union-Jack-Hintergrund und das Jackett repräsentieren sowohl die punkige Subversion eines nationalen Symbols als auch ein ernsthaftes Statement über die Umdeutung eines muffigen, statischen, von Klassengegensätzen durchsetzten Landes als das internationale Zentrum einer synästhetischen Jugendkultur", schrieb der Kulturhistoriker und Pop-Journalist Jon Savage 2011 in einem Artikel zum 50. Jubiläum der wegweisenden Farbbeilage, "Das Foto sagt alles: Dies ist die Insel Pop."

© Peter M. Hoffmann

Und genau solche Sakkos - man kann sie heutzutage in billigen Mod-Zubehör-Shops kaufen - trugen heuer zwei Frauen im besten Alter bei einer Konferenz der schottischen Konservativen in Glasgow zur Feier des bevorstehenden Brexit, gänzlich ohne Ironie.

Was in der Zwischenzeit passierte, bedarf nachträglich einer kritischen Betrachtung. Im Juli 2016 wagte Bob Stanley, Musiker (als Teil der Band Saint Etienne) und Autor der Popgeschichte "Yeah Yeah Yeah - The Story of Modern Pop" eine erste These, deren deutsche Übersetzung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien: "Es liegt nah, jetzt beim Gedanken an die Neunzigerjahre nostalgisch zu werden, oder beim Gedanken daran, wie die europäische Integration das Lebensgefühl der britischen Popmusik verändert hat, besonders im Genre der Dance Music. (...) Die angloamerikanische Dominanz der populären Musik war an ihr Ende gekommen. In dem Moment aber, als dieser neue, grenzüberschreitende Spirit des Internationalismus immer mächtiger wurde, kam dem Fortschritt der aufgeblasene Sound des sogenannten Britpop in die Quere." Stanley ortet in der damaligen Euphorie die Selbsttäuschung, "die beste Popmusik der Welt käme also immer noch aus Großbritannien und sei immer noch das Maß aller Dinge".

Ähnlich wie einst der Punk als asoziale Gegenthese zum als Heuchelei entlarvten Gemeinschaftsgeist der Hippies unbeabsichtigt die Vorhut zum aggressiv individualistischen Thatcherismus gab, erscheint Britpop in Stanleys Darstellung als ein kultureller Probegalopp der Brexit-Ära.

Als einer, der zu jener Zeit, angestachelt vom Aufblühen der dortigen Gitarren-Pop-Szene, selbst nach London zog, teile ich Stanleys Erinnerung. Eine merkliche, zunächst als Aufbäumen gegen die US-amerikanische Kultur-Hegemonie getarnte, chauvinistische Tendenz zog sich durch die Interviews, die ich damals als junger Radio-Reporter mit intelligenten Musikern der Zeit wie Damon Albarn oder Jarvis Cocker führte.

Little Britain vs. Eurotrash

Parallel dazu bürgerte sich die Vorsilbe "Brit" als Kürzel für "jung und frisch" in allen Genres ein. Die Kunst hatte ihre "Brit Art", die Literatur ihre "Brit Lit", der Film seine "Brit Flicks". Die Protagonisten dieser Szenen, von Sarah Lucas und Irvine Welsh bis Danny Boyle, waren allesamt progressive Geister, aber in der medialen Aufbereitung ihres Schaffens klang eine zunächst noch spielerische Arroganz gegenüber dem Rest der Welt durch. Von 1993 bis 1997 zeigte der Fernsehsender Channel Four eine erfolgreiche Serie namens "Eurotrash", die sich ganz der humorigen Verarschung peinlicher bis perverser Figuren aus dem kontinentalen Kabelfernsehen widmete. In den Nullerjahren dann thematisierte die Comedy-Serie "Little Britain" den zu jener Zeit bereits merklich erhärteten neuen nationalen Kleingeist. "Britain, Britain, Britain. Land technologischer Errungenschaften", tönte das die Brexit-Propaganda der Leave-Kampagne 2016 spukhaft vorausahnende Voiceover der Titelsequenz, "Wir haben seit über zehn Jahren Fließwasser, einen U-Bahn-Tunnel, der uns mit Peru verbindet, und wir haben die Katze erfunden. Aber keine dieser Innovationen wäre möglich gewesen, wäre da nicht das Volk Britanniens, und es sind diese Menschen, auf die wir heute blicken: Let’s do it!"

Doch bei aller Selbstironie war einer der Tabu-Brüche von "Little Britain" auch die Einführung einer nymphomanischen osteuropäischen Einwanderin als moderne Lachfigur im Zeitalter der EU-Osterweitung. Angesichts der täglichen fremdenfeindlichen Aggression, mit der Osteuropäer seit dem Brexit-Referendum in Britannien leben, wirken diese Sketches rückblickend nicht mehr ganz so amüsant.

"Ein Trump müsste her!"

An der Wurzel jedes nationalistischen Fiebers steckt immer ein Minderwertigkeitsgefühl, und die Schmach eines ehemaligen Weltreichs, von der Geschichte zu einer von vielen europäischen Nationen degradiert zu werden, trifft sich in Brexit-Britannien mit der bitteren Erfahrung des Ausverkaufs der britischen Industrie an ausländische Asset Stripper - alles ferngesteuert von einem Oberdämonen namens Brüssel.

Vor ein paar Wochen beschuldigte ein Kolumnist meiner örtlichen Lokalzeitung die europäischen Einwanderer gar, das Stadtbild von Canterbury mit "Pockennarben" in Gestalt von Kaffeehäusern und ethnischen Restaurants zu übersäen. Da kann man als Ausländer nicht gewinnen.

Man wird den Verdacht nicht los, dass unterhalb der unablässigen Brexit-Manie etwas anderes lauert. Es ist gerade die verdrängte Aussicht auf die bevorstehende, ultimative Demütigung Britanniens in den kommenden EU-Austrittsverhandlungen, die die nationale Ader erst so richtig zum Schwellen bringt. Der zunehmende Verdacht, dass man sich selbst betrügen könnte, macht Brexiteers rasend. Ganz zu schweigen von der langsam durchsickernden Erkenntnis, dass zu alledem auch noch die pro-europäischen Provinzen Schottland und Nordirland wegbrechen könnten.

Neulich verließ ich die liberale Blase meines Umfelds, als ich meinem Auto beim örtlichen Reifenhändler Sommerreifen aufstecken ließ. "Jetzt, wo das Pfund einen Scheißdreck wert ist", sagte der lokale Oldtimer-Sammler, könne er sich gar keine Autos mehr kaufen. "Ich glaub ja nicht, dass wir da so toll rauskommen, wie die sagen", meinte der Reifenhändler. "Na sicher nicht", bestätigte der Oldtimer-Sammler, "das wird noch eine Sauwirtschaft." "Ein Trump müsste her", meinte der Reifenhändler.

Dann lachten sie beide, nicht sicher, ob’s ein Scherz war oder nicht.

Aber auch abseits von großen Gefühlen und kleinen Ärgernissen über den Wechselkurs wirft der Brexit in der realen Welt ökonomischer Zusammenhänge bereits düstere Schatten voraus.

Blicke auf den Rest Europas

Um diesbezüglich wieder auf den Pop-Standort Großbritannien zurückzukommen: Vor zwei Wochen schaute ich im hippen Londoner East End im Büro der Konzertagentur Pitch & Smith vorbei, von wo aus die Tourneen so unterschiedlicher Acts wie Sinkane, Caribou, José Gonzalez oder Gang of Four gebucht werden. Stefan Juhlin, der schwedische Chef der Firma, hat sein Büro erst vor zwei Jahren aus Stockholm nach London verlegt, aber er plant offenbar bereits wieder den Absprung. "Das UK ist immer noch das Zentrum der Musikindustrie", sagt er, "aber es wird weniger und weniger wichtig. Viele Künstler, Manager und Labels blicken jetzt mehr auf den Rest Europas. Abgesehen vom schwachen Währungskurs wissen wir nicht, wie sich die Administration und die Versandkosten durch den Brexit ändern werden. Alle warten noch zu, aber sie bereiten sich schon vor und suchen bereits neue Partner."

Das Unvorstellbare ist anzudenken, auch London hat eben kein immerwährendes Anrecht auf einen Status als Pop-Metropole, und vielleicht steht der Brexit ja auch bloß am Ende einer langen Talfahrt in Richtung dieser finalen Einsicht. Im Büro von Pitch & Smith schlägt das Pendel der Arroganz indessen bereits in die andere Richtung aus. "Aus meiner Sicht ist die Sache mit Brexit recht amüsant", behauptet Stefan Juhlin mit einem süffisanten Lächeln, "Wenn wir gehen müssen, ist es für uns nicht das Ende der Welt. Irgendwie wünscht man sich ja fast, dass es so schlecht wie möglich ausgeht. Weil es einfach so eine dumme Entscheidung ist."