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Corona-Langzeitfolgen: Genesen, aber lange noch nicht gesund

Von Eva Stanzl

Wissen
Eine Corona-Erkrankung kann erhebliche Spätfolgen haben. Noch Monate später kämpfen viele Patienten mit gesundheitlichen Problemen.
© Carolina Heza / Unsplash.

Zahlreiche ehemalige Covid-19-Patienten, die als geheilt gelten, fühlen sich monatelang abgeschlagen, krankheitsanfällig und weniger leistungsfähig als vor ihrer Infektion. Warum?


Früher fühlte sich Tanja B. fit und gesund. Sie ging gerne spazieren, betrieb Sport und hatte einen gesegneten Schlaf. Doch dieses Leben ist fort. Seit dem Frühjahr ist die 35-Jährige eine andere. "Eigentlich habe ich fast jede Woche irgendetwas", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Tagelang Kopfweh. Immer wieder verkühlt. Rückenschmerzen. Magen-Darm-Beschwerden. Dermatologische Probleme. Erschöpfungszustände nach nur zwei Kilometer zu Fuß. Konzentrationsschwierigkeiten und immer wieder Halsschmerzen und Husten.

Bereits Anfang März, kurz vor dem Lockdown in Österreich, bekam B. plötzlich starke Hals-, Ohren- und Gliederschmerzen. "Allerdings identifizierte ich die Symptome nicht als Covid-19. Ich ging zur Ärztin, die mich untersuchte und wegen eines grippalen Infekts krankschrieb", erzählt die Angestellte. Etwa eine Woche später erfuhr B., dass sie Kontakt mit einer Person hatte, die positiv getestet worden war, und rief vorsichtshalber die Corona-Gesundheitshotline an. Kurz darauf wurde sie getestet, musste aber wochenlang auf das das Ergebnis warten. Dieses lautete aber doch: Covid-19-positiv.

"Als hätte jemand mein Leben gestohlen"

Freilich gilt B. heute als geheilt. "Wohlgefühlt habe ich mich aber den ganzen Sommer nicht", betont sie. "Ich kann viel weniger machen. Manchmal kann ich schon nach einem Einkauf im Supermarkt kaum mehr stehen. Am Wochenende habe ich ein kleines Regal gestrichen - nachher musste ich mich für den Rest des Nachmittags hinlegen. Außerdem kann ich mich manchmal schwer konzentrieren, als wäre der Kopf vernebelt", berichtet sie: "Es ist, als hätte mir jemand mein Leben gestohlen und ein anderes, weniger belastbares, schwächeres an dessen Stelle gesetzt."

Etwa 80 Prozent der Erkrankten überstehen eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 offenbar unbeschadet. Andere sind selbst nach leichtem Verlauf wochenlang nicht bei Kräften. Sie berichten über Dauerfolgen, die den Alltag zu einer nie da gewesenen Herausforderung machen. Marathonläuferinnen können nicht mehr um den Häuserblock spazieren, ohne außer Atem zu kommen. Manager in der Lebensmitte können ihrem Job nur noch eingeschränkt nachgehen, weil sie für mehr zu müde sind. Einige klagen sogar über Herzbeschwerden.

Noch ist der Genesungsweg nach Covid-19 wenig erforscht. In der ersten Phase der Pandemie fehlten Erfahrung und Testpersonen. Zahlreiche Infizierte überstanden die Krankheit zudem in Isolation, wodurch viele Spielvarianten der Symptome zunächst unbemerkt blieben.

Erschöpft nach Covid: Der Genesungsweg ist wenig erforscht.
© stock.adobe.com/contrastwerkstatt

Die Plattform "Body Politic" hat Berichte über Langzeitfolgen von Covid-19 gesammelt und veröffentlicht. Die Gründerinnen Sabrina Bleich und Fiona Lowenstein hatten sich bereits im März infiziert und während des Lockdown eine Selbsthilfegruppe gestartet. Von den 640 Personen, die sich gemeldet haben, berichten 91 Prozent, 40 Tage nach der Ansteckung immer noch krank gewesen zu sein. Der genesene Rest will im Durchschnitt 27 Tage an den Symptomen laboriert haben.

Wissen über Langzeitfolgen als Lernprozess

Das britische King’s College in London hat die Daten und Angaben von 8065 positiv auf Covid-19 getesteten Personen in Zahlen gefasst. 857 oder fast jeder Zehnte gab an, sich 30 Tage nach überstandener Infektion immer noch nicht gesund zu fühlen. 47 Prozent litten unter allgemeiner Müdigkeit, 32 Prozent unter Kopfschmerzen, 25 Prozent unter Geruchsverlust, 24 Prozent unter Atemproblemen, 18 Prozent unter Schwindelgefühl oder Benommenheit und 11 Prozent unter Durchfall und 8 Prozent unter Hautausschlägen. Das berichtet das Team in "Nature Medicine".

"35 Prozent der ambulant behandelten Covid-Patienten und 87 Prozent der Hospitalisierten berichten über die Persistenz von Fatigue, Kurzatmigkeit und neuropsychologischen Symptomen", bestätigt Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde des Universitätsklinikum Linz. Doch sind die Symptome tatsächlich auf die ursprüngliche Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zurückzuführen oder einer erhöhten Anfälligkeit nach einer schweren Infektion geschuldet? "Diese Frage lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten", betont Lamprecht.

Erkenntnisse über das (heute verschwundene) Coronavirus, das 2002/2003 das in einem Drittel der Fälle tödlich verlaufende Schwere Akute Respiratorische Syndrom Sars-1 hervorrief, geben Hinweise. Einige Patienten gaben an, Monate und sogar Jahre nach der Infektion noch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. "60 Prozent von 117 Befragten berichteten in einer Studie aus Toronto, dass sie ein Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus immer noch an Fatigue litten", erklärt Lamprecht, der diese Ergebnisse derzeit in Linz im Bezug auf Covid-19 untersucht.

Der Weg zur Genesung ist mitunter langwierig.
© Unsplash

Der US-Schlafforscher Harvey Moldofsky identifizierte überdies im Gespräch mit von Sars Genesenen, die selbst nach einem Rehabilitationsprogramm nicht wieder arbeiten konnten, Symptome wie anhaltenden Fatigue, diffuse Muskelschmerzen, Schwäche, Depressionen und nicht erholsamen Schlaf. Die Beschwerden fasste er unter dem Namen "chronisches Post-Sars-Syndrom" zusammen. "Für eine solche Diagnose ist es in den meisten Fällen bei Covid-19 jetzt noch zu früh", betont Lamprecht. "Dafür müssten die Symptome mindestens sechs Monate anhalten. Aktuell kann man daher wohl nur von postinfektiöser Fatigue sprechen."

Hoffnung machen Ergebnisse einer Langzeitstudie an Corona-Patienten, die in Intensivstationen behandelt wurden. Ein Team der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin II hat bei 86 Betroffenen festgestellt, dass ein Großteil von durch die Krankheit ausgelösten Veränderungen an der Lungenstruktur reversibel ist. Die Probanden waren zumeist übergewichtig, vormals Raucher und oder hatten kardiovaskuläre Vorerkrankungen. "55 Prozent zeigten sechs Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus anhaltende körperliche Beeinträchtigungen", erläutert Studienleiterin Judith Löffler-Ragg: "Drei Monte später konnten jedoch bei mehr als der Hälfte deutliche Besserungen nicht nur in den Befunden der Lunge, sondern auch in der Lebensqualität festgestellt werden." Ähnlich wie nach einer schweren Lungenentzündung würden sich die Strukturen des Atmungsorgans wieder erholen, betont die Expertin: Dauerhafte Schäden seien bei umfassender Nachsorge unwahrscheinlich.

Diffus scheint die Zukunft von Covid-Patienten nach leichtem Verlauf mit den genannten Langzeit-Beschwerden. Sie könnten sich vorerst nur über Nachkontrollen der Lungenfunktion, der Entzündungswerte und der Sauerstoff-Sättigungswerte im Blut über ihren Zustand informieren, räumt Lamprecht ein. "Ob die Abgeschlagenheit, wie wir sie ja auch nach einer schweren Grippe erleben, bei Covid überdurchschnittlich ausgeprägt ist, muss wissenschaftlich noch überprüft werden", betont Löffler-Ragg.

"Covid wirbelt Immunsystem total durcheinander"

Eine logische Erklärung bietet die deutsche Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Den Anstoß dazu gaben Patienten, die den Einruck hatten, das schleppt sich dahin", berichtet Falk. Sie und ihr Team untersuchen das Immunsystem dieser Menschen. In einem Nachsorgeprogramm dokumentieren die ehemaligen Patienten, wie sich ihr Gesundheitszustand entwickelt. Erste Erkenntnis: "Covid-19 wirbelt das Immunsystem total durcheinander." Konkret liege die Zahl der weißen Blutkörperchen für einige Zeit nicht im Normbereich und sei die Kommunikation zwischen den Zellen gestört.

"Das Immunsystem funktioniert wie ein Uhrwerk. Wenn ein Rädchen nicht läuft, geht die Uhr nicht. Gerade bei Chronic-Fatique-Syndrom ist es messbar, dass es nicht im Normalzustand arbeitet", erklärt Falk. "Weil das Immunsystem zudem eng verzahnt ist mit dem Herz-Kreislauf- und dem Nervensystem, erleidet man eine kombinierte neuromotorische Störung. Warum sie nach Covid-19 länger dauern als nach einer Influenza und auch nach leichten Krankheitsverläufen vorkommen, ist jedoch ein Rätsel", sagt Falk. "Solange dem so ist, sollte man sich möglichst nicht anstecken."

Vor einer Neuansteckung hat Tanja B. denn auch Angst. "Ich bin entsetzt, dass man sich jetzt wieder beim Arzt persönlich krankmelden muss", sagt mit Verweis auf eine in Österreich erlassene neue Regelung. "Als ich zum letzten Mal dort saß, stellte ich später heraus, dass ich Corona hatte. Als ich das meiner Ärztin erzählte, sagte sie: "Ich hatte es auch, aber sagen Sie’s niemandem."