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Coronavirus lässt Wohlstand in Österreich sinken

Von Martina Madner

Politik
Weil Lehrstellen und Einstiegsarbeitsplätze für Jugendliche aktuell nicht ausreichen, fordert die AK zusätzliche Plätze in überbetrieblichen Lehrwerkstätten und Schulen.
© Getty Images/Sean Gallup

Der AK-Wohlstandsbericht zeigt, dass sich die Covid-19-Krise insbesondere auf den Arbeitsmarkt stark auswirkt.


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Wien. Auch im dritten Wohlstandsbericht der Arbeiterkammer zeigt sich: Österreich zählt nach wie vor zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Wohlstandsniveau. "Beim verfügbaren Einkommen in der Mittelschicht liegt Österreich an der zweiten Stelle in der EU", sagt Markus Marterbauer, Leiter der Wirtschaftswissenschaft der AK. "Österreich hat sich mit Konsenspolitik als Krisenelement über Jahrzehnte eine gute Ausgangslage erarbeitet."

Das war es dann auch schon mit den guten Nachrichten aus dem Bericht von 27 Expertinnen und Experten: Während das Wohlstandsniveau in den Bereichen Lebensqualität und Umwelt auch in der Corona-Krise annähernd gleich bleibt, sacken wirtschaftliche Stabilität und die Verteilung des Materiellen leicht ab. Besonders drastisch fällt allerdings das Minus bei der Dimension "Vollbeschäftigung und gute Arbeit" aus: "Den größten Rückschlag gibt es am Arbeitsmarkt, wo noch eine Pleitewelle zu folgen droht", sagt Marterbauer.

Zehntausende staatlich finanzierte Stellen gefordert

Die Qualität der Arbeit leidet, die unbezahlte Arbeit hat zugenommen. Vor allem aber steigen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung stark an: Konkret sind diese Woche 405.575 Personen beim AMS gemeldet, das ist ein Plus von 74.000 gegenüber 2019. Insbesondere Langzeitbeschäftigungslose und junge Arbeitslose, die den Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht schaffen, bereiten Marterbauer Sorge.

Diese Sorge sieht er noch zu wenig in der Regierung angekommen: "Nach sieben Monaten der Massenarbeitslosigkeit haben wir nicht den Eindruck, dass die Ministerin den Ernst der Lage erkannt hat." Stellvertretend für die Arbeiterkammer fordert er von Arbeitsministerin Christine Aschbacher jetzt Geld speziell für die hauptbetroffenen Gruppen der Arbeitslosen in die Hand zu nehmen und massiv staatlich zu intervenieren: Es brauche zehntausende Arbeitsplätze für Fachkräfte, zehntausende Ausbildungsplätze für junge und zehntausende Stellen für Langzeitarbeitslose.

Er verstehe nicht, warum die Regierung beispielsweise für junge Arbeitslose nicht schon im Sommer zusätzliche Stellen in überbetrieblichen Lehrwerkstätten bereitgestellt habe. "Man hätte die Schulen und Fachhochschulen durchrufen können und fragen, wo man zusätzliche Klassen einfügen hätte können", sagt er.

Schon beim Arbeitsmarktgipfel der Sozialpartner und der Regierung Mitte September waren auch die Verbesserung digitaler Kompetenzen von Jugendlichen etwa bei Arbeitsprogrammen wie Word und die Verlängerung des Zivildienstes oder ein Freiwilliges Soziales Jahr anstelle von Arbeitslosigkeit als Überbrückung Thema.

Sylvia Leodolter, Leiterin der Abteilung Umwelt und Verkehr, sieht auch in lnvestitionen in den Klimaschutz eine Win-win-Situation: Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs böte viel Arbeit, erst im Bau und Baunebengewerbe, später im Betrieb. "Die Krise hat gezeigt, dass viele Bereiche der Daseinsvorsorge sehr systemrelevant und stabilisierend für die Wirtschaft sind. Gemeinden und Städte spielen dabei eine große Rolle als Arbeitgeber."

Die stellvertretende Leiterin der AK-Sozialpolitik Silvia Hruska-Frank ergänzt um Pflege und Bildung. Auch hier Win-win und zwar für "Frauen, die auch in der Krise den Löwinnenanteil der unbezahlten Arbeit schulterten" und durch Fachkräfte von Betreuungsarbeit entlastet würden. Für diese fordert sie auch in den Betrieben "drei As": Autonomie, also Mitbestimmung, Anerkennung und einen Ausgleich. Mit einer Arbeitszeitverkürzung würde die Arbeit von Teilzeitarbeitenden aufgewertet, "auch um Fraueneinkommen zu stärken", sagt Marterbauer.

Einer der deutlich negativen Ausreißer im Wohlstandsbericht ist der Gender-Pay-Gap: Er war bereits bisher sehr groß, "Fortschritte können wir hier keine feststellen", sagt der AK-Ökonom. Er rechnet eher mit dem Gegenteil.