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Countdown für "Jahrhundert-Umzug"

Von Franz Nickel, Berlin

Politik

Den heutigen Donnerstag kann man getrost im Kalender ankreuzen: Am Rheinufer tritt der deutsche Bundestag zu seiner letzten Sitzung in Bonn zusammen, um den neuen Bundespräsidenten Johannes Rau zu | vereidigen. Ebenfalls heute beginnt offiziell der vor acht Jahren beschlossene Regierungsumzug nach Berlin, auch wenn Franz Müntefering (SPD) mit dem Ressort Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen schon | vor vier Tagen vor Dutzenden Kameraleuten den letzten Karton von 90 m³ Umzugsgut in sein neues Büro in der Berliner Krausenstraße 17·20 schleppte.


Während in Bonn eine ganze Welle von Abschiedsfesten über die Bühne geht · die SPD hatte 4.000 Gäste zum Gartenfest geladen, die Hessen ihren Abschied vom Rhein begossen, die Saarländer ein

Sommerfest veranstaltet und ab heute ein zweitägiges Abschiedsfest für die Bonner Bürger läuft · rollt eine wahre Lawine auf Berlin zu. In einem logistischen Kraftakt ohnegleichen werden ab heute für

den Bundestag 70.000 Umzugskartone gepackt.

In der Nacht vom kommenden Montag zu Dienstag werden die ersten Container per Bahn von Köln nach Berlin transportiert. Bis Ende Juli rollen insgesamt 24 Güterzüge an die Spree mit rund 50.000 m³

Umzugsgut (Büromöbel und Akten) sowie 11.000 m Archivakten. Auch 38.000 m Bücher mit 1,3 Millionen Bänden · nach Washington und Tokio die drittgrößte Parlamentsbibliothek der Welt · ziehen nach

Berlin um.

Bis September sollen die Ressorts Inneres, Justiz, Gesundheit, Arbeit und Umwelt sowie das Bundespresseamt komplett in Berlin sein. Bis 6. September will die Bundesregierung etwa 4.000 der insgesamt

6.800 Arbeitsplätze von Bonn nach Berlin verlegt haben. Rund 11.000 Arbeitsplätze der Ministerien verbleiben weiter in Bonn. Aber fast alle Neuberliner müssen zunächst in Übergangsquartiere ziehen,

da die Neubauten erst in den Jahren 2000 und 2001 fertig werden. Mehrmaliges Umziehen ist vorprogrammiert. Auch Kanzler Schröder muß noch für ein Jahr im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR agieren,

weil die Regierungszentrale am Spreebogen erst Ende 2000 fertig wird. Mit seiner Familie wird er aber bereits am 9. September von Hannover nach Berlin umziehen, wenn die Villa in der Zehlendorfer

Pücklenstraße 14, eins Regierungsgästehaus, für 2,4 Mill. DM umgebaut sein wird.

Die Neuberliner werden hier in der Hauptstadt besonders durch den Bund so großzügig umsorgt, daß viele Alteingesessene nicht zu Unrecht meinen, denen würde Zucker in den Allerwertesten geblasen.

Obwohl in Berlin massenweise Kindergartenplätze frei sind, wurde für 10 Mill. DM eine noble neue Tagesstätte für Kinder von Bundestagsabgeordneten spendiert. An den schönsten Fleckchen Berlins und

Brandenburgs schießen tausende Beamtenwohnungen aus dem Boden, obwohl ein Überangebot vorhanden ist. Im Südwesten Berlins entsteht eine Großsiedlung mit 1.240 Eigenheimen für Bundesbedienstete. Etwa

3.000 Regierungsangestellte werden Häuser und Wohnungen in den Nobelvierteln Zehlendorf und Lichterfelde beziehen. 3.225 ehemalige hochwertige Alliiertenwohnungen · jetzt von Berlinern genutzt ·

müssen für Bundesbedienstete geräumt werden. 4.140 Grundstücke stellt der Bund für Eigenheimbauer zur Verfügung. Insgesamt sind 9.177 Wohneinheiten für Umzügler und Pendler vorgesehen. Apropos

Pendler: Jedes Wochenende wird mit 3.700 "Regierungspendlern" gerechnet, die per Flugzeug oder ICE ins Wochenende starten. Schon morgen heben die ersten Pendler-Maschinen ab, ab 4. Juli rollen die

ersten Pendler-ICEs. Und damit keiner der Ministerial-Beamten in der großen Stadt verloren geht, werden sie eine "Bonn-Berlin-Karte" um den Hals tragen, die sie von einem der speziell geschulten 15

Mitarbeitern des eigens für Bonner Pendler eingerichteten Reisebüros umgehängt erhalten.