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Countdown to Schwachsinn

Von Simon Rosner

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Die Uefa setzt bei dieser Euro auf noch mehr Show als vor vier Jahren, im Stadion selbst spielt der Fußball bald nicht mehr die Hauptrolle.


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"Zehn, neun, acht, sieben. . ." Der Stadionsprecher legt so viel Euphorie in seine Stimme, als wäre der "Countdown to Kick-off", den die Uefa bei dieser EM verpflichtend eingeführt hat, der erste Höhepunkt des Fußballabends. Folgsam zählen die Zuschauer mit, die Masse macht beim Fußball jeden Blödsinn mit. Und sie haben für diesen Moment ja auch geübt.

Eine Viertelstunde davor gibt’s einen Probe-Countdown, um die Sekunden vor der scheinbar notwendig gewordenen Tanzchoreographie herunterzuzählen. "Sechs, fünf, vier. . ." Zählen ist zwar nicht sehr schwer, aber da die Zahlen auch auf den Videoleinwänden im Stadion aufscheinen, kann nichts mehr passieren, fast wie bei Karaoke.

Bei jeder Partie gibt es insgesamt drei Stadionsprecher. Neben dem Neutralen darf jedes Team einen eigenen mitbringen, der dann beispielsweise auch bei Toren seiner Mannschaft den Namen des Schützen ins Mikrofon brüllt. Vor jeder Partie bekommen die sogenannten "Team Speaker" auch ein paar Minuten eingeräumt, um die eigenen Fans anzuheizen. Es ist ein kleines bisschen Lokalkolorit im straffen und von vorne bis hinten durchdesignten Matchablauf.

"Please do not stand on your seat, since it damages the seat", sagt der Stadionsprecher zwischendurch. Er weist auch auf das Rauchverbot hin, das überall gilt, selbst in den offenen Bereichen unmittelbar vor dem Stadion, wo Dutzende Ordner patrouillieren. Sie sind zwar meistens keiner Fremdsprache mächtig, aber mit wildem Herumgefuchtel vor dem Gesicht und einem scharfen "No!" machen sie sich auch so verständlich. Weniger überzeugend waren freilich die zwei Polizisten in Posen, die in einem verschlungenen Stadiongang zwar auch "No!" sagten, allerdings selbst gerade eine Zigarette rauchten. Sie sahen ein, dass sie sich selbst um die Argumente gebracht haben.

Dass die Stadien rauchfrei sind, hat nicht nur mit der lokalen Gesetzgebung zu tun, die Uefa ist auch Erzieherin, und Sport und Rauchen passt eben nicht zusammen. Alkohol und Sport zwar auch nicht, allerdings gibt es in der EU kein Werbeverbot für Bier. Darum darf der Uefa-Sponsor Carlsberg für einen Obulus an die Uefa die Fans im Stadion zum Trinken animieren.

Auch zur Art der Anfeuerung versucht die Uefa zu erziehen. Der Stadionsprecher initiiert vor dem Anpfiff die Welle. "Beautiful", sagt er ermutigend, als sie endlich funktioniert, "One more time", schreit er. Diesmal klingt es wie ein Befehl.

Auch für die Aufstellungen hat sich die Uefa etwas einfallen lassen. Das bloße Verlesen von Namen ist ja so etwas von 20. Jahrhundert, heute wird jeder Spieler in bewegten Bildern auf der Videowand und im TV vorgestellt. Dafür mussten sämtliche Spieler ein und dieselbe Bewegung machen: ein Schritt nach vorne, dann die Arme verschränken. Das soll vermutlich Entschlossenheit ausdrücken.

Wenn die Hymnen dann absolviert sind, hat noch einmal der Stadionsprecher das Sagen. Er muss ja den Countdown beginnen. "Let’s count", schreit er. "Drei, zwei, eins". Dann ertönt ein Pfiff, die Show ist vorbei, das war’s. Ach nein, fast hätte man es vergessen: Jetzt beginnt ja erst das Fußballspiel.